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Debatte um Olympia : Schluss mit den Hymnen!

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Die momentane Organisationsform der olympischen Bewegung ist ein solcher Verrat an der eigenen Charta. Wie der Fall der Läuferin und Kronzeugin im russischen Doping-Skandal, Julia Stepanowa, gerade vorführt, gerät die Nationengebundenheit der Entsendung von Athleten zu einem eigenen und scheinbar unverrückbaren Argument gegenüber den Grundprinzipien der Charta. Aber auch über diesen Fall hinaus: Die Macht der NOK ist zu groß. Sie organisieren nicht nur mit einiger Berechtigung die Entsendung individueller Athleten, sondern sie sind, freundlich ausgedrückt, der Humus für blühende Nationalismen. Die Koalition von DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) und Bundesinnenministerium ist hier sprechend, denn deren oberstes Ziel ist die Sammlung von Medaillen zum Ruhme der eigenen Nation. In Europa sind wir gerade hart darauf gestoßen, und der Befund gilt weltweit, und er gilt auch dann, wenn nicht von Staaten, sondern von NOK die Rede ist: Wer Nation sagt und dabei bleibt, bloß Nation zu sagen, der sagt immer, manchmal leiser und manchmal schriller: Wir, und nicht die anderen.

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Dort, wo sich Nationen zusammenschließen und dabei bloße Nationen bleiben wollen, bleibt die transnationale Solidarität auf der Strecke, und die individuellen Bürger, erst recht deren Rechtsansprüche auf gerecht verteilte Chancen individuellen Gedeihens, bleiben bloße Spielsteine. Die nationalistischen, im Kern völkischen Bewegungen, die gerade in Europa wie Pilze aus dem Boden schießen, führen es doch vor: Wir brauchen endlich transnationale Verfassungen, damit die nationalen Eigentümlichkeiten in einem rechtsverbindlichen Rahmen gedeihen können. Gemeinsam beschworene Werte müssen in eine Rechtsform transformiert werden, um verbindlich zu sein. Dann und dadurch sind nationale eigentümliche Wertakzente möglich und ihrerseits geschützt - ganz analog dazu, dass private Weltanschauungen in einer nationalen Verfassung geschützt sind, vorbehaltlich wirksamer Gewaltenteilung, versteht sich. Das, was sowieso schon gilt: Die Eingebundenheit der nationalen Verfassungen in das Völkerrecht bedarf offenkundig einer föderalen Zwischenstruktur, um nicht zwischen Ohnmachtserfahrungen gegenüber hartnäckigen Nationalismen und imperialen Weltpolizistenaktionen zu pendeln.

Freilich gedeihen die Nationalismen in der Olympischen Bewegung auch deshalb, weil die NOK zu wenig Gewicht haben. Sie sind, so die Charta, asymmetrisch der „obersten Autorität“ des IOC untergeordnet und insofern bloße Ausführungsgehilfen. Aus ihrer Sicht ist es nur konsequent, sich ausschließlich um ihre eigenen, sprich: nationalen Interessen zu kümmern. Für einen, gar solidarischen, Blick auf die Gesamtbewegung sind sie gar nicht zuständig. Das Verhältnis IOC-NOK ist erklärtermaßen ein monarchisches und deshalb ein zutiefst vormodernes. Die Minimalbedingung, um endlich in der Moderne anzukommen, ist eine polyzentrische, strikt gewaltengeteilte Struktur von Rechtsgesellschaften. Die heutige olympische Bewegung praktiziert in jeder dieser Hinsichten das Gegenteil - selbst ihre Kontrollorgane sind noch Familienmitglieder.

Wollen wir die Symbolik der fünf Ringe nicht endlich ernst nehmen? Lösen wir das IOC doch auf zugunsten einer Union, und nicht nur Addition von fünf kontinentalen Zusammenschlüssen von lokalen Organisationseinheiten, je vereint in einer eigenen translokalen Verfassung. Für den Augenblick reden wir dann realistischerweise von fünf transnationalen Unionen kontinentaler NOK. Was vom IOC dann übrig bliebe, wäre die reale Organisation dieser globalen Union. Was das heißt, könnte man im Wettstreit mit den Vereinten Nationen lernen. Minimale Bestandteile wären eine Geschäftsführung, ein unabhängiges Verfassungsgericht, gewaltengeteilte Internationale Sportverbände, eine Art Sicherheitsrat ohne das Privileg ständiger Mitglieder und ein Weltparlament aller lokalen Organisationseinheiten. So vielleicht?

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