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Debatte um Olympia : Schluss mit den Hymnen!

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Weg mit dem Fahnenmarsch: Das IOC sollte Flagge zeigen und National-Insignien bei seinem Fest des Miteinanders aus dem Spiel lassen. Bild: dpa

Bei Olympia schaut am Ende alle Welt auf den Medaillenspiegel. Doch bei einem Fest, das Menschen zusammenführen soll, haben Hymnen und andere National-Insignien nichts zu suchen. Ein Gastbeitrag.

          Jetzt stehen sie also wieder bevor, die Olympischen Sommerspiele als der „Höhepunkt“ der olympischen Bewegung. Die Olympische Charta charakterisiert diese Spiele eindeutig als Fest der Individuen. Die Bewegung wirke, so das dritte der grundlegenden Prinzipien, permanent und finde ihren Höhepunkt in den Olympischen Spielen als der Zusammenführung der Athleten der Welt zu einem großen Fest des Sports. Die Individuen und Organisationen, die im Geiste des Olympismus handeln, sind dort also gehalten, die individuellen Athleten und Athletinnen zu feiern.

          Die olympische Bewegung möge in Vorfreude aufgeregt sein, um dann mitzufiebern mit den Auftritten zum Beispiel von Laura Asadauskaite-Zadneprovskiene, von Josh und Nathan Katz oder auch mit den „Individuen“ der Mannschaftssportarten, also etwa mit der brasilianischen Basketballmannschaft. Es gibt dann genügend Anlässe zu Freud und Leid, jeweils gebunden daran, dass Person A gegen Person B oder Mannschaft C gegen Mannschaft D (Regel 6) glücklich gewinnt oder tragisch verliert, mit persönlicher Bestleistung den vierten Platz erreicht oder was auch immer so geschehen mag.

          Alle werden auf den Medaillenspiegel schauen

          Wenn es glücklich läuft, dann wird sich festliche Atmosphäre eingestellt haben, und zwar dadurch, dass alle Fragen nach der ethnischen Zugehörigkeit, der Hautfarbe, der Religion, der sexuellen Orientierung, dem Alter, der sozialen Herkunft der Athleten zugunsten der konkreten Personen gleichgültig gewesen waren. Die Prinzipien und Regeln der Charta haben es in sich, und es ist durchaus das Papier wert, auf dem diese Verfassung der olympischen Bewegung gedruckt ist. Wie war das noch? Allen Würde zuzugestehen heißt, dass niemand bloß Exemplar einer noch so hehren Gemeinschaft ist, sondern dass die je eigene unaustauschbare Einmaligkeit durch die Gleichheit von Rechtsansprüchen geschützt ist. Wer nicht (mehr) weiß, dass Feste von heterogenen Individualitäten in einem gemeinsamen Geist leben, der möge noch einmal Thomas Vinterbergs „Das Fest“ angucken.

          Aber so wird es auch in diesem Jahr wieder nicht geschehen. Am Ende des Tages wird die Begeisterung über den weißrussischen Sportler, den ich vorher noch gar nicht kannte, die chinesische Sportlerin, von der ich auch abends noch nicht verstanden habe, wie man so virtuos Badminton spielen kann, und über den deutschen Achter, dem ich so sehr die Daumen gedrückt hatte - am Ende des Tages wird all das und vieles mehr nicht mehr zählen. Am Ende des Tages ist es nämlich egal, wer genau da wie gewonnen hat, denn alle werden auf den Medaillenspiegel starren, der uns belehrt, dass da gar nicht Athleten gegeneinander antreten, sondern Nationen. „Wir“ sind dann wer, oder auch nicht. Niemand will es übrigens gewesen sein. Der Spiegel ist unvermeidbar immer schon da - genau wie jener Gast, den niemand kennt, von dem alle aber glauben, dass irgendwer ihn schon eingeladen haben wird. Auch hier ist die Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eindeutig: „Weder das IOC noch das OK nehmen eine Gesamtwertung nach Ländern vor.“ (Regel 57)

          Der Geist Olympias: Athleten, nicht Nationen.

