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Olympische Spiele : Das Schweigen der Bach-Kritiker

  • -Aktualisiert am
Handzahm: Athletensprecherin Claudia Bokel (l.) und Wada-Chef Craig Reedie fügen sich

Ohnehin droht der Athletenkommission ein eigenes Russen-Dilemma: Die Frage, ob die von den Wettkämpfen ausgeschlossene Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa ironischerweise bei der in Rio laufenden Wahl der Athletenvertreter einen Sitz gewinnt, wird erst am Ende der Spiele beantwortet werden. Sie ist eine Wortführerin der russischen Vorwärtsverteidigung. Und wer weiß schon, welche Interessen einzelne wählende Athleten vertreten?

Selbst die Kritiker knicken ein - für die Wiederwahl

Noch unwirklicher: die Imprägnierung von Craig Reedie, des Präsidenten der Wada und Vizepräsidenten des IOC. Wahre Salven wurden von Bach und anderen auf seine Organisation losgelassen wegen des zögerlichen Umgangs mit den seit 2010 erhaltenen Hinweisen aus Russland. Doch Reedie lächelte nur weichgespült. Das seien „natürliche Reaktionen“ angesichts des Drucks, der auf allen laste. Dass Bach der Wada vorwarf, mit ihrem unglücklichen Timing am aktuellen Startgenehmigungsstress für die Russen schuld zu sein, parierte er nur mit endlosen zeitlichen Rekonstruktionen, statt zu erwähnen, dass bei einem kompletten Ausschluss, wie von ihm empfohlen, der Nominierungsstress gleich null gewesen wäre. Der Forderung nach einer radikalen Neustrukturierung des Anti-Doping-Kampfs, einer Bankrotterklärung der Wada in ihrer bisherigen Gestalt, stimmte er freundlich zu.

Bleiben die üblichen Bach-Kritiker. Doch selbst Richard Pound, der vorher in den Medien vollmundig von einer schweren Beschädigung Olympias schwadroniert hatte, blieb zwar im Ton ätzend, aber inhaltlich moderat: Er forderte wenig radikal eine Neuorientierung bei einer außerordentlichen Session. Sogar der Kanadier, Doyen des IOC, der als Präsidentschafts-Kandidat gescheitert ist und es nicht einmal mehr zu einem Sitz in der Exekutive brachte, knickte ein vor der Macht.

Und auch der Schweizer Rechtsgelehrte Denis Oswald, eigentlich Bachs Gegenspieler, beeilte sich, dem Präsidenten zu Diensten zu sein. Es habe, juristisch gesehen, keine andere Option als die Soft-Version für Russland gegeben. Er sagte das, obwohl der Leichtathletik-Weltverband mit seinem Komplett-Ausschluss vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas recht bekommen hatte. Und obwohl ein Schweizer Gericht gerade feststellte, dass der Olympia-Ausschluss von Kuweit - die Sportler starten unter olympischer Flagge - rechtens ist. Wegen politischer Einflussnahme. Oswald hat seine Gründe. Er möchte an diesem Donnerstag in die IOC-Exekutive gewählt werden.

Nur einer stürzt Kopf voran in den Abgrund

Bleibt Adam Pengilly, der letzte Aufrechte, der sich mit seiner Neinstimme gegen das ganze System stellte. Allerdings endet die Amtszeit des britischen Athletenvertreters in zwei Jahren, und auf eine weitere Karriere in der Sportpolitik kann er wegen Eigenwilligkeit nicht hoffen. Typisch Skeleton-Pilot, heißt es: einer, der sich mit dem Kopf voran in den Abgrund stürzt.

Wie nach jedem Drama folgt das Wetter - oder besser gesagt, die finanzielle Großwetterlage des IOC, und da werden die Mienen ohnehin wieder froh. 5,6 Milliarden Dollar bringt Olympia in der Vier-Jahres-Periode bis 2016 dem Sport ein. Die Messer für den Verteilungskampf sind schon gewetzt. Da hält man sich doch nicht unnötig mit Hinweisen auf, dass die Wertschätzung für Olympia nahezu global im Sinken begriffen ist? Und schon gar nicht mit lästigen Identitätsfragen.

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