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Segeln bei Olympia : Gerichtsverfahren und Trauerfälle

  • -Aktualisiert am

Haben turbulente Monate hinter sich: Kathrin Kadelbach und Frederike Belcher Bild: Könitzer

Die 470er-Seglerinnen Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher sind durch die turbulenteste Olympiaqualifikation gegangen. Mit Hilfe eines Mentalcoachs haben sie zur Gelassenheit zurückgefunden.

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          Als die Konkurrenz zur Generalprobe für die Olympiaregatta in See sticht, sitzt Kathrin Kadelbach entspannt auf dem weißen Sofa und trinkt Tee. Die Steuerfrau der deutschen 470er-Mannschaft hat ihre Vorbereitung auf die erste Wettfahrt in Weymouth, die an diesem Freitag (13 Uhr / Live im Olympia-Ticker bei FAZ.NET)  deutscher Zeit gestartet wird, längst abgeschlossen. Vom Appartement ihres Freundes Johannes Polgar, der 2008 in China im Tornado-Katamaran dabei war und zur Unterstützung angereist ist, überblickt die Berlinerin das Revier vor den Toren von Weymouth und sagt selbstbewusst: „Von mir aus kann es jederzeit losgehen.“

          So gelassen waren die vergangenen Monate keineswegs. Mit ihrer Vorschoterin Friederike Belcher ist Kadelbach durch die turbulenteste Ausscheidung aller Bootsklassen für London 2012 gegangen, die bis vor das Landgericht Hamburg führte. Zur Vorgeschichte: Bei der Weltmeisterschaft in Perth/Australien im Dezember hatten Kadelbach/Belcher ihre Gegnerinnen Tina Lutz und Susann Beucke mit einer konsequenten Zweikampftaktik nach hinten gesegelt, um nach eigenem schlechten Auftakt ihren Vorsprung in der Qualifikationsserie zu verteidigen.

          Heftige Diskussionen

          Das Verhalten löste heftige Diskussionen aus, sowohl über die rechtliche als auch über die moralische Dimension. Der Deutsche Segler-Verband (DSV) hatte es zuvor versäumt, der misslichen Situation per Reglement vorzubeugen. Das Fall wurde zum zähen und zickigen Rechtsstreit, an der Nominierung der Punktsiegerinnen änderte das aber nichts.

          “Das Ganze hat unheimlich viel Zeit, Geld und vor allem Energie gekostet“, resümiert Kathrin Kadelbach das leidvolle Tauziehen, „aber die Sache ist abgehakt, und wir haben uns mit den Mädels versöhnt.“ Das ernstgemeinte Angebot, Sparringspartner für die Spiele zu werden, lehnten die Unterlegenen jedoch ab, weil sie die Bootsklasse wechseln wollten. Gute Wünsche vor der Abreise blieben aus. Die vier werden wohl keine Freundinnen mehr werden.

          Keine Top-Favoritinnen

          Kadelbach will darüber nicht mehr viel reden, sondern den Kopf freibehalten für den Höhepunkt ihrer Karriere. Nach der WM scherten sie aus einem unsteten Trainingssystem des Verbands mit wechselnden Betreuern aus (“Der rote Faden fehlte“) und vertrauten sich Ruslana Taran an. Der Weg nach Weymouth nahm Struktur an, die Erfolge auf dem Wasser stellten sich wieder ein. Zu den Top-Favoritinnen zählen sie nicht, dass sind Hannah Mills und Saskia Clark aus dem Gastgeberland und die kräftigeren Niederländerinnen Lisa Westerhof und Lobke Berkhout beim vorhergesagten Starkwind.

          “Kein unerheblicher Vorteil, wenn die anderen dich nicht auf der Rechnung haben“, weiß die Ukrainerin Taran. Sie holte drei olympische Medaillen, war zehnmal Welt- und Europameisterin und stammt aus der Schule von Meistermacher Victor Kavalenko. Der Trainerguru betreut Mathew Belcher und Malcolm Page, die Favoriten der Männerkonkurrenz aus Australien. Der Skipper ist mit der Vorschoterin verheiratet. Der vor wenigen Wochen verstorbene Großvater Rolf Mulka hatte 1960 in Rom Bronze geholt.

          Deutsche Medaillengewinner : So viel Glück auf einmal

          “Wir segeln auch für Rikes Opa, der uns jetzt von oben zuschaut“, verspricht Kathrin Kadelbach. Gerichtsverfahren und Trauerfälle - um solche negativen Einflüsse besser zu verkraften, suchten die 470er-Frauen auch gezielt Rat bei einem Mentalcoach. Und fanden den renommierten Kölner Sportpsychologen Prof. Andreas Marlovits, der sich im Fußball und Tennis einen Namen gemacht hat. Er hat die Stärken und Schwächen des Zweierteams analysiert. Ein großes Problem war die Anfangsnervosität, gepaart mit Übermotivation, die auf wichtigen Regatten mehr als einmal zur Frühstartqualifikation im ersten Rennen geführt hatte.

          Sie kann mit den Rückschlägen umgehen

          So auch bei der WM in Australien, wodurch die Studentinnen gleich ins Hintertreffen gerieten, während Lutz/Beucke davonzogen. „Ich habe schon von einem Frühstart geträumt“, so Kadelbach, „aber wir werden uns hier zusammenreißen.“ Inzwischen kann sie ganz gut mit den vergangenen Rückschlägen umgehen, was auch ein Verdienst ihres Partners ist. „Johannes hat mir die Freude am Segeln zurückgegeben, die Ruhe und die Sicherheit.“ Vor allem in der schweren Zeit mit dem Hickhack um die Olympiafahrkarte war Polgar immer für sie da. Vorgestern Morgen brachte er Blumen und einen Schokoladenkuchen mit Kerzen - trotz des Olympiatrubels sollte Kathrins 29. Geburtstag nicht untergehen. Segelmänner als persönlicher Wohlfühlfaktor.

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