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Ärger um Japans Olympia-Chef : Keine Lust auf Mori

Japans Olympia-Chef sorgt für einen Eklat: viel Ärger nach Äußerungen für Yoshiro Mori Bild: Reuters

Der Eklat um die abfällige Bemerkung über Frauen ist für Japans Olympia-Macher Yoshiro Mori noch nicht beendet. Denn trotz der Entschuldigung werden die Rufe nach dem Rücktritt des Sportfunktionärs lauter.

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          Jahrelang hatte der frühere japanische Ministerpräsident Shinzo Abe sich dafür eingesetzt, dass Japans Frauen gleichberechtigt in das Berufsleben integriert werden. In der stark von Männern dominierten japanischen Gesellschaft waren die Erfolge in dieser Hinsicht spärlich. Was Abe nicht richtig gelang, das treibt nun ein anderer früherer Ministerpräsident, Yoshiro Mori, ungewollt voran. Mit seiner abfälligen Bemerkung über Frauen, die mit viel Reden Sitzungen in die Länge zögen, hilft Mori der Gleichberechtigung der Frauen in Japan wohl mehr als Abes guter Wille. Denn die öffentliche Empörung über die Aussage reißt nicht ab – und der Schaden für die Olympischen Spiele in Tokio, die Mori als Präsident des Vorbereitungskomitees organisieren soll, steigt.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Noch Tage nach der Äußerung macht Mori Schlagzeilen in den Zeitungen und in den Abendnachrichten. Die Stadt Tokio und das Vorbereitungskomitee für die Olympischen Spiele erhielten Tausende von Protestanrufen. Etwa 400 von geplanten Zehntausenden Freiwilligen für die Spiele zogen sich aus Protest zurück. In einer Internet-Petition fordern mehr als 140.000 Unterzeichner, dass die Angelegenheit nicht mit der Entschuldigung Moris erledigt sei. Fast 60 Prozent der Befragten sagten in einer Umfrage, Mori sei für seine Aufgabe nicht geeignet.

          Skandal schadet dem Ansehen des Landes

          International schadet der Skandal dem Ansehen des Landes. Die deutsche Botschafterin Ina Lepel und Mitarbeiter verbreiteten kurz nach Moris Äußerungen auf dem offiziellen Twitter-Kanal der Delegation die Botschaft „Geschlechtergerechtigkeit“ und „Don’t be silent“. Analog reagierten andere europäische Botschaften in Japan. Zunehmend kritisieren auch japanische Spitzensportler wie die Tennisspielerin Naomi Osaka die Äußerung. Manche Sportler legen Mori indirekt den Rücktritt nahe. Die Sponsoren der Spiele äußern Kritik. In einer Umfrage des Fernsehsenders NHK erklärten 27 von 70 befragten Unternehmen, der Kommentar Moris sei inakzeptabel. Bei manchen Sponsoren beschweren sich Kunden und verlangen Moris Rücktritt.

          Als Reaktion auch auf die öffentliche Meinung plant das Organisationskomitee für Freitag eine Sitzung seines Vorstands und seiner Berater, auf der über Moris Äußerung gesprochen werden soll. Eine japanische Sportzeitung berichtet, dass ein Rücktritt nicht auf der Tagesordnung stünde. Das passt zu der bisherigen von Sportvertretern und der japanischen Politik verfolgten Linie.

          Das Internationale Olympische Komitee nannte Moris Äußerungen am Dienstag „absolut unangemessen“ und stellte in einer Pressemitteilung die eigenen Anstrengungen für die Gleichberechtigung von Frauen heraus. Doch schon vergangene Woche hatten das IOC und das Internationale Paralympische Komitee die Angelegenheit für abgeschlossen erklärt, nachdem Mori seine Äußerung zurückgezogen und sich entschuldigt hatte.

          Mori bietet Rücktritt an

          In ähnliche Verlegenheit geraten japanische Sportoffizielle. Der Präsident des Japanischen Olympischen Komitees, IOC-Mitglied Yasuhiro Yamashita, erklärte am Dienstag, die Bemerkungen Moris verletzten den olympischen Geist. In der Sitzung, in der Mori abfällig über Frauen sprach, widersprach Yamashita aber nicht. Der ehemalige Judoka rechtfertigt das damit, dass andere Themen der 40-minütigen Ansprache Moris die Sache überlagert hätten.

          Der 83 Jahre Mori selbst hatte in einem Zeitungsinterview erklärt, dass er schon am Tag nach der Äußerung habe zurücktreten wollen, um Schaden von den Spielen abzuwenden. Der geschäftsführende Direktor des Komitees, Toshiro Muto, und andere hätten ihn aber davon abgehalten mit dem Verweis darauf, dass er eine Verantwortung für die Spiele und die Mitarbeiter des Komitees habe. Tatsächlich ist Mori, der frühere Vorsitzende des japanischen Rugbyverbands, wie wenige andere in der Politik und im Sport verdrahtet. Er weiß, nach japanischer Tradition im Vorfeld von Entscheidungen in den Hinterzimmern Kompromisse zu schmieden, so dass Kontroversen nicht öffentlich werden.

          Mori war von 2000 bis 2001 Ministerpräsident und ist die graue Eminenz der wichtigsten Parlamentsfraktion der regierenden Liberaldemokraten (LDP). Sein großes Gewicht in der Politik ist einer der Gründe, dass Ministerpräsident Yoshihide Suga und andere ranghohe LDP-Politiker Mori zwar rügen, nicht aber von Rücktritt sprechen. Andere Japaner sind da unbefangener. Der an Krebs erkrankte Mori berichtete in dem Interview, dass seine Enkelin wütend sei und ihn zum Rücktritt aufgefordert habe, auch um sein Leben nicht zu verkürzen. Als ein möglicher Nachfolger Moris wird über Abe spekuliert.

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