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Debatte um Olympia : Schluss mit den Hymnen!

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Der Geist Olympias: Athleten, nicht Nationen.
Der Geist Olympias: Athleten, nicht Nationen. : Bild: Getty

Die olympische Bewegung ist wesentlich auch in Nationale Olympische Komitees (NOK) gegliedert, die sich ihrerseits zu kontinentalen und zu einer weltweiten Vereinigung, ausdrücklich vom IOC unterschieden, zusammengeschlossen haben. Diese Organisationsform - nein, falsch: irgendeine Organisationsform - ist nötig, damit gewährleistet wird, dass Athleten der Welt zu den Spielen zusammengeführt werden. Man muss nur einen Blick auf die Rhythmische Sportgymnastik werfen, um zu begreifen, was damit gemeint ist. Gäbe es keinerlei Organisationsform, die eine weltweite Teilnahmemöglichkeit gewährleistet, würden dort nur Athletinnen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion gegeneinander antreten - gelegentlich würde sich eine japanische Athletin zu den Spielen verirren, die von einem russischen Trainer in Russland betreut wird. „Die Athleten der Welt“, das ist ein komplizierter Genitiv. Die Verantwortung der Olympischen Bewegung wäre rustikal gekappt, wenn man in dieser Formel „die Welt“ einfach zu einem vermarktbaren Anhängsel, zu einem „auf der Welt“, degradiert.

Wer tatsächlich die besten Athleten der Welt zusammenführen will, der muss während der vier Jahre einer Olympiade sehr viel dafür tun, dass alle überhaupt eine Chance haben, zu diesen Athleten zählen zu können. Deshalb gibt es unter anderem das Programm der Olympischen Solidarität, das die NOK nutzen können und sollen. Wer dagegen jenen Genitiv nicht versteht oder verstehen will, der hält sich an Listen globaler messbarer Bestleistungen, nimmt dabei zur Kenntnis, dass die Rhythmische Sportgymnastik nicht einmal in einem halben olympischen Ring, geschweige in fünfen gedeiht, und wird beizeiten diese Öde der Sportart zynisch als Argument gegen sie ins Feld führen. Die olympische Bewegung ist demgegenüber erklärtermaßen eine Selbstverpflichtung auf Entwicklungshilfe eingegangen. Man kann lange darum streiten, ob es klug ist, dass die Entsendung der Athleten gerade an Nationen gebunden ist. Nach allen Erfahrungen sind Nationalismen dann programmiert. Andererseits ist die Orientierung an den Vereinten Nationen (Uno) nicht von vornherein absurd. So oder so, und das ist der springende Punkt, kann man diese Organisationsform der NOK nicht ersatzlos abschaffen, will man die Idee der weltweiten Solidarität nicht von vornherein begraben.

Aber wie immer man es organisiert: Es ist und bleibt eine Organisationsform der Zusammenführung von Athleten. Es ist ein Verrat an der Olympischen Charta, wenn sich diese Form verselbständigt und auch noch den Höhepunkt der Bewegung, die Spiele selbst, prägt. Mit der Olympischen Charta ist es schlicht unverträglich, dass die NOK Mannschaften stellen - sie entsenden individuelle Athleten und Athletinnen und nichts weiter sonst. Wenn sich jene Organisationsform verselbständigt, wird aus einem Olympischen Dorf das Klischee einer Kolonie sauber getrennter Nationalparzellen. Der Einmarsch der Nationen, Nationalhymnen bei Siegerehrungen und andere National-Insignien haben bei einem Fest, das Personen und nicht Länder zusammenführt, nichts verloren. Wie bunt könnte es auch in dieser Hinsicht sein, wenn individuelle Athleten durch das Abspielen einer gemeinsamen Olympiahymne sowie ihres individuellen Musikwunsches gefeiert würden. Das wäre vermutlich nicht so andächtig, aber wahrscheinlich feierlicher: Heterogene Individualitäten in einem Geist des Miteinander.

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