          Die olympische Bewegung ist wesentlich auch in Nationale Olympische Komitees (NOK) gegliedert, die sich ihrerseits zu kontinentalen und zu einer weltweiten Vereinigung, ausdrücklich vom IOC unterschieden, zusammengeschlossen haben. Diese Organisationsform - nein, falsch: irgendeine Organisationsform - ist nötig, damit gewährleistet wird, dass Athleten der Welt zu den Spielen zusammengeführt werden. Man muss nur einen Blick auf die Rhythmische Sportgymnastik werfen, um zu begreifen, was damit gemeint ist. Gäbe es keinerlei Organisationsform, die eine weltweite Teilnahmemöglichkeit gewährleistet, würden dort nur Athletinnen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion gegeneinander antreten - gelegentlich würde sich eine japanische Athletin zu den Spielen verirren, die von einem russischen Trainer in Russland betreut wird. „Die Athleten der Welt“, das ist ein komplizierter Genitiv. Die Verantwortung der Olympischen Bewegung wäre rustikal gekappt, wenn man in dieser Formel „die Welt“ einfach zu einem vermarktbaren Anhängsel, zu einem „auf der Welt“, degradiert.

          Wer tatsächlich die besten Athleten der Welt zusammenführen will, der muss während der vier Jahre einer Olympiade sehr viel dafür tun, dass alle überhaupt eine Chance haben, zu diesen Athleten zählen zu können. Deshalb gibt es unter anderem das Programm der Olympischen Solidarität, das die NOK nutzen können und sollen. Wer dagegen jenen Genitiv nicht versteht oder verstehen will, der hält sich an Listen globaler messbarer Bestleistungen, nimmt dabei zur Kenntnis, dass die Rhythmische Sportgymnastik nicht einmal in einem halben olympischen Ring, geschweige in fünfen gedeiht, und wird beizeiten diese Öde der Sportart zynisch als Argument gegen sie ins Feld führen. Die olympische Bewegung ist demgegenüber erklärtermaßen eine Selbstverpflichtung auf Entwicklungshilfe eingegangen. Man kann lange darum streiten, ob es klug ist, dass die Entsendung der Athleten gerade an Nationen gebunden ist. Nach allen Erfahrungen sind Nationalismen dann programmiert. Andererseits ist die Orientierung an den Vereinten Nationen (Uno) nicht von vornherein absurd. So oder so, und das ist der springende Punkt, kann man diese Organisationsform der NOK nicht ersatzlos abschaffen, will man die Idee der weltweiten Solidarität nicht von vornherein begraben.

          Aber wie immer man es organisiert: Es ist und bleibt eine Organisationsform der Zusammenführung von Athleten. Es ist ein Verrat an der Olympischen Charta, wenn sich diese Form verselbständigt und auch noch den Höhepunkt der Bewegung, die Spiele selbst, prägt. Mit der Olympischen Charta ist es schlicht unverträglich, dass die NOK Mannschaften stellen - sie entsenden individuelle Athleten und Athletinnen und nichts weiter sonst. Wenn sich jene Organisationsform verselbständigt, wird aus einem Olympischen Dorf das Klischee einer Kolonie sauber getrennter Nationalparzellen. Der Einmarsch der Nationen, Nationalhymnen bei Siegerehrungen und andere National-Insignien haben bei einem Fest, das Personen und nicht Länder zusammenführt, nichts verloren. Wie bunt könnte es auch in dieser Hinsicht sein, wenn individuelle Athleten durch das Abspielen einer gemeinsamen Olympiahymne sowie ihres individuellen Musikwunsches gefeiert würden. Das wäre vermutlich nicht so andächtig, aber wahrscheinlich feierlicher: Heterogene Individualitäten in einem Geist des Miteinander.

