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Debatte über Schweigeminute : Überfordert von sechzig Sekunden

  • -Aktualisiert am

Politik und Olympia: Beides gehört vermeintlich untrennbar zusammen Bild: dpa

Der israelisch-arabische Konflikt ist allgegenwärtig - auch bei Olympia. Eine Schweigeminute für die Opfer des Attentats von München 1972 soll es nicht geben. Dem IOC dürfte das Risiko, dass die Eröffnungsfeier zu politischen Manifestationen missbraucht wird, zu groß sein.

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          Es wäre doch nur eine Minute. Alle Teilnehmer der olympischen Eröffnungsfeier am Freitag würden aufstehen und der Opfer des Anschlags von 1972 gedenken - elf israelische Mannschaftsmitglieder und ein deutscher Polizist starben vor vierzig Jahren bei der Geiselnahme durch ein palästinensisches Terrorkommando in München.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Sogar der amerikanische Präsident Barack Obama hat sich für diesen Moment des Innehaltens ausgesprochen mitten im rauschhaften Selbstdarstellungs-Getöse Olympias und schloss sich damit einem weltumspannenden Chor von ranghohen Politikern an. Darunter war auch Außenminister Guido Westerwelle, der dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) einen Brief schrieb, in dem er „eine menschliche Geste und ein würdevolles Zeichen dafür“ anregte, „dass Gewalt und Terror in der olympischen Idee keinen Platz haben“.

          „Ein würdevolles Zeichen“

          Sechzig Sekunden Trauer und Respekt - was gibt es da noch zu überlegen? Doch hinter dieser einen Minute verbirgt sich ein Sprengsatz für den olympischen Frieden. Es ist, als bedrohte die zerstörerische Energie des Anschlags vor 40 Jahren immer noch die einträchtig scheinende Szenerie. Olympia findet sich mitten im israelisch-arabischen Dauerkonflikt wieder. Wieder einmal zwingt die Politik die überforderten Funktionäre zum Eiern. IOC-Präsident Jacques Rogge wiederholt seit Wochen die gleiche Floskel: dass das IOC den Opfern bei anderen Veranstaltungen die gebührende Ehre erweisen werde. Am Samstag in London brachte er eine neue, aber auch nicht erhellendere Formulierung: „Die olympische Eröffnungsfeier hat eine Atmosphäre, die nicht passend ist, um an solch ein tragisches Geschehen zu erinnern.“

          Er müsse über den Dingen stehen

          Rogge machte nicht den Eindruck, als wäre mit dem IOC noch zu reden. „Wir schenken Empfehlungen aus der Welt der Politik, der Kultur und der Unternehmen große Aufmerksamkeit“, sagte er. „Wir ziehen sie in Betracht, aber wir folgen ihnen nicht notwendigerweise.“ Seit die Schweigeminuten-Diskussion begonnen hat, ist Alex Gilady, das einzige israelische IOC-Mitglied, ein gefragter Mann. Doch auch er wiederholt sich nur. Er müsse, sagt er, als Olympier über den Dingen stehen. Und eine Gedenkminute „würde die olympische Einheit gefährden“. Was er nicht sagt: Es gibt 23 arabische Nationale Olympische Komitees, 53 muslimische Länder gehören zur olympischen Familie. Diese Delegationen aufzufordern, feierlich israelische Terror-Opfer zu ehren, scheint das IOC nicht zu wagen. Niemand spricht es aus, aber das Risiko, dass die Eröffnungsfeier zu politischen Manifestationen vor einem Milliardenpublikum missbraucht wird, dürfte den Olympiern zu groß sein.

          Sie leben einen realen Boykott

          Schließlich schreckt ein Land wie Iran nicht davor zurück, die Olympische Charta zu brüskieren, wenn es darum geht, den Hass gegen Israel zu demonstrieren. Schon bei mehreren Gelegenheiten haben iranische Sportler lieber auf eine Medaille verzichtet, als gegen Israelis im Wettkampf anzutreten oder gar mit einem von ihnen auf dem gleichen Ehrenpodest zu stehen. Sie schützen üblicherweise Krankheit oder Verletzung vor, leben aber einen realen Boykott. Zuletzt entzog sich der junge iranische Taekwondo-Kämpfer Mohammad Soleimani dem Finale bei den Olympischen Jugendspielen 2010 in Singapur, weil er auf den Israeli Gili Haimovitz getroffen wäre. Diesem Unwesen will das IOC in London ein Ende setzen. Jeder verdächtige Fall, bei dem ein Athlet auf den Wettkampf verzichte, werde einem unabhängigen Team von Medizinern vorgeführt, erklärte Rogge in London. „Wenn dieses Team die Entscheidung des ersten Arztes nicht bestätigt, wird der Sportler bestraft.“ Einem anderen den Wettkampf zu verweigern sei „durch die Olympische Charta strengstens verboten“.

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          Auf seinen eigenen Spielfeldern kann das IOC durchgreifen, auf anderen Gebieten ist es machtlos. So erklärte jüngst der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak, dass die britischen Sicherheitskräfte von vielen internationalen Sicherheitsorganen unterstützt würden, um einen Anschlag während Olympias zu verhindern. Die „Sunday Times“ sprach von einem möglicherweise geplanten „Jubiläums-Anschlag“ vierzig Jahre nach München. Die Spiele, so zeigt der aktuelle Konflikt, können schnell zu einer ernsten Angelegenheit werden.

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