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Transgender-Frau bei Olympia : Ist das fair?

Laurel Hubbard unter „dem Druck einer Welt, die nicht wirklich für Menschen wie mich gemacht ist“. Bild: AP

Gewichtheberin Laurel Hubbard aus Neuseeland ist die erste Transgender-Frau bei Olympia. In Tokio steht sie im Fokus. Eine Regelung, die allen Aspekten gerecht wird, sucht das IOC noch.

          4 Min.

          Es wird sich nicht verhindern lassen: An diesem Montag werden die Augen der Sportwelt sich auf das Gewichtheben richten. Auf diese vertrackte Sportart, die aufgrund ihrer zahlreichen Skandale bei den Spielen in Tokio eigentlich nur noch ein Schattendasein führt. Doch nun wird eine Superschwergewichtlerin die Heberbühne betreten, die schon dadurch weltweites Aufsehen erregt, dass es sie überhaupt gibt: Laurel Hubbard aus Neuseeland, die erste offen lebende Transgender-Frau, die bei Olympischen Spielen zu einem Wettkampf antritt.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Die Aufmerksamkeit ist eigentlich zu viel für sie, die 43 Jahre alte Stemmerin gibt deshalb schon lange keine Interviews mehr. Und das Neuseeländische Olympische Komitee hat sich bemüht, sie auf die Situation vorzubereiten, dass die Leute sie mit ganz anderen Blicken anschauen werden als andere Sportlerinnen. Neugierig, vielleicht forschend, vielleicht kritisch, vielleicht sensationsgierig. Sieht man es? Was signalisiert uns die hohe Stirn? Der massive Körperbau?

          Laurel Hubbard wurde am 9.Februar 1978 in Auckland als männliches Kind geboren. Als dem jungen Mann immer bewusster wurde, dass er sich in einem weiblichen Körper eigentlich richtiger fühlen würde, versuchte er, diese Gedanken durch eine besonders maskulin wirkende Sportart zum Verschwinden zu bringen. Er wurde ein leidlicher Gewichtheber, nahm an regionalen Wettbewerben teil, hatte aber nie das Zeug für die internationale Bühne.

          „Ich bin, wer ich bin“

          Als er 20 war, hob er mit 300 Kilogramm im olympischen Zweikampf (Reißen und Stoßen) seine Bestleistung. Mit 23 Jahren hörte er auf. Es dauerte aber noch zwölf Jahre, bis er sich entschloss, künftig als Frau zu leben. Mit 35 fing diese Frau auch mit dem Gewichtheben wieder an. „Die Welt hat sich natürlich verändert, und ich habe jetzt das Gefühl, dass ich in einer Lage bin, in der ich trainieren und zu Wettkämpfen antreten und mit all dem umgehen kann – dem Druck einer Welt, die nicht wirklich für Menschen wie mich gemacht ist.“

          Mangels aktueller Auftritte werden immer wieder Worte von Hubbard aus einem Interview zitiert, das sie schon im Jahr 2017 gab: „Ich bin, wer ich bin. Ich bin nicht hier, um die Welt zu verändern.“ Sie will also einfach nur Gewichte stemmen in einem Frauen-Starterfeld, weil sie sich als Frau sieht und fühlt. Aber das führt zu kontroversen Diskussionen. Die Frage, ob das olympische Prinzip der Fairness bei dieser Konstellation gewahrt ist, konnte bisher noch nicht zufriedenstellend beantwortet werden.

          Bis dato ist unklar, welchen Vorteil Laurel Hubbard trotz medikamentöser Beeinflussung ihres Testosteronlevels gegenüber einer mit einem weiblichen Körper geborenen Schwerathletin allein dadurch hat, dass ihr Körper einst eine männliche Pubertät durchlaufen hat. Bekannt ist, dass sich in dieser Zeit der männliche Körper kräftiger entwickelt als der weibliche. Die Knochen werden fester, die Muskelmasse größer, die Leistungsfähigkeit höher.

          Quervergleiche im Gewichtheben und Powerlifting scheinen zu belegen, dass die männliche Pubertät einem Körper einen Kraftvorteil bei gleicher Masse und Größe von 30 bis 40 Prozent verschafft. Diese Erkenntnis publizierten die britische Entwicklungsbiologin Emma Hilton und der schwedische Physiologe Tommy Lundberg in einem Fachartikel vom vergangenen Dezember. Hubbards Bestleistung als Frau beträgt 285 Kilogramm. Das bedeutet einen Leistungsverlust von nur fünf Prozent durch die medikamentöse Anpassung, und das, obwohl sie inzwischen 23 Jahre älter geworden ist. Eine Medaille ist damit in Tokio drin.

