https://www.faz.net/-hfn-71mqo

Olympia 2012 : Die Frauen-Show

  • -Aktualisiert am

Muslimische Frauen bei Olympia: Iranische Fußballspielerinnen wärmen sich auf Bild: REUTERS

Zum ersten Mal in der Geschichte der Spiele werden allen teilnehmenden Mannschaften Frauen angehören. Ein großer Erfolg für Jacques Rogge. Und der IOC-Präsident denkt schon weiter: Er kann sich vorstellen, dass irgendwann einmal eine Muslimin seinen Platz einnimmt.

          4 Min.

          Werden sie lächeln? Man wird es nicht sehen. Die Mienen der beiden Frauen, die so viel Hoffnung mitbringen, und gleichzeitig eine deprimierende Botschaft von Unterdrückung und Gefühllosigkeit, werden höchstwahrscheinlich verborgen sein hinter schwarzem Tuch. Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Sharkhani und Sarah Attar heißen die beiden Sportlerinnen, die an diesem Freitag bei der Eröffnungsfeier der Spiele der XXX. Olympiade historische Schritte über die Laufbahn des Stadions gehen werden. Diese beiden, bis jetzt vollkommene Unbekannte in der Welt des Sports, stehen im Brennpunkt einer ehrgeizigen Kampagne des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

          Saudi-Arabien hat dem Druck nachgegeben

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Erstmals, dies war der Herzenswunsch des Präsidenten Jacques Rogge für seine letzten Spiele, sollten allen 204 teilnehmenden Mannschaften Frauen angehören. Und nach langen, zähen Verhandlungen hat das IOC es tatsächlich geschafft. Saudi-Arabien, das Land, in dem Frauensport als Teufelswerk gilt und eine Frau ohne schriftliche Genehmigung eines männlichen Angehörigen nicht verreisen darf, hat dem beharrlichen Druck nachgegeben. Nicht nur die beiden Athletinnen, eine Judokämpferin in der Klasse über 78 Kilogramm und eine 800-Meter-Läuferin, sondern sogar mehrere Funktionärinnen werden hinter der saudischen Fahne ins Olympiastadion einmarschieren. Beiden Frauen fehlt jede sportliche Qualifikation für ihren Auftritt. Sie wurden nach komplizierter Suche aufgespürt und von den Olympiern eingeladen.

          Reaktionen zwischen Empörung und Enttäuschung

          In dem Königreich, das sie repräsentieren, dürfen beide ihren Sport nur im Verborgenen ausüben, in ständiger Angst vor einer Razzia. Schulsport gibt es nicht für saudi-arabische Mädchen, so dass die weibliche Bevölkerung der Öl-Monarchie unter Fettsucht und einer gefährlichen Neigung zum Diabetes leidet. Sarah Attar studiert nach Angaben des IOC in den Vereinigten Staaten und trainiert in San Diego. Auch Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Sharkhani ist nach Medienberichten im Ausland aufgewachsen. Beide werden sich für ihren Olympiastart strengen Vorschriften für den weiblichen Lebenswandel unterwerfen müssen. „Sie müssen passende Kleidung nach Vorschrift der Scharia tragen“, erklärte Prinz Nawaf bin Faisal, Sportminister, Präsident des Saudischen Olympischen Komitees und IOC-Mitglied, „immer von einem männlichen Aufpasser begleitet werden und dürfen sich nicht unter Männer mischen.“ Die Reaktionen innerhalb Saudi-Arabiens dürften sich sowieso eher zwischen Empörung (der religiösen Sittenwächter) und Enttäuschung bewegen. Die olympische Frauen-Show ändert nichts an den Zuständen in dem Land. Oder öffnet vielleicht doch eine bisher hermetisch verschlossene Tür einen winzigen Spalt? „Es muss noch viel getan werden für die Gleichheit der Frauen“, sagte Jacques Rogge in London.

          Auch die beiden anderen Länder, die bisher stets ohne Athletinnen bei Olympia antraten, haben sich Rogges Wunsch gefügt. Brunei entsendet die Leichtathletin Maziah Mahusin, Qatar ist gleich mit vier Sportlerinnen dabei: der Schwimmerin Nada Arkaji, der Leichtathletin Noor al-Malki, der Tischtennis-Spielerin Aya Magdi und der Schützin Bahiya Al-Hamad. Um den Effekt noch zu steigern, hat sich Qatar einen weiteren feministischen Leckerbissen für Frauenfreund Rogge ausgedacht: Bahiya Al-Hamad wird an diesem Freitag die Fahne ihres Landes tragen. Und sie tut das verdientermaßen. Die Luftpistolen-Schützin hat bei den Arabischen Spielen 2011 drei Gold- und eine Silbermedaille gewonnen und war damit erfolgreichstes Mannschaftsmitglied aus Qatar. Das Signal ist unmissverständlich: Qatar, das schon zweimal mit Bewerbungen für Olympische Sommerspiele früh gescheitert ist und sich als internationale Sportmacht etablieren will, betreibt nicht nur Kosmetik, sondern bekennt sich zum Frauensport.

