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Sportereignis abschaffen? : Wir brauchen Olympia

  • -Aktualisiert am

Sollen auch im nächsten Jahr in Tokio leuchten: die olympischen Ringe Bild: EPA

Die Gier nach Geld, Macht und politischem Posieren, dazu das notorische Doping haben den Wert der Olympischen Spiele verschwimmen lassen. Abschaffen, verlangen deshalb die Überdrüssigen. Doch das darf nicht sein.

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          Beim Gedanken an die Olympischen Spiele 2032 könnte man zynisch werden. Qatar hat – mitten in der Pandemie – Interesse an deren Ausrichtung angemeldet. Und die Erfahrung lehrt: Wenn das Emirat eine Sportveranstaltung will, schafft es sich gute Chancen, sie irgendwann auch zu bekommen. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), zeigte sich jedenfalls schon erfreut. Zweimal ist Qatar zwar vorzeitig gescheitert mit Olympia-Bewerbungen. Doch die Herrscherfamilie lässt nicht nach in puncto Sportswashing – dem Versuch, durch große Sportveranstaltungen die beklagenswerte Menschenrechtslage vergessen zu machen.

          Am Sonntag hätte die Schlussfeier der Spiele der XXXII. Olympiade in Tokio stattfinden sollen, die aber wegen Corona um ein Jahr verschoben wurden. Immerhin: Falls sie im kommenden Jahr wirklich stattfinden, kann dort schon mal für Qatar geübt werden. Im Wüsten-Kleinstaat fände Olympia nämlich in jedem Fall ohne Zuschauer statt. Dazu braucht es kein Virus, das haben frühere dort abgehaltene Groß-Events wie die Leichtathletik-WM 2019 gezeigt. Die Ränge waren leer, bei der Bullenhitze kollabierten Langstreckenläufer, und das übrige Programm fand im klimatisierten, offenen Stadion statt – ein absurdes ökologisches Signal.

          Mit Blick auf diese respektlose Athletenverhöhnung, die in zwölf Jahren sogar im Zeichen der Ringe fortgesetzt werden könnte, drängt sich wie so oft die Frage auf: Brauchen wir Olympia, diese zerbeulte Krone des Hochleistungssports, eigentlich noch? In diesen Zeiten der zerbröselnden Gewissheiten stehen viele alte Gewohnheiten in Frage. Die Spiele auch. Die Gier nach Geld, Macht und politischem Posieren, dazu das notorische Doping haben ihren Wert verschwimmen lassen. Abschaffen, verlangen die Überdrüssigen. Aber es ist nicht die Grundlage der Olympischen Spiele, es ist ihr Missbrauch, der das Ziel der Kritik bleiben muss.

          Olympia ist eine Idee, die nicht untergehen darf. Von Tausenden Sportlern aus aller Welt, die sich in Frieden zum Wettkampf treffen, gemeinsam Regeln akzeptieren (vom Einhalten reden wir besser nicht) und der Welt zeigen, dass alle Menschen einen gemeinsamen Nenner finden können. Von dieser Vorstellung leben die Spiele. Aber – in ihrer jetzigen Form – auch von ihren Einnahmen. Ohne das viele Geld auf dem Konto wäre Olympia jetzt wehrlos. Auch so werden die Spiele – genau wie der Rest der Welt – die Folgen der Pandemie noch lange spüren. Doch es lohnt sich zu kämpfen. Mit ihnen verlöre die Welt nicht nur einen hypertrophen Zirkus, sondern auch einen großen Traum. Die menschlichen Abgründe, die der Verteilungskampf überall freilegt, bestehen auch ohne Olympia weiter. Die Vision vom respektvollen, freundschaftlichen, weltumspannenden Wettbewerb aber ist unersetzlich.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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