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Gold-Schwimmer Horton : „Ich habe weder Zeit noch Respekt für Doping-Betrüger“

Gemeinsame Freude, einsame Auszeichnung: Mack Horton lächelt mit Gabriel Detti (l.), Sun Yang wendet sich ab. Bild: Reuters

Schwimmer Mack Horton gewinnt Olympia-Gold über 400 Meter Freistil – und greift danach seinen Gegner Sun Yang an. Der Chinese verschwindet mit Tränen von der Bühne. Danach muss der Australier noch eines klarstellen.

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          Der Pressekonferenzraum im Bauch des Olympischen Schwimmstadions in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Es geht auf Mitternacht zu. Erste Frage in der Runde mit Mack Horton, Australien, dem Olympiasieger über 400 Meter Freistil, mit dem Italiener Gabriele Detti, der Dritter wurde, und mit Sun Yang, dem Sieger der Spiele von London über diese Strecke. Sun Yang fehlt noch auf dem Podium, als sich zu Anfang eine Chinesin zu Wort meldet. „Eine Frage an Mister Horton: Warum haben Sie Sun Yang einen Doping-Betrüger genannt? Warum haben Sie dieses Wort benutzt?“ Antwort Horton: „Ich habe das Wort Doping-Betrüger benutzt, weil er positiv getestet wurde.“

          Im Frühjahr 2014 war der Chinese mit dem verbotenen Herzmittel Trimetazidin im Körper aufgefallen. Seine drei Monate währende Sperre gab der chinesische Verband erst bekannt, als Sun Yang sie schon abgesessen hatte. Als sein Arzt ihn anschließend trotz der gegen den Mediziner ausgesprochenen Sperre bei einem Wettkampf betreute, wurde die Sperre des Arztes verlängert, aber gegen Sun Yang keine Maßnahme ergriffen. Vor diesem Hintergrund war es ein faszinierender Kampf, den sich Horton, im April 20 Jahre alt geworden, mit dem Chinesen lieferte, innerhalb und außerhalb des Beckens – wobei die Vergangenheitsform womöglich falsch gewählt ist, denn spätestens Ende der Woche treffen Sun Yang und Mack Horton wieder aufeinander, dann über 1500 Meter Freistil.

          Horton, dem durchaus zugetraut worden war, trotz seines jungen Alters den Chinesen herausfordern zu können, hatte zuletzt Schlagzeilen gemacht, weil er im Frühsommer riesiges Glück bei einem Unfall mit einem Geländewagen im australischen Busch hatte. Er fiel einen Abhang hinunter, blieb aber an einem Baumstumpf hängen und trug eine gebrochene Nase, blaue Flecken und einen gewaltigen Schrecken davon. Doch Horton wirkt so gar nicht wie der Typ Crocodile Dundee.

          Mit braver Scheitelfrisur und Brille wirkt er außerhalb des Beckens wie ein strebsamer Student, der aus der Nachtschicht in der Uni-Bibliothek stolpert. Tatsächlich aber ist Horton offenkundig nach Rio gekommen, um zu siegen – und um Tacheles zu reden. Er ist der erste Schwimmer, der bei den Schwimmwettkämpfen den fragwürdigen Umgang der maßgeblichen Entscheidungsträger mit Sportlern mit Doping-Vergangenheit in Rio, im Schwimmen offen anspricht.

          Nachdem Sun Yang im Training versucht hatte, ihn zu provozieren – ein Vorwurf, der längst nicht zum ersten Mal von Konkurrenten an den Chinesen gerichtet wird – sagte Horton nach dem Vorlauf am Samstagmittag, im Wissen, dass er Sun Yang am Abend wieder begegnen würde: „Ich habe ihn ignoriert. Ich habe weder Zeit noch Respekt für Doping-Betrüger.“ Als er im Finale dann mit knappem Vorsprung auf die letzte Bahn wendete, als es noch 25, noch 15 Meter waren und der Chinese ihm immer näher kam, da habe er „Beton in den Armen gehabt. Aber im Unterbewusstsein kam mein Spruch von mittags auf. Da wusste ich, dass ich durchziehen muss.“

          Horton ist jung, aber er hat offensichtlich keine Hemmung, anzusprechen, was ihm auffällt. Er habe sich zuvor überlegt, nach den Vorlauf schon zu sagen, was er denkt. Und nach der Siegerehrung, bei der die Antipathie zwischen beiden mit Händen zu greifen war, noch vor der Pressekonferenz, erläuterte der Australier seine Beweggründe. „Das ist kein großes Statement. Es ist doch wahr, dass er erwischt wurde.“

          Der Schnellste: Mack Horton gewinnt Gold über 400 Meter Freistil.
          Der Schnellste: Mack Horton gewinnt Gold über 400 Meter Freistil. : Bild: AP

          Darauf angesprochen, dass Sportler selten so deutlich werden, antwortete er: „Genau. Hinter den Kulissen ist so viel los in Sachen Doping, und keiner sagt was. Für mich hätte es sich nicht richtig angefühlt, auf dieser großen Bühne gegen jemanden mit Doping-Vergangenheit anzutreten und nichts zu sagen. Es ist der erste Tag der Spiele. Ich hoffe, andere denken ähnlich und sagen etwas.“ In der Tat – es ist erst der Beginn der Spiele. Die Auftritte der namhaften russischen Schwimmer, trotz nachgewiesen staatlichen Doping-Programms nunmehr in fast vollständiger Mannschaftsstärke anwesend, stehen noch aus.

          Sun Yang musste nach der Niederlage dagegen getröstet werden – die Dame, die Horton auf der Pressekonferenz sichtlich echauffiert nach seiner Wortwahl fragte, hatte den Chinesen zuvor sicher eine gute Minute in den Armen gehalten und getröstet, bevor der Sportler mit verweinten Augen abtrat. Sun Yang hatte zum Thema des Abends wenig beizutragen. Das müsse nicht weiter diskutiert werden. Er habe alles getan, um zu zeigen, dass er sauber sei. Und jedes Land habe seine eigenen Angelegenheiten, um das es sich zu kümmern habe. „Ich glaube nicht, dass wir zu viel über australische Schwimmer sprechen sollten.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte Horton die Pressekonferenz schon verlassen. Allerdings nicht, ohne noch einmal ganz deutlich zu machen, um was es ihm ging: „Mir geht es hier nicht spezifisch um Mister Sun und mich. Es geht um alle Sportler, die in diese Kategorie Doping-Betrüger fallen.“

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