          Die Schützin Bahiya Al-Hamad trägt sogar die Fahne für Qatar Bilderstrecke

          Nicht nur wegen solch spektakulärer Forschritte könnten die Spiele von London als die heimlichen Frauen-Spiele in die Geschichte eingehen. Nach der Aufnahme von Frauenboxen in das Programm gibt es zumindest im Sommer keine Sportart mehr, zu der nur Männer zugelassen sind. Im Gegenteil: Die Frauen haben den Männern sogar eine Disziplin voraus: das Synchronschwimmen. Diese scheinbare Schieflage veranlasste das deutsche Feministinnen-Blatt „Emma“ sogar zu der ironischen Schlagzeile: „Männer benachteiligt“. Tatsächlich hält sich der Männersturm auf das olympische Wasserballett aber in Grenzen. Dank der unermüdlichen Bemühungen des IOC nimmt der Frauenanteil an Olympiamannschaften seit zwanzig Jahren sprunghaft zu. „Wir prognostizieren für London 45 Prozent“, sagte die Amerikanerin Anita Defrantz, Vorsitzende der IOC-Frauenkommission, in London gegenüber der Vollversammlung, deren Frauenanteil allerdings nicht annähernd so groß ist wie der auf den olympischen Spielfeldern.

          Erstmals drei Frauen in der IOC-Regierung

          Doch auch die ehrwürdige Mitgliederriege entwickelt sich. Am Donnerstag bestätigte die Session die Aufnahme der neuen Vorsitzenden der Athletenkommission, der ehemaligen Fechterin Claudia Bokel, in die Exekutive. So sitzen in der 15-köpfigen IOC-Regierung erstmals drei Frauen - neben der Deutschen die Schwedin Gunilla Lindberg und die Marokkanerin Nawal El Moutawakel. Außerdem nahm das IOC zwei neue weibliche Mitglieder auf: die chinesische ehemalige Badminton-Spielerin Lingwei Li und Aisha Garad Ali, die seit sieben Jahren Präsidentin des Nationalen Olympischen Komitees von Djibouti ist. Damit gehören dem IOC nun 22 Frauen an, die 20-Prozent-Quote, die Anita Defrantz für alle Entscheidungsgremien im Sport ausrief, ist erreicht.

          Die Welt bewegt sich doch

          Davon ist Joseph Blatters Verband zwar noch weit entfernt, aber er wäre nicht der Sonnenkönig des Fußballs, würde er sich nicht trotzdem feiern lassen. Strahlend verkündete er der IOC-Vollversammlung, dass in der Exekutive der Fifa neuerdings eine Frau sitzt - erstmals in der Fußballgeschichte. Dass Lydia Nsekera, die nationale Verbandspräsidentin aus Burundi, in ihrer Heimat vor allem mit korrupten männlichen Funktionären aufgeräumt hat, scheint Blatter nicht zu schrecken - seinem Image kann es höchstens nützen. Und auch der nächste Schritt, eine Frau in einem der absoluten Spitzenämter, ist inzwischen denkbar. Nawal El Moutawakel gilt als Kandidatin für die Nachfolge des IOC-Präsidenten. Rogge zeigt immer wieder, dass ihm der Gedanke gefällt. Eine Frau, und dazu noch eine Muslimin, auf dem höchsten Thron der Sportpolitik? Allein dass diese Frage nicht mehr ins Reich des Kabaretts verwiesen wird, zeigt: Die Welt bewegt sich doch.

          Weitere Themen

          Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß Video-Seite öffnen

          „Ich habe fertig“ : Emotionaler Abschied von Uli Hoeneß

          Seit 1970 war Hoeneß als Spieler, Manager oder Präsident beim FC Bayern tätig und wurde in dieser Zeit zu einer polarisierenden Persönlichkeit des deutschen und internationalen Fußballs. Am Freitag war es für den Weltmeister von 1974 an der Zeit, zu gehen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.