https://www.faz.net/-hfn-8jw1v

Doping im Sport : Die Mär vom schwarzen Schaf

Bald ist wieder Olympia – aber ist das wirklich ein Segen? Bild: AFP

Immer sind es angeblich nur Einzeltäter, die betrügen. So sieht es das IOC. Raus mit ihnen – und alles wird gut. Doch nichts ist gut geworden. In Rio beginnt das Spiel von neuem.

          Eine Frage vorweg: Wenn die Mauer nicht gefallen, das flächendeckende Staats-Doping der DDR aber doch publik geworden wäre 1991; wie hätte das Internationale Olympische Komitee reagiert mit Blick auf die Sommerspiele 1992 in Barcelona? Erstens: Einmarsch mit Fahne, Pauken und Trompeten, wie nun im Fall Russland. Zweitens: Die Einzelfall-Überprüfung hätte ergeben, dass bis auf eine Sportlerin (Ilona Slupianek) niemals ein DDR-Sportler positiv getestet worden ist - zumindest von landesfremden Einrichtungen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Christoph Becker

          Das Doping-Labor in Kreischa bei Dresden ließ keinen Sportler ausreisen, dem die von Sport und Staat angeordnete Einnahme verbotener Substanzen noch hätte nachgewiesen werden können. Sauber. Die DDR hätte ganz schön abgeräumt. Das gelang dem vereinten Deutschland - mit Hilfe dieses über Jahre wirkenden DDR-Erbes und der Freiburger sowie anderer westdeutscher Manipulationskünstler. Da gibt es keinen Zweifel.

          Am nächsten Freitag beginnt das Spiel von neuem. Diesmal werden etwa 300 russische Athleten quasi direkt aus dem Staats-Doping-System unter ihrer Fahne während der Eröffnungsfeier der Sommerspiele von Rio ins Stadion marschieren. Trotzdem erfährt das Internationale Olympische Komitee (IOC) - neben der weltweiten Kritik - auch vereinzelt Lob für seine Entscheidung, der russischen Manipulation allein mit Individual-Strafen zu begegnen.

          Zeitplan & Termine für Olympia 2016 in Rio de Janeiro

          Nicht nur in Russland, vor allem aus der eigenen Familie des Sports. Das IOC verweist auf die Unschuldsvermutung bei Athleten, die nicht positiv getestet worden seien und belegen könnten, kontrolliert worden zu sein. Das klingt honorig, menschlich. Rechtsexperten, nicht alle, nicken. Aus der Charta des IOC geht ohnehin hervor, dass der einzelne Sportler im Mittelpunkt steht, geschützt werden muss. Gleichzeitig aber verdeutlicht dieses Vorgehen, wie das IOC Doping einordnet. Es individualisiert das Kernproblem des Spitzensports. Allein der dopende Athlet ist für das Desaster verantwortlich.

          So war das schon immer. Bei den Sommerspielen 1988 in Seoul wurde der kanadische Betrüger und Weltrekordhalter Ben Johnson geopfert, obwohl er umgeben war von einer Sprinter-Blase voller Stoff. Die meisten sind später enttarnt worden, peu à peu. Das entspricht einer Doping-Aufklärung in homöopathischen Dosen, existenzvernichtend für das Individuum, leicht verträglich für das Ganze. In Deutschland steht Jan Ullrich für das Übel und den Absturz des Radsports.

          Dabei hatte es schon Jahrzehnte vor dem ausgeklügelten Doping-Netzwerk des Teams Telekom ein Manipulations-Konzept des Olympiaarztes Armin Klümper für Kaderathleten des Bundes Deutscher Radfahrer gegeben sowie viele hinreichende Indizien für Betrug im großen Stil mit staatlicher Unterstützung. Lance Armstrong bildet die amerikanische Variante der Doping-Individualisierung, seinerzeit gestützt sogar von Frankreichs Staatspräsident Sarkozy: Die Tour musste den Doping-Skandal 1998 überlebe.

          Durchgesetzte „null Toleranz“ vernichtet das Geschäft

          Der Fall großer Stars, zuvor als Entwickler und Retter ihrer Sportart und des Sports allgemein gefeiert, wurde stets eingebettet in die Geschichte vom schwarzen Schaf in einer gesunden Sport-Familie. Raus damit - und alles wird gut. Nichts ist gut geworden. Denn die Individualisierung lenkt den Blick nicht nur ab von der Systematik des Dopings im Sport. Sie stützt sie sogar. Weil trotz spektakulärer Doping-Skandale jeweils große Teile zerschlagen geglaubter Strukturen erhalten und die Hintermänner mitsamt ihrer Doping-Kultur im Spiel bleiben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Im Gespräch: Yanis Varoufakis : „Ich bin nicht für mein Rockstar-Image verantwortlich“

          Yanis Varoufakis war griechischer Finanzminister, als Athen mit Brüssel um Hilfspakete rang. Jetzt will er ins EU-Parlament einziehen. Ein Gespräch über seine politischen Ziele, „faule Griechen“ und „Nazi-Deutsche“ – und seine Wut auf Günther Jauch nach seinem legendären Mittelfinger-Auftritt.

          Bundesparteitag der FDP : Leichter Dämpfer für Lindner

          Auf dem Bundesparteitag der FDP ist der bisherige Parteivorsitzende Christian Lindner mit 86,6 Prozent der Delegiertenstimmen im Amt bestätigt worden. 2017 war er noch mit 91 Prozent gewählt worden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.