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Anti-Doping-Kampf : „Wir sind von Whistleblowern abhängig“

Der norwegische Anti-Doping-Experte Rune Andersen ist Sonderberater des NOK Norwegens. Bild: AP

Rune Andersen empfahl, den Ausschluss von Russlands Leichtathleten über die Spiele in Rio hinaus aufrecht zu erhalten. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Fehler, triumphierende Russen und die Zukunft im Kampf gegen Doping.

          5 Min.

          Der norwegische Anti-Doping-Experte Rune Andersen war zunächst beim Nationalen Olympischen Komitee seines Heimatlandes beschäftigt und von 2002 bis 2014 bei der Welt-Anti-Doping- Agentur. Seitdem ist er Sonderberater des NOK Norwegens. Der 63- Jährige leitete die Task Force des Leichtathletik-Weltverbandes, die empfahl, den Ausschluss des russischen Verbandes über die Spiele von Rio hinaus aufrecht zu erhalten.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Sie waren bei der Wada für die Erstellung des Welt-Anti-Doping-Kodex’ zuständig. Das oberste Sport-Schiedsgericht Cas hat am Montag der Weitspringerin Darja Klischina die Teilnahme an den Spielen erlaubt - als einziger Russin in der Leichtathletik -, obwohl die IAAF Beweise dafür vorlegte, dass Doping-Proben von ihr geöffnet worden waren und eine Probe, ausweislich der DNA, von zwei Personen stammte. Haben Sie einen wichtigen Bereich vergessen: staatliches Doping?

          Ich will den speziellen Fall nicht diskutieren. Aber generell: Der Kodex ist dreimal erarbeitet worden nach Konsultation von Tausenden von Stakeholders, zuletzt 2015. Das hat jedes Mal zwei Jahre gedauert; darin stecken also sechs Jahre Beratung und Abertausende Kommentare. Wenn Sie fragen, ob er relevant ist: Ja, ist er. Gibt es Schlupflöcher? Selbstverständlich, man kann in jedem Gesetz Möglichkeiten finden, es zu umgehen. Er ist so gut, wie er sein kann.

          Beschäftigt er sich mit staatlichem Doping?

          Nein. In Artikel 2 haben wir alles berücksichtigt, was Regelverletzungen durch Sportler betrifft. Aber was die Konsequenzen staatlichen Dopings, die Folgen des Scheiterns internationaler Verbände im Umgang mit Doping-Fällen betrifft, sind die Mittel der Wada sehr beschränkt. Sie kann lediglich feststellen, dass ein Unterzeichner nicht in Übereinstimmung mit dem Kodex ist. Konsequenzen zieht jemand anders.


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          Der Sport und die Regierungen, die die Wada unterhalten, müssen die Frage beantworten, welches Werkzeug sie ihr in die Hand geben für den Fall von Regelverletzungen.

          Muss die Wada Sanktionen verhängen können? Welche?

          Ich will nicht spekulieren. Die Wada braucht Werkzeuge, ob das Sanktionen sind oder anderes. Wenn Verfehlungen keine Konsequenzen haben, signalisiert das: Es ist egal. Ihr könnt weitermachen.

          Würden Sie die aktuelle Situation mit einer russischen Mannschaft bei den Olympischen Spielen - außer in der Leichtathletik und im Gewichtheben - als Sanktion betrachten oder nicht?

          Mir ist egal, wie man es nennt. Es ist die Folge der Regelverletzungen.

          Mutko ist nicht hier, Jefimowa ist hier geschwommen.

          Natürlich ist es eine Konsequenz, dass der russische Sportminister nicht hier ist. Übers Schwimmen will ich nicht sprechen. Ich bin enttäuscht, dass andere nicht dem Beispiel der IAAF gefolgt sind, der es gelang, Doping wirklich anzugehen und Konsequenzen zu verhängen für den Betrug.

          Glauben Sie, dass im Lichte dessen, was passiert ist, jemals noch ein Whistleblower auf Doping oder Manipulationen hinweisen wird?

          Ich bin sehr besorgt. Ich fürchte, dass Whistleblower nicht ausreichend belohnt werden. Was wir in der IAAF-Task-Force versucht haben und wobei uns das Council der IAAF folgte, war, ein deutliches Signal zu geben, dass wir abhängig sind von Whistleblowern. Sie sind ein wichtiger Teil des Werkzeugkastens zur Doping-Bekämpfung. Wir müssen uns um sie kümmern und ihnen ein positives Feedback geben. Sie sollten die Belohnung erhalten, die sie verdienen.

          Deshalb durfte Julija Stepanowa bei der Europameisterschaft starten, deshalb sollte sie nach Ihrem Willen auch bei Olympia antreten dürfen. Stattdessen hat das IOC sie rausgeworfen, und nun wird sie praktisch bedroht. Können Sie sich vorstellen, wie dies noch gutgemacht werden könnte?

          Darauf habe ich keine Antwort. Wenn ich eine Lösung sähe, würde ich daran arbeiten. Das Signal, das die jüngsten Entscheidungen geben, ermutigt Whistleblower nicht, uns Anti-Doping-Leute über Unregelmäßigkeiten oder Auffälligkeiten zu informieren. Sie können vielleicht ihr Gewissen erleichtern. Aber sie haben nichts davon. Sie haben nur negative Folgen zu gewärtigen. Also werden sie nicht mal drüber nachdenken, es zu tun.

          Sind IOC und Wada in der Lage, saubere Athleten zu schützen? Wollen sie es überhaupt?

          Die Wada ist gegründet worden, um saubere Athleten zu schützen. Das tut sie. Jeden Tag. Ich weiß das. Das IOC sagt, dass es null Toleranz für Doping hat. Für das IOC ist es wichtig, dies zu beweisen. Taten sagen mehr als Worte. Was das IOC tausendmal sagt, muss sich in seinem Handeln materialisieren.

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