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Olympische Spiele : Das Schweigen der Bach-Kritiker

  • -Aktualisiert am

Auch die Kritiker fügen sich: IOC-Präsident Thomas Bach (Mitte) mit Denis Oswald (r.) und Vorgänger Richard Pound Bild: AFP

Im IOC zählt vor Beginn der Olympischen Spiele nur eine Meinung: die des Präsidenten. Einnahmen von 5,6 Milliarden Dollar sind sein unschlagbares Argument. Nur ein Skeleton-Pilot wagt sich mit dem Kopf voran.

          4 Min.

          Unwirklich sind diese vorolympischen Tage in Rio. Die ausländischen Gäste mit ihren Plastik-Akkreditierungen auf der Brust fahren in Bussen und Taxis durch die Stadt, fast ohne sie zu berühren. Sie besichtigen Sportstätten oder trainieren darin, die wie vergessene Filmsets wirken in einem vom Geldmangel und Resignation gezeichneten Umfeld. Und unwirklich ist auch die Inszenierung, die Thomas Bach, der oberste Regisseur des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), zurzeit hinter einer Sicherheitsschranke im Kongresszentrum des Hotels „Windsor Oceânico“ aufführen lässt. Session, die 129. Arbeitstitel: Jasager im Olymp.

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          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Seit dem 24. Juli, als die Exekutive des IOC beschlossen hat, Russland bei den Olympischen Spielen in Rio unter Auflagen an den Start zu lassen, ist die Weltöffentlichkeit polarisiert, auch die IOC-Mitglieder und die IOC-Mitarbeiter dürften innerlich gespalten sein. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hatte den kompletten Ausschluss empfohlen, 19 Sportminister haben erst kürzlich in einem Schreiben noch einmal dazu aufgefordert, zahlreiche nichtrussische Sportler fühlen sich vom IOC verlassen, wenn nicht gar verraten, weil es seit Jahren Null-Toleranz gegen Doping verspricht und nun gegen Russland mit seinem staatlich organisierten Doping-Programm Milde übte.

          Nur stumpfer Widerstand

          Und? Machte irgendjemand Druck beim ersten Zusammentreffen aller IOC-Mitglieder in Rio? Kaum. Nur zwei von ihnen, die nicht mehr viel zu verlieren haben, rafften sich auf zu einer Art stumpfem Widerstand. Immerhin einer hatte den Mut, eine Gegenstimme abzugeben bei Bachs erfolgreichem Manöver, bei einer Abstimmung neue Tatkraft zu tanken - über die Frage, ob die Exekutive am Sonntag vor einer Woche richtig gehandelt hat. Als die 86 anwesenden IOC-Mitglieder nach dem ersten Tag der Session, die noch bis zu diesem Donnerstag dauern wird, auseinandergingen, war klar, dass es für das IOC nur eine Meinung gibt: die von Bach.

          Vielleicht kann man das frustrierte Gesicht von Claudia Bokel, der scheidenden Chefin der Athletenkommission, wenigstens als inneren Widerstand werten. Von ihr vertretene Athleten sind es, deren Glauben an den Anti-Doping-Kampf erschüttert wurde. Dass die russische Informantin Julija Stepanowa den Spielen fernbleiben muss, während andere russische Athleten dabei sind, ist eine Brüskierung der Sportler, die von den Funktionären stets ermuntert wurden, als Kronzeugen im Anti-Doping-Kampf aufzutreten.

          Und die bei den Spielen gegen Athleten werden antreten müssen, die einem Land mit staatlich organisiertem Doping entstammen - zwei Schwimmer wurden sogar vom Weltverband gemeldet, obwohl sie im McLaren-Bericht erwähnt sind, der die russischen Machenschaften aufgedeckt hat. Die endgültige Entscheidung steht noch aus.

          Athletensprecherin spricht nicht

          In der Exekutivsitzung am 24.Juli hatte Bokel sich der Stimme enthalten - jetzt zog sie es vor, als Exekutivmitglied nicht mehr mitzustimmen. Seit Wochen ist sie für Journalisten kaum mehr ansprechbar, per Mail gestellte Fragen zu ihrem unlogischen Abstimmungsverhalten beantwortete sie nicht. Den sonst üblichen Bericht der Athleten-Chefin vor der Vollversammlung ließ Bach ausfallen, sie musste ihn schriftlich vorlegen.

