https://www.faz.net/-hfn-8klx5

Bilanz der Spiele in Rio : Russland ist der heimliche Olympiasieger

  • -Aktualisiert am

Nicht nur die Sportgymnastinnen holten in Rio Gold für Russland. Bild: Reuters

Staats-Doping! Na und? Putins Reich bekommt in Rio auffällig oft seinen Willen. Auch die Erfolge bleiben nicht aus. Eine weitere bittere Pointe dieser Groteske könnte es am Dienstag geben.

          4 Min.

          Es war die entscheidende, die dritte Runde im Box-Finale der Schwergewichte. Der Kasache Wasili Levit hatte seinen russischen Gegner an die Seile gedrängt und bearbeitete ihn mit linken Haken. Jewgeni Tischtschenko, in schwerer Bedrängnis, blieb nur der Versuch, sich an seinen Gegner zu klammern. Alle sahen es, sogar Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), war live dabei. Der Kasache schien der einzig mögliche Sieger zu sein. Doch die drei Kampfrichter entschieden anders. Riesen-Pfeifkonzert. Auch die Nicht-Kasachen in der Messehalle Riocentro 6 skandierten: „Ka-sach-stan!“ Der Sieger sagte später: „Wenn die Richter mir den Kampf geben, haben sie ihre Gründe dafür.“

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Schon im Viertelfinale der Bantamgewichtler hatte es Ärger gegeben. Der Ire Michael Conlan unterlag dem Russen Wladimir Nikitin auf schwer nachvollziehbare Weise. Der wütende junge Mann schrie in eines der Mikrofone am Ring: „Sie sind verdammte Betrüger. Amateurboxen stinkt von Kopf bis Fuß.“ Und später fragte er über Twitter: „Hey, Vlad! Wie viel haben sie dir in Rechnung gestellt, Kumpel?“ Damit meinte er Wladimir Putin. Dem russischen Staatspräsidenten trauen sie im Sport jede Schlechtigkeit zu. Putin ist zwar als Freund des Leistungssports bekannt. Aber spätestens seit den Enthüllungen über das staatlich gelenkte Doping- und Vertuschungssystem nicht gerade als Anhänger des Fair Play. Der Ehrgeiz und die Vernetzung des einstigen KGB-Agenten auf allen Ebenen der Sportpolitik ist ein Nährboden für Verschwörungstheorien.

          Vor zwei Tagen sah sich der Box-Weltverband schließlich gezwungen, aufgrund der skandalösen Urteile einige Richter abzusetzen. 239 Kämpfe des olympischen Turniers werden untersucht. Aber die olympischen Ergebnisse bleiben bestehen. Es ist wie so oft, wenn es bei Olympia um Russland geht. Der Rest der Welt fühlt sich ohnmächtig, während sich das Sportsystem dieses Landes über Grundlagen und vollmundige Sanktionsankündigungen hinwegsetzt. Mit ihrem mit krimineller Energie betriebenen Doping-System kamen sie in Rio zumindest zum größeren Teil durch. 271 von ursprünglich 378 Athleten durften starten.

          67 Leichtathleten und acht Gewichtheber fehlten, aber nicht, weil das IOC sie ausgeschlossen hätte, sondern weil ihre Weltverbände angesichts der Lage nicht mehr anders konnten. Kaum mehr als 30 Sportler fielen durch die überhastete Prüfung der übrigen Verbände. Und auch im Fall von Julia Stepanowa bekam Russland seinen Willen - die Whistleblowerin durfte in Rio nicht starten, andere mit Doping vorbelastete Russen aber wohl. Das Pfeifkonzert in der Schwimmhalle für die Zweifach-Sünderin Julia Jefimowa, die zwei Silbermedaillen holte, änderte daran gar nichts.

          Rio de Janeiro : Olympische Spiele enden mit Spektakel

          Wie tief die wahre Verstrickung der russischen Athleten in das Staats-Doping geht, zeigt der Fall der Weitspringerin Darya Klischina. Sie lebt zwar in Florida und wurde damit nicht vom unglaubwürdigen russischen Testsystem überwacht. Aber sie startete 2013 bei der Leichtathletik-WM in Moskau und der Universiade in Kazan, wo Russland die Doping-Proben seiner Athleten manipulierte. Ein nachträglicher Ausschlussversuch des Weltverbandes, der sie zunächst als einzige Ausnahme akzeptiert hatte, scheiterte vor dem Internationalen Sportgerichtshof, Solistin Klischina wurde in Rio Neunte.

