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Geisterspiele in Tokio : Das olympische Rätsel

  • -Aktualisiert am

Ein Bild, an das sich Sportfans erstmal gewöhnen müssen: das menschenleere Olympiastadion in Tokio Bild: Picture-Alliance

Alle wichtigen Sportarten in Japan erlauben zumindest eine begrenzte Zahl an Zuschauern – anders als die Olympischen Spiele. Das frustriert Zuschauer und Athleten. Doch die Ängste in Japan sind groß.

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          Im japanischen Nagoya endete gerade das Sumo-Turnier um den Kaiser-Pokal. Rund 3800 Fans applaudierten, als Großmeister Hakuho seinen 45. Titel gewann. Die Halle war zur Hälfte gefüllt. In Saitama, einer Präfektur direkt neben Tokio, schauten am Wochenende fast 9000 Besucher in einer Halle ein All-Star-Game der Baseball-Liga. In Miyagi, weiter im Norden, waren es fast 15.000 Fans oder etwa die Hälfte der Sitzkapazität in dem Freiluftstadion. Auch Fußballspiele der J-League finden wie selbstverständlich mit einer begrenzten Zahl von Zuschauern statt. Das große Rätsel für angereiste und heimische Sportler und enttäuschte japanische Fans ist: Wenn alle wichtigen Sportarten in Japan Zuschauer erlauben, warum müssen die Olympischen Spiele weitgehend auf die Sportfans verzichten?

          Die Entscheidung hat nur begrenzt mit den unterschiedlichen Corona-Lagen in den Präfekturen zu tun. Tokio steht seitens der Regierung unter Virusnotstand, weil die Zahl der Neuinfektionen dort schnell steigt. In anderen Präfekturen gelten weniger strenge Anti-Corona-Regeln. Doch in Tokio und in den anderen Präfekturen erlauben die Regeln auch bei Sportveranstaltungen eine begrenzte Zahl an Zuschauern. Der Ausschluss der Zuschauer von den Olympischen Spielen ist eine Sonderregelung, der sich die meisten Präfekturen mit olympischen Sportstätten angeschlossen haben. Nur Miyagi und Ibaraki, die recht geringe Infektionszahlen aufweisen, werden begrenzt Zuschauer in die Stadien lassen.

          Wer nach den Gründen für die Sonderregelung fragt, erhält die recht pauschale Antwort, dass die Spiele als internationales Großereignis etwas ganz anderes seien als reguläre Veranstaltungen in einzelnen Sportarten. Daran sind Zweifel mehr als erlaubt. Die Olympischen Spiele vereinen Hallen- und Freiluftsportarten, sie bringen Menschen unterschiedlichster Nationalitäten aus allen möglichen Erdteilen zusammen.

          Das birgt ein größeres Risiko von Ansteckungen mit Corona-Virusvarianten für die Athleten. Aber auch für die Zuschauer? Der besondere Charme des seltenen Großereignisses lässt ferner vermuten, dass die Spiele mehr japanische Zuschauer in Gang setzen und danach zum gemütlichen Zusammensein treiben würden als ein normales Baseballspiel. Das würde die Corona-Risiken erhöhen. Gänzlich unterbinden kann die japanische Regierung solches Verhalten nicht. Auch aus Respekt vor den Freiheitsrechten des Einzelnen hat Japan in der Pandemie nie so hart in das Leben der Menschen eingegriffen wie westliche Regierungen.

          Der oberste Virusberater der Regierung, Shigeru Omi, warnte vor wenigen Wochen, es sei abnormal, mitten in der Pandemie Olympische Spiele zu veranstalten. Doch zu Recht bleibt die Entscheidung über die Spiele und die Zahl der Zuschauer in einer Demokratie eine originär politische, welche die Regierung nicht den Fachleuten überlassen darf. Der Verzicht auf olympische Zuschauer in den Stadien ist so auch Folge des Umstands, dass die Regierung von Ministerpräsident Yoshihide Suga unter dem Eindruck steigender Infektionszahlen und einer stotternden Impfkampagne an Zustimmung verliert. Die Ängste vor dem Virus und vor Olympia sind in Japan groß. Daran kommt keine Regierung vorbei, auch wenn das manchen Athleten und Sportfans nicht gefällt.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

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