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London Calling : Dem Ziel so nah

Auf dem Weg nach Olympia: Oscar Pistorius hat die Norm geschafft Bild: REUTERS

Er ist ein Sportler außerhalb jeder Norm und gerade deshalb muss er unbedingt die Norm schaffen, um sich seinen großen Traum zu erfüllen. Oscar Pistorius, der schnellste Läufer ohne Beine, rennt um seinen Startplatz in London.

          2 Min.

          Werden die Diskussionen jetzt wieder beginnen? Wird sich Oscar Pistorius nun wieder vorwerfen lassen müssen, er habe Vorteile gegenüber Nichtbehinderten? Werden andere, weniger begabte Läufer ebenfalls Karbonfedern anschnallen, um ihrem Olympia-Traum näher zu kommen?

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Pistorius jedenfalls ist seinem großen Ziel schon sehr nahe. Am vergangenen Samstag unterbot der beinamputierte Südafrikaner bei einem Rennen in Gauteng in 45,20 Sekunden die Olympianorm über 400 Meter. Damit ist er auf dem besten Weg nach London. Entsprechend begeistert äußerte sich der Fünfundzwanzigjährige. „Ich bin überglücklich, dass ich die Norm erfüllt habe. Als ich die Zeit gesehen habe, war das ein magischer Moment“, sagte Pistorius, ergriffen von seiner Leistung.

          Gesichert ist seine Olympia-Teilnahme zwar noch nicht, aber aller Voraussicht nach dürfte er von seinen laufenden Landsleuten in den kommenden Monaten nicht mehr überholt werden. „Ich hoffe, dass ich vom Olympischen Komitee nominiert werde“, brachte sich der smarte Läufer sicherheitshalber schon in Position: „Ich wäre stolz, mein Land bei Olympia und den Paralympics zu vertreten und werde mich so gewissenhaft vorbereiten, dass ich meine beste Leistung bringen kann.“ 

          Dürfte er tatsächlich laufen, wäre er schon am Ziel. Dann hätte er es allen gezeigt. Denn an Oscar Pistorius haben sich in der Vergangenheit die Geister geschieden. Er ist nicht irgendein Läufer. Er ist der schnellste Sprinter ohne Beine, er ist der „Blade Runner“, der erste Paralympics-Sieger, der bei einer „normalen“ Weltmeisterschaft startete.

          Ein Mann für viele Fälle: Pistorius ist Läufer, Kämpfer, Symbolfigur
          Ein Mann für viele Fälle: Pistorius ist Läufer, Kämpfer, Symbolfigur : Bild: REUTERS

          Sein Antrag auf Zulassung für Wettbewerbe Nichtbehinderter hatte jahrelang für Diskussionen gesorgt. Ist dieser Sportler tatsächlich ein normaler Sprinter oder doch eher eine Mensch-Maschine? Es gab Gutachten und Gegengutachten. Pistorius wurde auf Herz, Nieren und Beine geprüft. Es ging um Sauerstoffaufnahmekapazität und Laktatwerte, Energieverlust und Maximalgeschwindigkeitsausdauer, Blutmengen und Schrittlängen.

          Skeptiker glauben, dass Pistorius durch seine hochwertigen Karbonstelzen einen technischen Vorteil habe. Befürworter halten dies für Unsinn. Und Pistorius selbst ist nicht nur ein begeisterter Sportler, sondern auch ein harter Kämpfer. Er erstritt sein Startrecht vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas. Nach Abwägung aller Fakten und Versuchsergebnisse sahen die Richter in den fehlenden Unterschenkeln tatsächlich einen Nachteil: Er kann schlechter beschleunigen, bei Wind wird er eher von der Bahn geweht, und wenn es nass ist, droht ihm erhebliche Rutschgefahr.

          Laufender Botschafter Südafrikas: „Ich bin stolz, mein Land vertreten zu dürfen“
          Laufender Botschafter Südafrikas: „Ich bin stolz, mein Land vertreten zu dürfen“ : Bild: AFP

          Schon bei den Olympischen Spielen in Peking hätte er starten dürfen, doch damals scheiterte Pistorius schlicht an der Norm. Stattdessen gewann er bei den Paralympics in der Klasse T44 alle Laufstrecken von 100 bis 400 Meter.

          Die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2009 in Berlin verpasste der „Blade Runner“ wegen einer Verletzung. Doch bei der WM zwei Jahre später in Daegu war er tatsächlich dabei. Vielbeachtet sprintete er bis ins Halbfinale - als Läufer und Symbolfigur. Die Behindertenorganisationen freuten sich über das historische Ereignis und drückten dem Mann die Daumen, der sich selbst nicht als gehandicapt ansieht.

          Ein Läufer wie jeder andere auch

          Der Junge aus Johannesburg war wegen eines Gendefekts ohne Wadenbeine zur Welt gekommen. Seine Eltern entschieden sich für die Amputation beider Unterschenkel. Von klein auf lief er deshalb auf Prothesen durch die Welt: „Mein Bruder zog seine Schuhe an, wenn wir zum Spielen gingen, und ich meine Prothesen.“ Er spielte Fußball, Tennis, Rugby. Und schon in der Highschool rannte er den anderen davon.

          Das Internationale Olympische Komitee (IOC) beobachtete die Pistorius-Premiere in Daegu mit Interesse, und entschied: Er darf auch in London starten, wenn er die formalen Voraussetzungen - sprich die sportliche Qualifikationsnorm - erfüllt. Pistorius selbst wird nicht müde zu erklären, er fühle sich „wie jeder andere Athlet auch: Wir alle arbeiten hart, wir alle wollen unser Bestes geben.“ Es scheint so, als könnte er es in London der Welt wieder einmal zeigen.

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