          Aber natürlich blieben auch die Erfolge nicht aus. Im Endspurt sicherte sich Russland vor Deutschland Rang vier in der Nationenwertung. Sonntag, der 14. August war Russen-Tag in Rio. Innerhalb von 24 Stunden gab es Goldmedaillen im Barrenturnen der Frauen, im Tennis-Doppel der Damen und im griechisch-römischen Ringen bis 75 Kilogramm. Außerdem Silber im Springen der Turnerinnen und im 50-Meter-Dreistellungskampf der Schützen. Dazu Bronze im Männer-Sprint auf der Radrennbahn und im Windsurfen der Frauen. Das Russen-Haus, mit dramatischem Blick auf die Copacabana, tobte.

          Tourismus-Marathon : Diese Frau ist seit 56 Jahren bei Olympia dabei

          Und dann: Einer der größten Russen-Siege dieser Spiele: Die Stabhochsprung-Weltrekordhalterin Jelena Issinbayewa, in Rio vom Weltverband ausgeschlossene Leichtathletin und eine Wortführerin der russischen Vorwärtsverteidigung, wurde von den Sportlern für acht Jahre in die Athletenkommission des IOC gewählt. Für Alexander Schukow, Politiker, Chef des Russischen Olympischen Komitees und IOC-Mitglied, ein gefundenes Fressen: „Das ist die Reaktion der Athleten auf die Ungerechtigkeit.“ Mit anderen Worten, er tat so, als wären die Athleten begierig darauf, gegen Konkurrenten anzutreten, die Teil eines staatlich orchestrierten Doping-Programms sind. Issinbayewa sieht das natürlich anders. Nichts in dem Bericht, den der kanadische Juraprofessor Richard McLaren im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur erstellte, sei belegt, behauptet sie. Alles nur Vermutungen. McLaren allerdings hat genügend Beweise in der Hand.

          Russland ist der heimliche Olympiasieger von Rio 2016. Mit keinem Wort musste das Land seine Manipulationen zugeben, niemand aus der Nomenklatura zeigte Schuldbewusstsein oder gar Reue, eine Entschuldigung gegenüber Olympia und seinen Athleten gab es nie. Allerdings besteht immer noch Hoffnung auf Konsequenzen. Der McLaren-Bericht wird auch vom IOC weiter ausgewertet. Nach den darin enthaltenen Erkenntnissen müssten eigentlich alle russischen Athleten nachträglich von den Winterspielen in Sotschi disqualifiziert werden - Russland gewann dort überlegen die Nationenwertung.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Daran schließt sich die Frage nach der Startberechtigung russischer Athleten bei den nächsten Winterspielen in Pyeongchang an. Dazu fliegen immer mehr Athleten durch die olympischen Nachtests auf. Gerade verlor die russische 4 x 400-Meter-Staffel der Frauen nachträglich die Silbermedaille von 2008 in Peking, weil eine der Läuferinnen mit Steroiden gedopt war. Und für diesen Dienstag wird ein weiterer einschneidender Richterspruch erwartet. Der Internationale Sportgerichtshof entscheidet, ob der Ausschluss der russischen Behindertensportler durch das Internationale Paralympische Komitee (IPC) von seinen Spielen in Rio rechtens ist.

          Sollte das IPC recht bekommen, rückte die IOC-Entscheidung weiter ins Zwielicht. Allerdings müssten dann die russischen Behindertensportler komplett für ein System büßen, mit dem viele Nichtbehinderte zumindest in Rio durchkamen. Das wäre eine weitere bittere Pointe dieser Groteske.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In sieben Wochen Kanzler? Kurz nach Nikolaus will sich Olaf Scholz vom Bundestag wählen lassen.

          Ampel-Koalition : So wollen SPD, Grüne und FDP verhandeln

          300 Unterhändler machen für SPD, Grüne und FDP die Einzelheiten des Koalitionsvertrags aus. In 22 Arbeitsgruppen ringen sie um Kompromisse. Doch die harten Nüsse müssen die Parteichefs selbst knacken.
          Wegen der Cum-Ex-Aktiendeals musste Olaf Scholz im April vor einem Untersuchungsausschuss in der Hamburger Bürgerschaft aussagen.

          „Cum-Cum“ : 140 Milliarden Euro Beute durch Steuertricksereien

          Die „Cum-Ex“-Deals sind inzwischen bekannt. Doch auch mithilfe anderer Modelle sollen Banken dem Fiskus Geld aus der Tasche gezogen haben – weit mehr als bisher gedacht. Möglicherweise dauert das auch immer noch an.
          Schwierige Logistik: Impfung in einer Siedlung nahe Durban, Südafrika

          Corona in Afrika : Der durchseuchte Kontinent?

          Eine Münchner Studie legt nahe, dass sehr viele Afrikaner schon eine Corona-Infektion durchlitten haben, ohne es selbst zu wissen. Wenn das so ist, brauchte man weniger Impfstoff. In der Theorie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.