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Krise des Spitzensports : Die Deutschen verlieren den Glauben

  • -Aktualisiert am

Mehr Gold für Gold? In Deutschland wird demnächst wohl über die Förderung des Spitzensports diskutiert. Bild: AP

Das Vertrauen in die Integrität der Sport-Funktionäre schwindet. Das zeigt eine Umfrage. Den Athleten dagegen stehen die meisten Bürger zur Seite. Und Olympia in Deutschland wäre willkommen.

          Die Krise des Spitzensports zeigt erste Wirkung in der deutschen Bevölkerung. Das geht aus einer neuen Studie der Deutschen Sporthochschule Köln hervor, deren Teilergebnisse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegen. Demnach halten zwar 81,26 Prozent der Bundesbürger die deutschen Athleten für integer, glauben an die Einhaltung von Regeln, Fair Play und Unbestechlichkeit. Aber nicht mal 40 Prozent (39,33) vertrauen den Sportlern anderer Länder. „Wir konnten erstmals eine Kausalkette nachweisen, dass die Akzeptanz des Spitzensports in der deutschen Bevölkerung maßgeblich vom Vertrauen in die Integrität der Athleten, der Verbände und insbesondere der Funktionäre abhängt“, sagt Professor Christoph Breuer, der Chef des Instituts für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Studie wurde finanziell unterstützt durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe. Breuer ließ im Mai rund 2000 wahlberechtigte Bundesbürger befragen. Zu einem Zeitpunkt, als unter anderem über das russische Staats-Doping, das Versagen der Welt-Anti-Doping-Agentur, über die damit verbundene Korruption im Internationalen Leichtathletik-Verband und über die sich abzeichnenden Winkelzüge im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) intensiv berichtet wurde.

          Schon vor dieser Entscheidung des IOC im Juli hatten die Deutschen ihr Vertrauen in die Integrität der Funktionäre verloren. Der Formulierung „Ich habe Vertrauen, dass deutsche Sportfunktionäre moralisch integer handeln und die Einhaltung von Regeln sowie FairPlay und Unbestechlichkeit beachten“, stimmten nur 26,99 Prozent (von 1871 Befragten) zu. Noch deutlich schlechter ist das Ansehen der Männer (und wenigen Frauen), die die Fäden im internationalen Sport ziehen: Allein 16,87 Prozent der Deutschen halten sie für integer.

          „Die Werte beziehen sich natürlich nicht auf den Vereinsvorsitzenden des örtlichen Fußballklubs“, sagte Breuer, „es geht um den olympischen Spitzensport.“ Neben diesen für den organisierten Sport alarmierenden Einschätzungen tauchen in der Studie Ergebnisse auf, die die in Rio entbrannte Diskussion um die Förderung des Spitzensports befeuern könnten. Denn die Bedeutung von Medaillen für das Ansehen der Bundesrepublik hat in den Augen der Deutschen deutlich nachgelassen. „Wir haben einen Rückgang um gut 17,3 Prozent festgestellt“, sagte Breuer mit Blick auf eine ähnliche Umfrage vor den Sommerspielen 2012 in London.

          Dieser starke Schwund trifft einen heiklen Aspekt in einem für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) schwierigen Moment. Denn die Bundesregierung rechtfertigt ihre Spitzensportförderung in Höhe von gegenwärtig rund 150 Millionen Euro pro Jahr mit ihrer Vorstellung, die Medaillenausbeute repräsentiere die Leistungsfähigkeit des Landes: Geld für Gold sozusagen. Vor diesem Hintergrund beklagt der Sport schon seit Jahren eine Schieflage. „In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20.00 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150.000 sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern“, schrieb der frühere Weltklasseschwimmer Markus Deibler auf seiner Facebook-Seite.

          In Rio kritisierten Athleten wie der Kanute Hannes Aigner, aber auch der Cheftrainer der Schwimmer, Henning Lambertz, nach dem medaillenfreien Auftritt seines Teams die Bedingungen in Deutschland: „Wir sind uns einig: So kann es nicht weitergehen“, sagte er. Es müsse einen runden Tisch mit Verband sowie den Geldgebern, Innenministerium und DOSB geben. Athleten und Trainer begründen diesen Wunsch indirekt mit den Erwartungen von Innenminister Thomas de Maizière („Ein Drittel mehr Medaillen“ in Zukunft) sowie angesichts der Jahr für Jahr wachsenden internationalen Konkurrenz.


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          Die Bundesbürger sprechen sich laut der Studie zwar auch mehrheitlich für höhere Investitionen in den Spitzensport aus (53 Prozent), aber nur 34,99 (2009 Befragte) sind der Meinung, der Zuschuss müsse vom Steuerzahler kommen. Wasser auf die Mühlen des Bundesinnenministeriums? Einen runden Tisch wird es nicht geben. Nach den Spielen von Rio will de Maizière, der die olympische Bewegung nach Angaben des Sportinformationsdienstes für „nicht unerheblich beschädigt“ hält, zusammen mit dem DOSB das längst (im Streit) verhandelte neue Spitzensportkonzept vorstellen. Mehr Geld soll es nicht geben. Es wird eher umgeschichtet und konzentriert. Einige Verbände müssen mit Kürzungen rechnen. Vor vier Jahren noch hatte der Sport eine andere Rechnung aufgemacht. Nach London, als sich abzeichnete, dass die Medaillenausbeute weiter sinken würde, hatte der DOSB wenigstens 38 Millionen Euro mehr pro Jahr gefordert - um auf der Höhe zu bleiben. Der Wunsch stieß in Berlin auf Ablehnung.

          Dennoch: Bei der zu erwartenden öffentlichen Diskussion um die Förderung des Spitzensports in Deutschland stehen die Bürger den Athleten trotz aller zunehmenden Skepsis auch zur Seite. Laut Studie ist das Interesse an Spitzensport in Deutschland in den vergangenen vier Jahren sogar gestiegen: von 57,1 Prozent auf 60,1. Und 65 Prozent würden es begrüßen, wenn in Deutschland eines Tages wieder Olympische Spiele ausgerichtet würden.

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