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Medaillenspiegel bei Olympia : Das falsche Spiegelbild

  • -Aktualisiert am

Freude über Gold: Die deutschen Fußballfrauen nach dem Sieg über Schweden Bild: AP

Spitze in der Spitze, schwächelnd in der Breite: Die deutsche Verbandsführung ist mit dem Abschneiden in Rio trotzdem ganz zufrieden. Doch der Medaillenspiegel reduziert den Sport auf eine leblose Wertung.

          Jetzt wird abgerechnet. Pünktlich zum Finale der Olympischen Spiele präsentieren die Leistungsanalytiker ihre Bilanz. Wer eine präzise Auswertung wünscht, müsste aber noch bis zum Herbst warten und wahrscheinlich 100 Seiten lesen – um allein die Auswertung der Deutschen würdigen zu können. Doch der Mensch liebt es kompakt, den Fastfood-Input, alles kurz und knapp auf einen Blick, den Medaillenspiegel: 1. Die Vereinigten Staaten von Amerika, 2. England, 3. China, 4. Russland, 5. Deutschland.

          Die deutsche Verbandsführung ist ganz zufrieden: Zwar insgesamt weniger Medaillen als noch in London, aber mehr goldene als vor vier Jahren. Spitze in der Spitze, schwächelnd in der Breite. Das kann man beim Blick auf die sogenannte Nationenwertung schon nicht mehr erkennen. Sie schluckt die Dramen des Sports, die individuellen Geschichten des Wettkampfs, des Bahnradfahrers Eilers etwa, der mit 0,007 Sekunden Rückstand Vierter wird – nur Blech, obwohl Weltklasse.

          Medaillenspiegel als IOC-Glück

          Der Medaillenspiegel reduziert also alles, was den Sport ausmacht, auf eine leblose Wertung. Er ist eine Erfindung der Medien und ein Glück für das Internationale Olympische Komitee. Denn die ihm verliehene sportpolitische Bedeutung lässt das Geld strömen. Regierungen investieren mehr oder weniger zu Propagandazwecken in den Spitzensport. Sie behaupten, die Ergebnisse spiegelten die Leistungsfähigkeit eines Landes. Dann hat Indien, Weltmarktführer beim Export IT-gestützter Dienstleistungen, also gar nichts drauf: 26 Medaillen haben die Inder gewonnen, nein, nicht in Rio, in 116 Jahren.

          Der Medaillenspiegel der Sportbuchhalter ist aber gar nicht so tot wie im ersten Absatz behauptet. Am vergangenen Freitag kam mal wieder Bewegung in das Zahlenspiel. Das IOC musste den Spiegel korrigieren. Eine des Dopings überführte Russin, deren Medaille wurde aus Russlands Kontingent von Peking gestrichen, ja, Peking, lange her, acht Jahre. Aber 2018 ist Schluss mit dem nervigen Nachspiel. Dann greift die Verjährung, und das IOC wird zehn Jahre nach der Abschlussfeier der Olympischen Spiele in Chinas Hauptstadt sagen: So, hier die Abschlusswertung, unverrückbar, in Stein gemeißelt, für die Geschichtsbücher.

          Die Medaillensammlung von Rio darf sich der geneigte, auf Verlässlichkeit vertrauende Leser also gerne ausschneiden, einschweißen und 2026 zum Abgleich hervorkramen. Er wird verblüfft sein, welche Dynamik so eine Statistik erfassen kann. Woher wir das jetzt schon wissen? Weil es Doping-Mittel gibt, die (noch) nicht entdeckt werden können. Und weil im Anti-Doping-Labor von Rio nicht alles bei der Suche nach Dopern eingesetzt wurde, was verfügbar ist. Das ist aber nichts Neues, das hat Tradition.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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