https://www.faz.net/-hfn-8k1u5

Medaillen-Kommentar : Olympischer Zerrspiegel

  • -Aktualisiert am

Wert ist nur, was golden glänzt – ist das der Sinn von Olympia? Bild: dpa

Wenn Gold der einzige Maßstab ist, so tun die Athleten bei Olympia alles dafür. Das ist aber nicht Sinn der Spiele. Die wahre Stärke einer Nation liegt woanders.

          In der Nacht zum Samstag werden die Fahnenträger beim Einmarsch ins Olympiastadion von Rio stolz die Flaggen ihrer Länder schwenken. In Deutschland hat es wochenlang gedauert, bis Timo Boll gefunden wurde für diese besondere Ehre, die Heimat an erster Stelle zu repräsentieren. Es wird ein farbenfrohes Schaulaufen der Nationen. Aber den meisten Applaus wird wohl das kleine Flüchtlingsteam bekommen. Zehn Athleten aus vier von Kriegen zerrissenen Ländern. Sie starten unter der weißen Flagge des IOC mit den ineinandergreifenden olympischen Ringen, dem Sinnbild für die Vereinigung der Kontinente und der Menschen aller Couleur.

          Augenfälliger kann der Widerspruch innerhalb der olympischen Bewegung kaum sein. Die Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) spricht von der Förderung der Individuen, nicht von einem Wettkampf der Nationen um die Vormacht im Sport. Der Medaillenspiegel ist eine Erfindung von Medien und muss - angesichts der Doping-Manipulationen - mehr als ein Zerrspiegel der wahren Leistungsfähigkeit betrachtet werden. Bis zum Ablauf der Verjährung im Sportrecht (zehn Jahre) kann sich das Ergebnis durch nachträgliche Überprüfungen grundlegend ändern. Aber sind Amerikaner, Chinesen oder die Deutschen nicht mehr so tüchtig, falls einem ihrer Hammerwerfer Doping nachgewiesen werden sollte?

          Die absurde Verbindung zwischen Olympiagold und Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft ist offenbar nicht auszurotten. Sie hat zu einem Zwangs-Doping Minderjähriger in der DDR geführt, zu einem staatlich geduldeten Betrug in der demokratischen Bundesrepublik und schließlich auch das Putin-Regime davon überzeugt, im großen Stil alle Welt bei den Winterspielen in Sotschi 2014 hinters Licht zu führen und den Kerngedanken Olympias zu korrumpieren.

          Gold für Geld:  Innenminister Thomas de Maizière ist Medaillenzähler

          Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat mit der massiven Unterstützung eines Anti-Doping-Gesetzes gegen den Willen des Sports mehr Einsatz für den Kampf um Sauberkeit erkennen lassen als seine Vorgänger. Und doch lässt er sich nicht von seiner Haltung abbringen, Gold für Geld zu fordern. Wenigstens ein Drittel mehr Medaillen verlangt de Maizière in Zukunft von einer deutschen Olympiamannschaft. Obwohl das weltweit gescheiterte Anti-Doping-Konzept und der skandalös verharmlosende Umgang des IOC mit dem russischen Staats-Doping dieses Ziel in vielen Sportarten unmöglich erscheinen lässt. Im Umkehrschluss haben Athleten so eine Position eines Geldgebers schon als indirekte, stillschweigende Aufforderung verstanden, alles für Gold zu tun.

          Es ist also Zeit, über die Rechtfertigung der Spitzensportförderung in Deutschland zu diskutieren. Dabei sollte auch die Frage, ob der Staat als Geldgeber sich nicht zurückziehen müsste, kein Tabu sein. Ob er nicht besser Schwimmbäder und Turnhallen renovieren sollte, statt Superleistungszentren aus dem Boden zu stampfen. Dann aber würde man leicht erkennen, wie die Vielfalt des Sports erst in der Spitze und dann auch an der Basis, in den Vereinen, peu à peu verschwindet. Private Sponsoren stürzten sich allein auf besonders charismatische Typen wie etwa den Diskuswerfer Robert Harting. Findige Sportmanager entwickelten aus einst angesehenen Sportarten Zirkusveranstaltungen oder blutige Gladiatorenspiele. „Ballfight“ heißt ein solcher Versuch in den Vereinigten Staaten. Dabei hindern sich Basketballspieler brutal am Korbwurf. Doping-Tote gehörten bei dieser Privatisierung des Sports zum Alltag.

          Nur Typen mit Charisma kommen an: Robert Harting

          Nicht nur der organisierte Sport, auch die Gesellschaft ist gefragt, ob sie angesichts der IOC-Entscheidung, Russland trotz des Staats-Dopings in den Kampf der Nationen einziehen zu lassen, resignieren oder aufbegehren wollen. Es gibt gute Gründe, nicht alles schulterzuckend hinzunehmen. Junge Athleten werden nicht in ein manipulatives Umfeld hineingeboren. Sie sind womöglich noch beseelt von den olympischen Idealen - und glauben noch an die Idee, ihr Talent entfalten zu können unter edlen Bedingungen: Respekt und Fairplay.

          Dieses Bewusstsein ist das stärkste Mittel gegen die Manipulation, besser als jedes Kontrollsystem und das beste Gesetz. Aber es geht im Verlauf einer Karriere mehr oder weniger verloren, wie Untersuchungen im Jugendsport feststellten. Spätestens beim Eintauchen in das Umfeld der Profiszene verwandelt sich die Hoffnung bei vielen in eine maßlose Enttäuschung: Auch in ihrem schönen Sport gilt längst nicht, was gepredigt wird. Zu diesem Trugschluss tragen in hohem Maß die Erwartungen der Gesellschaft an eine Olympiamannschaft bei, allein gemessen in Medaillen, abgelesen am Ende der Spiele, wenn es um die Abrechnung geht: Und wo steht Deutschland?

          Es stünde weit über dem Ergebnis dieser pauschalen Zählerei, wenn die Spitzensportförderung des Bundes viel entschiedener an die Verpflichtung der Verbände geknüpft würde, die Ideale der Athleten bis zum Ende ihrer Karriere zu schützen und nicht auf halbem Wege dem Verrat preiszugeben. Das würde Medaillen kosten. Aber die wahre Stärke einer Nation liegt in der charakterlichen Stärke ihrer Individuen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Struff folgt Zverev

          Rasentennis in Halle : Struff folgt Zverev

          Erster Sieg in Halle: Jan-Lennard Struff setzt seine Erfolgsserie auch in Westfalen fort. Bei dem Rasenturnier zieht er wie Alexander Zverev ins Achtelfinale ein. Zverev verzichtet auf Doppel.

          Die Härteprobe kommt noch Video-Seite öffnen

          Fußball-WM der Frauen : Die Härteprobe kommt noch

          Mit drei Siegen in drei Spielen zieht das deutsche Fußball-Nationalteam der Frauen als Gruppensieger ins Achtelfinale der WM in Frankreich ein. Nach dem Spiel gegen Südafrika sieht F.A.Z.-Sportredakteur Daniel Meuren aber noch Bedarf, an offensiven Abläufen zu arbeiten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.