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Sommerspiele 2016 : Zwangsräumung für Olympia

  • -Aktualisiert am

Kampf um die Heimat: Einwohner der Favela „Vila Autodromo“ wehren sich gegen die „Sanierung“ ihres Stadtteils Bild: AFP

Rio de Janeiro will bei den Olympischen Sommerspielen in vier Jahren die Welt umarmen. Dafür sollen rauhe Armenviertel schicken Neubaugebieten weichen. Doch die Bewohner wehren sich.

          Für die rund 3000 Einwohner von „Vila Autódromo“ hat der olympische Überlebenskampf schon begonnen. Vier Jahre vor den „Spielen der Leidenschaft“ in Rio de Janeiro 2016. Das kleine Armenviertel kämpft gegen die Pläne der brasilianischen Olympia-Manager und für eine eigene Zukunft. Geht es nach dem Willen von Leonardo Gryner, dem Generaldirektor des lokalen Organisationskomitees, und Eduardo Paes, dem Bürgermeister von Rio, dann wird es das kleine Armenviertel bald nicht mehr geben. Stattdessen sollen dort Apartments für deutlich zahlungskräftigere Mieter entstehen, als es die jetzigen Bewohner jemals sein werden.

          Pedro Paulo Franklin ist ehemaliger Feuerwehrmann der brasilianischen Armee und eigentlich in Rente. Doch seit vor ein paar Tagen erstmals ausländische Journalisten den Kampf der Bürger von „Vila Autódromo“ für ihre Favela in die Welt transportierten, muss der 71-Jährige Rede und Antwort stehen. „Das Ganze ist doch total absurd“, sagt er und schüttelt heftig den Kopf: „Wir leben hier in einem kleinen Paradies, einfach und bescheiden, aber ohne Gewalt und Kriminalität. Und jetzt soll das alles weg. Warum?“

          Ein hässlicher Flickenteppich

          Franklin und seine Nachbarn sind kleine Spielfiguren in einem großangelegten Immobilien-Schachspiel. Die Favelas, die sich wie ein hässlicher Flickenteppich durch den Stadtdschungel von Rio ziehen, sind vielen Olympia-Planern ein Dorn im Auge. Manchmal trennt in der zukünftigen Olympiastadt gerade mal eine Straßenbreite die wohlhabenden Viertel von den angrenzenden Armensiedlungen. Gelegentlich machen sich die Bewohner der reichen Viertel einen Spaß daraus, vom Balkon ihres Luxusapartments zu beobachten, wie die bettelarmen Nachbarn vor ihrer Nase arglose Touristen ausrauben, die zur falschen Zeit am falschen Ort herumspazieren. „Schleppzüge“ nennen das die Cariocas, die Einwohner von Rio de Janeiro.

          Für das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist das ein Problem. IOC-Präsident Jacques Rogge sprach das delikate Thema vor den Spielen in London bei einem Mittagessen mit Rios Bürgermeister Paes an. „Er hat uns gebeten, dass wir diese Viertel urbanisieren“, erklärt Paes. „Rogge sagte mir, es wäre für die olympische Bewegung ein außerordentlich positives Bild, wenn es gelänge, all diese Zonen in Viertel zu verwandeln, in denen die Menschen mit Würde wohnen können.“

          30 Dollar für eine spezielle Favela-Tour

          Soweit der fromme Wunsch des mächtigen IOC-Präsidenten. Die Wahrheit in Rio de Janeiro sieht freilich anders aus: Seit der Vergabe der Olympischen Sommerspiele an die brasilianische Metropole, die damit der erste südamerikanische Gastgeber dieses sportlichen Weltereignisses wird, ist eine Debatte darüber entbrannt, wie Rio seine Armenviertel aus dem Stadtbild tilgen kann. Immobilienspekulanten wittern das große Geschäft. Mal lässt die Stadtverwaltung riesige Mauern um die Favelas errichten, damit diese nicht weiter in den angrenzenden Regenwald hinein wuchern, oder sie funktioniert ein ganzes Armenviertel wie die Favela Santa Marta flugs zum Vorzeigeobjekt für Sozial-Touristen um. Diese erleben dann für 30 Dollar eine speziell organisierte Favela-Tour, die dem Besucher zeigt, wie Brasiliens Unterschicht so zu leben pflegt.

          Die olympische Flagge ist bereits am Zuckerhut angekommen

          Die Bewohner von „Vila Autódromo“ wollen ihr hart erkämpftes Stückchen Erde nicht an Olympia verlieren. Altair Guimaraes ist so etwas wie der Bürgermeister der Favela. Seit 17 Jahren lebt er dort. Nun kündigt er Widerstand an: „Wir werden uns wehren, auf jede erdenkliche Art.“ Dafür haben die Bewohner mit Experten die Köpfe zusammengesteckt. Herausgekommen ist ein Urbanisierungsplan, für den nur umgerechnet etwa sechs Millionen Euro veranschlagt sind. Die Hälfte dessen, was die Stadt eine Zwangsumsiedlung der Favela kosten würde.

          Lücke zwischen Plan und Realität

          “Wird eine Wohnung zwangsgeräumt, darf die betroffene Person zwischen einer finanziellen Entschädigung oder einer Alternativwohnung an einem anderen Ort wählen“, erklärt Raquel Rolnik, verantwortlich für Fragen des angemessenen Wohnens beim Hohen Kommissar der UN für Menschenrechte. Tausende Beschwerden - nicht nur aus Rio de Janeiro - sind bislang auf den Tisch der UN-Mitarbeiterin geflattert. Beweis dafür, dass zwischen Plan und Realität eine große Lücke klafft. In „Vila Autódromo“ tobt ein Kampf, der viel aussagt über das neue Rio de Janeiro. „Wir wollen die Welt umarmen“, versprach Rios Cheforganisator Leonardo Gryner gleich nach den Spielen in London. Aber gilt das auch für die eigenen Anwohner?

          Die Stadt muss sich jeden Tag neu entscheiden, wer ihr wichtiger ist: finanzstarke Immobilieninvestoren oder die Bewohner der Favelas. Für die Realisierung der Pläne für Olympia und die Fußball-WM 2014 braucht die Stadt viel Platz, aber die Bürger von „Vila Autódromo“ wollen ihn auf keinen Fall hergeben. Doch vielleicht geht nun alles sehr schnell - eine neue Fläche habe die Stadt bereits angemietet, heißt es aus der Stadtverwaltung, mit neuen Ersatzwohnungen. Der olympische Wettkampf um die eigene Zukunft ist eröffnet.

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