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Lange Turnhosen bei Olympia : Ihr Körper, ihre Macht

  • -Aktualisiert am

Lange Hose auf der großen Bühne: Elisabeth Seitz bei Olympia Bild: Reuters

Die deutschen Turnerinnen traten bei Olympia zu Beginn geschlossen in langen Hosen an. Es ist höchste Zeit, dass Sportlerinnen selbst entscheiden können, wie viel von ihrer Haut sie zu Markte tragen.

          2 Min.

          Die deutschen Turnerinnen holten bei diesen Spielen zwar keine Medaille – auch Elisabeth Seitz schaffte es am Sonntag am Stufenbarren als Fünfte nicht. Aber vielleicht hat das, was sie in Tokio auf großer Bühne gezeigt haben, viel nachhaltigeren Wert. Zu Beginn trat die Riege geschlossen in langen Hosen an. Im Mehrkampf am Donnerstag turnte Kim Bui in lang und Elisabeth Seitz – wie auch am Sonntag – in einem der gewohnten Trikots, die am Oberschenkel-Ansatz enden. Na­türlich herrschte nie Mangel an Glitzersteinen, und die Anzüge, ob nun Unitard (lang) oder Leotard (kurz) sind schick. Vielleicht erregten sie auch deshalb weltweites Aufsehen, weil die Aktion überhaupt nicht wie ein Angriff wirkt.

          Ohne weiteres Wort wird klar: Hier verwahren sich selbstbewusste Frauen gegen die Sexualisierung ihrer Sportart – und demonstrieren für die Gleichstellung der Geschlechter. Die Aktion hat einen Namen: „It’s my choice.“ Sie wollen selbst entscheiden, was sie im Rampenlicht anziehen. Mal so, mal so. Wer Angst hat, dass das Teil verrutschen könnte, trägt das lange. Wer den Hang einiger Sportfotografen satthat, bei Barren-Übungen mit dem Objektiv voll auf den gespreizten Schritt zu halten, kann sich schützen. Und wer gegen Missbrauchsfälle in diesem vielfach betroffenen Sport ein Zeichen setzen will, kann dies mit verhüllten Gliedmaßen tun.

          Solche Aktionen schärfen den Blick: Wieso tragen Beachvolleyballerinnen anders als die Männer nur knappe Höschen? Wieso die Leichtathletinnen? Bei deren WM vor zwei Jahren in Doha mussten Läuferinnen sogar dagegen kämpfen, dass mithilfe in die Startblöcke eingebauter Kameras in ihren Schritt gefilmt wurde. Anderes nimmt man gedankenlos hin, aus Gewohnheit und weil der Sport-Kommerz die sexualisierte Darstellung von Athletinnen schätzt. Sport war schon immer auch ein Angebot für Voyeure. Dass Athletinnen anfangen, in dieser Beziehung ihre eigenen Grenzen zu setzen, ist ein historischer Fortschritt.

          Anfang dieser Woche hat Yiannis Exarchos, Chef des Olympic Broadcasting Service, beteuert, dass entblößende Bilder aus Tokio vermieden würden: „Sie werden in unserem Material gewisse Dinge, die es in der Vergangenheit gab, nicht sehen, mit Details und Nahaufnahmen von Körperteilen.“ Das Unternehmen, das er leitet, gehört dem Internationalen Olympischen Komitee und liefert die Fernsehbilder. Doch die gute Absicht ist nicht immer umzusetzen. Weil Beach-Volleyballerinnen Spielzüge einander mit Fingerzeichen hinter dem Rücken ansagen, gibt es auch aus Tokio Großaufnahmen von halb bedeckten muskulösen Hinterteilen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch diese Sportlerinnen die Freiheit hätten, Kleidung mit höherem Textil-Anteil zu wählen.

          Anders als die norwegischen Beach-Handballspielerinnen, in einer nichtolympischen Disziplin, die eine Strafe zahlen mussten, weil sie bei der EM im Juli in Radlerhosen statt in Bikinihöschen antraten. Es handele sich, formulierte der europäische Verband, um einen „Fall unangemessener Kleidung“. Inzwischen haben die Funktionäre angekündigt, sie wollten die 1500 Euro zugunsten der Gleichstellung von Frauen und Mädchen im Sport spenden. Und sie scheinen einer Regeländerung nicht mehr abgeneigt. Was zeigt, dass es etwas nützt, sich zu wehren. Und dass es höchste Zeit ist, dass Sportlerinnen selbst entscheiden können, wie viel von ihrer Haut sie zu Markte tragen.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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