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London Calling : Letzter Aufruf zur Ü30-Party

Bewährte Vertreter Deutschlands: Björn Otto (l.), Danny Ecker Bild: dpa

Von wegen „Jugend der Welt“: Zu den Olympischen Spielen fühlen sich auch gestandene Männer weit jenseits der 30 angesprochen.

          Als Treffen der Jugend der Welt werden Olympische Spiele leichtfertig apostrophiert. Aber nicht alle, die im Zeichen der Ringe antreten, gehören noch zu den ganz Jungen. Es ist natürlich auch unserer überalterten Gesellschaft geschuldet, dass die Thirtysomethings noch locker zum Nachwuchs gezählt werden können. Aber ein bisschen überraschend ist es schon, welche Jahrgangskameraden sich zum Beispiel im Stabhochspringen, einer der körperlich anspruchsvollsten Disziplinen überhaupt, derzeit auf Olympia vorbereiten.

          Da ist Danny Ecker, 34 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Eigentlich sollte er vernünftig geworden sein, doch nach langer Verletzungspause schwingt er sich auf seine alten Tage noch einmal an, die zur Norm ausgerufene Höhe von 5,72 Meter zu überspringen. Da ist Björn Otto, ebenfalls Jahrgang 1977, der sich im Laufe seiner Karriere schon beide Achillessehnen gerissen hat, im Sommer endlich seine Diplomarbeit als Biologiestudent abzugeben plant, und danach Berufspilot werden will. Trotzdem ist er in der Form seines Leben und führt mit 5,92 Meter derzeit die Jahresbestenliste an. Und da ist natürlich Tim Lobinger, 39, der zumindest nach eigenem Verständnis schon immer die deutsche Stabhochsprunggilde angeführt hat, und auf seiner Homepage aktuell die Devise „Final preparation 4.0“ ausgerufen hat.

          „Warum die sich das alle noch mal antun, ist einfach zu erklären“, sagt Stabhochsprung-Bundestrainer Jörn Elberding: „Sie alle wollen die Spiele in London mitnehmen. Egal, was jemand schon erlebt hat, Olympia ist nicht vergleichbar mit einer WM oder irgendetwas anderem. Wer die Chance hat, dabei zu sein, der versucht sie auch zu nutzen.“ Und in „Swinging London“ wird es ja hoffentlich irgendeinen Club geben, der auch Ü30-Partys anbietet.

          Hoch hinaus geht es für die Thirtysomethings Bilderstrecke

          Ecker und Lobinger sind die einzigen deutschen Stabhochspringer, die über die magischen sechs Meter gesprungen sind, allerdings ist dieser Ruhm schon ein wenig verblasst: Lobinger schaffte den großen Sprung 1997 und 1999 im Freien, Ecker 2001 in der Halle. Von sechs Metern wollen beide auch nicht mehr reden, zumindest nicht für sich, denn Ecker traut Otto diese Höhe durchaus noch zu.

          5,80 Meter sind das Maß, bei dem sich die internationale Klasse von der Weltelite trennt. Lobinger, von der Attitüde ein Popstar, tief im Herzen aber auch ein Buchhalter, hat diese Höhe 99 Mal in seiner langen Karriere überwunden. Der Statistikfreak kann und will nicht glauben, dass damit Schluss sein soll: „Die Hundert will ich voll machen“, erklärt er mit Nachdruck.

          Versöhnliches Ende angestrebt

          Zuletzt war er nur semiprofessionell öffentlich in Erscheinung getreten, als er bei der RTL-Show „Let’s dance“ den Parkettlöwen gab, dennoch ist es sein Ziel, eine sportliche Legende zu werden: „Ich will meine fünften Olympischen Spiele schaffen. Das ist nur wenigen Sportlern gelungen!“ Die Masse der Teilnahmen könnte bei ihm die Klasse aufwiegen: denn nach seinem siebten Platz in Atlanta erreichte er nur noch die Plätze 13 in Sydney und elf in Athen. In Peking scheiterte er gar in der Qualifikation.

          Danny Ecker war besser, wurde aber auch nicht olympisch glücklich: In Sydney reichten ihm 5,80 nur zu Rang acht, in Athen sprang er auf den fünften Platz (5,75) und in Peking war er höhengleich mit dem Dritten (5,70), doch die Anzahl der Fehlversuche spülte ihn auf Platz sechs. „Vielleicht hätte ich schon längst aufhören sollen“, meinte der technisch begnadete, aber körperlich anfällige Springer, dessen Laufbahn von „vielen Comebacks“ durchzogen war, „aber ich will meine Karriere zu einem versöhnlichen Ende bringen.“

          Hauptsache, die Leistung stimmt

          Auch Björn Otto hätte schon öfter mal den Stab ins Korn werfen können. Bei der WM 2007 stand er einen Sprung vom Weltmeistertitel entfernt, wurde dann aber mit 5,81 Fünfter – höhengleich übrigens mit Ecker, der Bronze gewann und Lobinger, der Achter wurde – die Zahl der Fehlversuche entschied über Glück und Unglück.

          Dann: Achillessehne links gerissen 2008, Achillessehne rechts gerissen 2010, und als er sich 2011 zurück kämpfte und die WM-Norm sprang, war die Anlage falsch ausgemessen und er musste zu Hause bleiben. Nun will er in seinem dritten Frühling endlich zum ersten Mal nach Olympia springen, und im Gegensatz zu Ecker und Lobinger vorher auch die Hallensaison mitnehmen.

          Da muss er sich am Wochenende gegen den Ansturm der jungen Konkurrenten Malte Mohr (25), Raphael Holzdeppe (24) und Karsten Dilla (22) erwehren, um deutscher Hallenmeister zu werden. Bundestrainer Elberding betrachtet den Wettkampf mit Wohlgefallen: „Für mich ist es unerheblich, ob ein Sportler alt ist oder jung, Hauptsache die Leistung stimmt.“ Und sollte es mit London nicht klappen. In Rio de Janeiro 2016 wird es sicher auch schön.

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