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Umgang mit Kameltreiber-Eklat : Der Fall Hörmann

  • -Aktualisiert am

Delegationsleiter des deutschen Teams bei Olympia: Alfons Hörmann Bild: dpa

Der Delegationsleiter erkannte spät, dass das Festhalten an Patrick Moster ein Fehler war. Bei Alfons Hörmann schwingt der Verdacht mit, er verniedliche Entgleisungen. Weil sie ihm selbst unterlaufen.

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          Patrick Moster ist nun doch von Tokio aus nach Deutschland zurückgeschickt worden. Das ist die richtige Entscheidung. Nach seinen diskriminierenden Äußerungen während des Einzelzeitfahrens der Männer vor den Toren Tokios hatte der Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) im Olympiateam nichts mehr zu suchen. Wer Athleten aus Algerien und Eritrea als „Kameltreiber“ bezeichnet, verstößt gegen die Grundwerte der olympischen Bewegung.

          Da diese Entgleisung in aller Öffentlichkeit geschah und aufgezeichnet wurde, war der Fall sofort klar. Moster selbst erklärte, dass so etwas nicht passieren dürfe. Athleten, Funktionäre, Politiker haben die Tragweite im Handumdrehen erkannt und eine Demission Mosters gefordert. Die Delegationsleitung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), eingesetzt, um in solchen Fällen schnell, gerecht und mit sicherer Hand zu reagieren, brauchte einen Tag, um zu erkennen, dass sie sich mit dem Festhalten an Moster gewaltig vergaloppiert hatte. Warum?

          Es sind schon Mannschaftsmitglieder aus geringeren Gründen aus dem olympischen Dorf verwiesen worden. 2012, während der Sommerspiele von London, schickte der DOSB eine Athletin des Ruderverbandes nach Hause, weil sie mit einem dem rechtsradikalen Milieu zugeordneten Mann befreundet war. Eine harte Entscheidung, die der damalige Chef de Mission, Michael Vesper, nach einem Gespräch mit der Athletin traf, weil er glaubte, nur so die Sportlerin und das Team schützen zu können. Ein komplexer Fall.

          Eine Haltung im Hinterstübchen

          Die Affäre Moster aber bot keinen Spielraum für lange Diskussionen. Zumal der Funktionär eine Vorbildfunktion erfüllen muss. Seine Einlassung, unter hohem Druck während des olympischen Rennens gestanden zu haben, mag stimmen. Ihm ist aber nicht etwa ein Schimpfwort herausgerutscht, wie es in einem ungezügelten Moment geschieht. Algerier, Eritreer „Kameltreiber“ zu nennen spiegelt eine Haltung, abgelegt im Hinterstübchen, die dann zum Vorschein kommt, wenn die Selbstkontrolle versagt. Unter Druck.

          Dem Delegationsleiter Alfons Hörmann blieb diese Logik offenbar verborgen. Er reagierte erst auf massiven Druck unter anderem des Internationalen Olympischen Komitees. Das bedeutet, der Chef des organisierten deutschen Sports, der als erster Mann ständig die Werte des Sports predigt, wird seinen eigenen Anforderungen nicht gerecht.

          In die offene Flanke stoßen seine Kritiker, man muss schreiben: seine Widersacher, zu Recht. Die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag spricht von einem „völligen Versagen der deutschen Delegationsleitung“ und meint damit vor allem Hörmann. Sie hatte mit einer falschen Bewertung von schweren Verhaltensverstößen gerechnet und macht nun deutlich, dass der Fall Moster zu einem Fall Hörmann geworden ist.

          Man könnte dem Mann aus dem Allgäu einen Interessenkonflikt unterstellen. Zwar ist ihm nie vorgeworfen worden, sich jemals diskriminierend geäußert zu haben. Aber seit Jahren klagen Verbandspräsidenten namentlich und öffentlich über die Neigung Hörmanns, respektlose Verhaltensweisen ihnen gegenüber an den Tag zu legen. Das war Thema während einer Mitgliederversammlung.

          Zuletzt stellte der Vorsitzende der Ethikkommission des DOSB, Thomas de Maizière, fest, dass das Vertrauen im DOSB massiv erschüttert sei. Zum Jahresende soll es Neuwahlen geben. Hörmann hat erklärt, nicht mehr antreten zu wollen. Es wäre konsequent gewesen, dann auch von der Delegationsleitung Abstand zu nehmen. Denn nach dieser Vorgeschichte schwingt immer der Verdacht mit, Hörmann verniedliche Entgleisungen. Weil sie ihm selbst unterlaufen.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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