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Schwimm-Kommentar : Olympischer Flächenbrand

  • -Aktualisiert am

Julija Jefimowa ist enttäuscht über Silber, die Konkurrenz jubelt, dass es kein Gold wurde. Bild: AFP

Die Konkurrenz jubelt, weil die russische Doperin Julija Jefimowa kein Olympia-Gold holt. Es brennt lichterloh im Schwimmbecken. Und die Sportler haben erkannt, von wem sie im Stich gelassen wurden.

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          Das Internationale Olympische Komitee hatte offenbar geglaubt, mit dem Ausschluss der Kronzeugin Julia Stepanowa und in dem Wissen, dass die russischen Leichtathleten gesperrt sind, alle Brandherde gelöscht zu haben, bevor in Rio das Feuer entzündet wurde. Dabei brennt es jetzt, es brannte ganze drei Tage, lichterloh, sogar im Wasser. Kaum ein Endlauf im Olympischen Schwimmbecken, in dem nicht irgendetwas abfackelt. Da stehen alte Bestzeiten in Flammen, werden ersetzt durch neue, teils irrwitzige Rekorde.

          Da geht der vermeintliche Sieg der russischen Sportpolitik im Zusammenspiel mit IOC und Weltverband Fina in Flammen auf, weil die Schwimmerinnen und Schwimmer, die sich nach Rio geklagt haben, ausgepfiffen werden, während die Konkurrenz ihr Kopfschütteln in Worte fasst. Alle Schwimmer im Aufwärmbecken hätten gejubelt und geklatscht, erzählte die Deutsche Alexandra Wenk am Montagabend, als es für Julija Jefimowa nur für Silber reichte, weil doch deren Start schon ein schierer Affront sei: „Eine andere hätte verdient, dort zu stehen.“

          So sehen es inzwischen viele Athleten und Trainer und wer darüber spricht, lässt häufig durchblicken, wie wenig dem eigenen Weltverband getraut wird. Viele halten die Führung für das Gegenteil von integer. Da sitzt das Dreigestirn, der greise Präsident Julio César Maglione, der mächtige Generalsekretär Cornel Marculescu, der als Maglione-Nachfolger auserkorene Husain al Musallam, hinter dem der kuweitische Scheich Ahmad al Sabah steht. Ihre Anti-Doping-Bemühungen sehen viele als genauso lasch, interessengesteuert, und manipulationsanfällig an wie jene in der Leichtathletik.

          Bittere Tränen: Julia Jefimowa weint nicht wegen der verpassten Goldmedaille.

          Dort, nur zur Erinnerung, ließen sich saubere Testergebnisse kaufen. Und längst haben die Schwimmer erkannt, von wem auch sie im Stich gelassen wurden vor Rio: „Das IOC müsste die führende Rolle übernehmen“, sagt Frank Embacher, Trainer von Paul Biedermann. „Es kann nicht sein, dass wir alle zulassen.“ Die Wut über die Weigerung Thomas Bachs, das russische NOK und damit die Olympiamannschaft auszuschließen, sitzt tief, auch unter den Schwimmern.

          Es kann nur gut sein, dass sie artikuliert wird, dass endlich über die kriminellen Seiten dieses Sports gesprochen wird. Aber selbstverständlich mischt sich ganz schnell ein selbstgerechter Ton in die Debatte. Kein Mensch kann ernsthaft glauben, dass es im Becken klar wie Quellwasser wird, wenn nur Russen und Chinesen ausgeschlossen werden. Man muss die Wettbewerbe nur mit offenen Augen verfolgen, um zu erkennen, dass hier noch sehr viele andere Kapitel geöffnet werden müssen.

          Ganz ehrlich? Wer unter den schwimmenden Kleiderschränken beiderlei Geschlechts kann das wirklich für sich in Anspruch nehmen? Welchem Rekord ist noch zu trauen? Ja, die Schwimmtechnik hat nach wie vor Entwicklungspotential, das anderen Elementarsportarten abgeht, die Trainingslehre entwickelt sich weiter. Aber erklärt das jeden Rekordsprung, jede Goldjagd, die manche Schwimmerin, mancher Schwimmer teils im Stundenrhythmus angeht? Jede Lebenserfahrung spricht dagegen.

          Und es spricht für sich, dass im deutschen Fernsehen eine frühere DDR-Schwimmerin, die sechsmalige Olympiasiegerin Kristin Otto, über Julija Jefimowas Doping-Vergangenheit zu befinden hat. Zur Erinnerung: Alles, was Frau Otto zu ihrer Vergangenheit beizutragen hat, beschränkt sich auf die Behauptung, nicht wissentlich oder willentlich gedopt zu haben. Nun brennt es lichterloh im Schwimmbecken. Der ölige Film, der seit Jahrzehnten auf diesem Sport liegt, hat Feuer gefangen.

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