          Nicht auflösbarer Widerspruch

          „Es gibt Forschung dazu“, sagte am Freitag in einem erstaunlich offenen Roundtable-Gespräch in Tokio Richard Budgett, der Chefmediziner des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). „Aber es hängt davon ab, ob man von der Auffassung ausgeht, dass Inklusion die erste Priorität hat, oder ob größtmögliche, absolute Fairness die Priorität hat.“

          Im Geist des Regenbogens, zu dem sich derzeit immer mehr Sportler bekennen, scheint auf den ersten Blick eigentlich klar, was mehr wiegt: die Toleranz. Aber ausgerechnet im Sport selbst, dessen Grundlage die Verdrängung durch physischen Leistungsvergleich ist? Könnten dadurch künftig Frauen, die nicht die körperlichen Entwicklungsschritte einer männlichen Pubertät durchlaufen haben, vielleicht sogar aus dem Sport verdrängt werden?

          Das IOC hat ankündigt, in den nächsten zwei Monaten neue, gerechtere Richtlinien zu präsentieren.
          Das IOC hat ankündigt, in den nächsten zwei Monaten neue, gerechtere Richtlinien zu präsentieren. : Bild: F.A.Z.

          Es ist ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt, auch wenn das IOC ankündigt, in den nächsten zwei Monaten neue, gerechtere Richtlinien zu präsentieren. „Ich denke, es ist die Aufgabe der ganzen Sportbewegung“, sagte Budgett, „und speziell der internationalen Verbände, sicherzustellen, dass sie den Frauensport schützen.“ Sie hätten so vieles getan, um dorthin zu kommen, wo sie jetzt stünden. „Wir haben 100 Jahre damit verbracht, für Frauensport zu werben.“

          Nur eine betroffene Athletin, die Belgierin Anna Vanbellinghen, die aufgrund ihrer Vorleistung an diesem Montag lediglich in der B-Gruppe des Superschwergewichts (über 87 Kilogramm Körpergewicht) antreten kann und nicht direkt auf Hubbard treffen wird, hat bisher den Mut gefunden, sich kritisch zu äußern. Im Mai nannte sie gegenüber dem Branchendienst „insidethegames“ die Lage einen „schlechten Witz“. Sie unterstütze grundsätzlich die Transgender-Gemeinschaft, jeder solle Zugang zum Sport haben, „aber nicht auf Kosten der anderen“.

          Bach gibt sich zugeknöpft

          IOC-Präsident Thomas Bach gab sich bei einer Pressekonferenz in Tokio zu der Frage recht zugeknöpft. Die Qualifikations-Regeln habe der Gewichtheber-Weltverband festgelegt, und nach diesen Regeln habe Hubbard sich qualifiziert. „Das IOC ist in einer Ermittlungsphase mit allen Beteiligten“, sagte er, „um die Regeln zu überprüfen und am Ende mit Richtlinien herauszukommen, die keine Regeln sein können, weil dies eine Frage ist, in der es keine Einheitslösung geben kann.“ Im Rugby zum Beispiel sind Transgender-Frauen nicht zu Frauenmannschaften zugelassen – aus Sicherheitsgründen, um schwere Verletzungen durch die höhere Schlagkraft eines männlich geborenen Körpers zu verhindern. Ähnliche Probleme könnten sich eines Tages in Kampfsportarten stellen.

          Seit 2015 gelten Richtlinien des IOC, an denen sich der Weltverband der Gewichtheber orientiert hat. Danach muss eine Person, die sich zur Frau erklärt hat, für mindestens vier Jahre daran festhalten. Und ihr Testosteronlevel für mindestens zwölf Monate auf einen Wert von 10 Nanomol pro Liter Blut gesenkt werden. Eine umwandelnde Operation ist nicht gefordert. In der Leichtathletik wurde ein anderer Wert festgelegt: die Hälfte. Doch diese Werte sind willkürlich. In der Regel weist eine weiblich geborene Frau kaum zwei Nanomol pro Liter auf. Aber es gibt auch Ausnahmen. Man wisse heute, dass es Männer mit einem Wert von nur sieben gebe und Frauen könnten auch höher liegen, sagte Budgett. „Sich auf eine andere Zahl zu einigen ist fast unmöglich und vielleicht irrelevant. Man kann das endlos debattieren.“

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          Das IOC feiert die Spiele von Tokio als die ersten, in denen Männer und Frauen zu gleichen Teilen starten dürfen. Frauen-Gewichtheben ist überhaupt erst seit den Olympischen Spielen 2000 in Sydney im Programm. Doch ausgerechnet jetzt, da die Balance erreicht ist, fängt die Grenze zwischen den Geschlechtern an, unscharf zu werden. Männliche Athleten werden allerdings niemals vor einem ähnlichen Problem stehen. Frauen, die sich dafür entscheiden, als Männer zu leben, sind im Sport keine Bedrohung für sie. Wie so oft ist es das körperlich schwächere Geschlecht, auf dessen Rücken eine Diskussion ausgetragen wird, die eigentlich alle angeht.

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