          Handzahm: Athletensprecherin Claudia Bokel (l.) und Wada-Chef Craig Reedie fügen sich

          Ohnehin droht der Athletenkommission ein eigenes Russen-Dilemma: Die Frage, ob die von den Wettkämpfen ausgeschlossene Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa ironischerweise bei der in Rio laufenden Wahl der Athletenvertreter einen Sitz gewinnt, wird erst am Ende der Spiele beantwortet werden. Sie ist eine Wortführerin der russischen Vorwärtsverteidigung. Und wer weiß schon, welche Interessen einzelne wählende Athleten vertreten?

          Selbst die Kritiker knicken ein - für die Wiederwahl

          Noch unwirklicher: die Imprägnierung von Craig Reedie, des Präsidenten der Wada und Vizepräsidenten des IOC. Wahre Salven wurden von Bach und anderen auf seine Organisation losgelassen wegen des zögerlichen Umgangs mit den seit 2010 erhaltenen Hinweisen aus Russland. Doch Reedie lächelte nur weichgespült. Das seien „natürliche Reaktionen“ angesichts des Drucks, der auf allen laste. Dass Bach der Wada vorwarf, mit ihrem unglücklichen Timing am aktuellen Startgenehmigungsstress für die Russen schuld zu sein, parierte er nur mit endlosen zeitlichen Rekonstruktionen, statt zu erwähnen, dass bei einem kompletten Ausschluss, wie von ihm empfohlen, der Nominierungsstress gleich null gewesen wäre. Der Forderung nach einer radikalen Neustrukturierung des Anti-Doping-Kampfs, einer Bankrotterklärung der Wada in ihrer bisherigen Gestalt, stimmte er freundlich zu.

          Bleiben die üblichen Bach-Kritiker. Doch selbst Richard Pound, der vorher in den Medien vollmundig von einer schweren Beschädigung Olympias schwadroniert hatte, blieb zwar im Ton ätzend, aber inhaltlich moderat: Er forderte wenig radikal eine Neuorientierung bei einer außerordentlichen Session. Sogar der Kanadier, Doyen des IOC, der als Präsidentschafts-Kandidat gescheitert ist und es nicht einmal mehr zu einem Sitz in der Exekutive brachte, knickte ein vor der Macht.

          Und auch der Schweizer Rechtsgelehrte Denis Oswald, eigentlich Bachs Gegenspieler, beeilte sich, dem Präsidenten zu Diensten zu sein. Es habe, juristisch gesehen, keine andere Option als die Soft-Version für Russland gegeben. Er sagte das, obwohl der Leichtathletik-Weltverband mit seinem Komplett-Ausschluss vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas recht bekommen hatte. Und obwohl ein Schweizer Gericht gerade feststellte, dass der Olympia-Ausschluss von Kuweit - die Sportler starten unter olympischer Flagge - rechtens ist. Wegen politischer Einflussnahme. Oswald hat seine Gründe. Er möchte an diesem Donnerstag in die IOC-Exekutive gewählt werden.

          Nur einer stürzt Kopf voran in den Abgrund

          Bleibt Adam Pengilly, der letzte Aufrechte, der sich mit seiner Neinstimme gegen das ganze System stellte. Allerdings endet die Amtszeit des britischen Athletenvertreters in zwei Jahren, und auf eine weitere Karriere in der Sportpolitik kann er wegen Eigenwilligkeit nicht hoffen. Typisch Skeleton-Pilot, heißt es: einer, der sich mit dem Kopf voran in den Abgrund stürzt.

          Wie nach jedem Drama folgt das Wetter - oder besser gesagt, die finanzielle Großwetterlage des IOC, und da werden die Mienen ohnehin wieder froh. 5,6 Milliarden Dollar bringt Olympia in der Vier-Jahres-Periode bis 2016 dem Sport ein. Die Messer für den Verteilungskampf sind schon gewetzt. Da hält man sich doch nicht unnötig mit Hinweisen auf, dass die Wertschätzung für Olympia nahezu global im Sinken begriffen ist? Und schon gar nicht mit lästigen Identitätsfragen.

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