          Die momentane Organisationsform der olympischen Bewegung ist ein solcher Verrat an der eigenen Charta. Wie der Fall der Läuferin und Kronzeugin im russischen Doping-Skandal, Julia Stepanowa, gerade vorführt, gerät die Nationengebundenheit der Entsendung von Athleten zu einem eigenen und scheinbar unverrückbaren Argument gegenüber den Grundprinzipien der Charta. Aber auch über diesen Fall hinaus: Die Macht der NOK ist zu groß. Sie organisieren nicht nur mit einiger Berechtigung die Entsendung individueller Athleten, sondern sie sind, freundlich ausgedrückt, der Humus für blühende Nationalismen. Die Koalition von DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) und Bundesinnenministerium ist hier sprechend, denn deren oberstes Ziel ist die Sammlung von Medaillen zum Ruhme der eigenen Nation. In Europa sind wir gerade hart darauf gestoßen, und der Befund gilt weltweit, und er gilt auch dann, wenn nicht von Staaten, sondern von NOK die Rede ist: Wer Nation sagt und dabei bleibt, bloß Nation zu sagen, der sagt immer, manchmal leiser und manchmal schriller: Wir, und nicht die anderen.

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          Dort, wo sich Nationen zusammenschließen und dabei bloße Nationen bleiben wollen, bleibt die transnationale Solidarität auf der Strecke, und die individuellen Bürger, erst recht deren Rechtsansprüche auf gerecht verteilte Chancen individuellen Gedeihens, bleiben bloße Spielsteine. Die nationalistischen, im Kern völkischen Bewegungen, die gerade in Europa wie Pilze aus dem Boden schießen, führen es doch vor: Wir brauchen endlich transnationale Verfassungen, damit die nationalen Eigentümlichkeiten in einem rechtsverbindlichen Rahmen gedeihen können. Gemeinsam beschworene Werte müssen in eine Rechtsform transformiert werden, um verbindlich zu sein. Dann und dadurch sind nationale eigentümliche Wertakzente möglich und ihrerseits geschützt - ganz analog dazu, dass private Weltanschauungen in einer nationalen Verfassung geschützt sind, vorbehaltlich wirksamer Gewaltenteilung, versteht sich. Das, was sowieso schon gilt: Die Eingebundenheit der nationalen Verfassungen in das Völkerrecht bedarf offenkundig einer föderalen Zwischenstruktur, um nicht zwischen Ohnmachtserfahrungen gegenüber hartnäckigen Nationalismen und imperialen Weltpolizistenaktionen zu pendeln.

          Freilich gedeihen die Nationalismen in der Olympischen Bewegung auch deshalb, weil die NOK zu wenig Gewicht haben. Sie sind, so die Charta, asymmetrisch der „obersten Autorität“ des IOC untergeordnet und insofern bloße Ausführungsgehilfen. Aus ihrer Sicht ist es nur konsequent, sich ausschließlich um ihre eigenen, sprich: nationalen Interessen zu kümmern. Für einen, gar solidarischen, Blick auf die Gesamtbewegung sind sie gar nicht zuständig. Das Verhältnis IOC-NOK ist erklärtermaßen ein monarchisches und deshalb ein zutiefst vormodernes. Die Minimalbedingung, um endlich in der Moderne anzukommen, ist eine polyzentrische, strikt gewaltengeteilte Struktur von Rechtsgesellschaften. Die heutige olympische Bewegung praktiziert in jeder dieser Hinsichten das Gegenteil - selbst ihre Kontrollorgane sind noch Familienmitglieder.

          Wollen wir die Symbolik der fünf Ringe nicht endlich ernst nehmen? Lösen wir das IOC doch auf zugunsten einer Union, und nicht nur Addition von fünf kontinentalen Zusammenschlüssen von lokalen Organisationseinheiten, je vereint in einer eigenen translokalen Verfassung. Für den Augenblick reden wir dann realistischerweise von fünf transnationalen Unionen kontinentaler NOK. Was vom IOC dann übrig bliebe, wäre die reale Organisation dieser globalen Union. Was das heißt, könnte man im Wettstreit mit den Vereinten Nationen lernen. Minimale Bestandteile wären eine Geschäftsführung, ein unabhängiges Verfassungsgericht, gewaltengeteilte Internationale Sportverbände, eine Art Sicherheitsrat ohne das Privileg ständiger Mitglieder und ein Weltparlament aller lokalen Organisationseinheiten. So vielleicht?

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