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Ryan Giggs : Ein Leben im Flutlicht

Ein weiterer Höhepunkt der Weltkarriere: Ryan Giggs als Olympiateilnehmer Bild: imago sportfotodienst

Ryan Giggs ist so etwas wie der Anti-Beckham - und genau deshalb hat es der Waliser in das gesamtbritische Fußball-Team geschafft. Mit 39 Jahren geht bei Olympia ein Jugendtraum in Erfüllung.

          3 Min.

          Als Walliser kann man, auf welche Art auch immer, ganz nach oben kommen im Weltfußball - Sepp Blatter macht es im Internationalen Fußball-Verband seit Jahrzehnten vor. Als Waliser hat man es viel schwerer. Da kann man einer der Weltbesten sein und trotzdem nie die ganz große Bühne bekommen. Ryan Giggs geht es so seit mehr als zwanzig Jahren. Hätte er sich als junger Mann nicht für Wales entschieden, wo er geboren wurde, sondern für England, wo er aufwuchs, er wäre heute wohl auch als Nationalspieler der Weltstar, der er als Vereinsspieler wurde.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Mit Manchester United, dem einzigen Klub, für den er je spielte, kam er auf zwölf englische Meisterschaften und zwei Champions-League-Siege. Mit Wales kam er auf null WM- und EM-Teilnahmen. So musste Giggs fast 39 Jahre alt werden und London die Olympischen Spiele bekommen, damit er endlich einmal ein großes Fußballturnier bestreiten darf: Wenn er an diesem Donnerstag das gesamtbritische Team gegen Senegal als Kapitän aufs Feld führen wird.

          Beckham hatte die Wirkung, Giggs die Umfangsform

          Dass Trainer Stuart Pearce ihm die späte Ehre erwies, hat nichts mit Ehrfurcht vor dem großen Namen oder der fabelhaften Karriere zu tun, sondern allein mit sportlichen Gründen und mit der britischen Hoffnung, nach hundert Jahren endlich mal wieder eine olympische Fußball-Medaille zu gewinnen. Andernfalls hätte der anderthalb Jahre jüngere David Beckham den Posten bekommen. Pearce entschied sich gegen Beckhams globale Markenwirkung und gegen dessen Verdienste als olympischer London-Lobbyist - und für das Können von Giggs, der anders als Beckham nicht in der zweitklassigen US-Liga spielt, sondern beim besten Klub der stärksten Liga der Welt seit 22 Jahren einen Stammplatz hat.

          Everybody’s darling: Giggs beim Abschied 2007 als walisischer Nationalspieler

          Alex Ferguson, sein ewiger Trainer, stellt in Aussicht, ihm auch nach der nächsten Saison wieder eine Verlängerung zu geben: „Ryan kann auch mit 40 noch spielen.“ Giggs geht in die 23. Profisaison, seine Mitspieler gehen ins 23. Lebensjahr. Er gehört zu den drei Spielern, die vom Alterslimit im britischen Olympiateam ausgenommen sind. Neben dem 24 Jahren alten Verteidiger Micah Richards und dem 33 Jahre alten Stürmer Craig Bellamy benötigte Pearce noch einen Mittelfeldspieler, so fiel die Wahl für seinen dritten „Overage Player“ fast von allein auf Giggs, nicht auf Beckham.

          Das hat zudem den Vorteil, dass der Rummel um das von vielen auf der Insel abgelehnte vereinigte „Team GB“ nicht auch noch durch den Hollywood-Star der Ballbranche zusätzlich angetrieben wird. Von den Stars, die Anfang der neunziger Jahre aus der legendären United-Jugend kamen, hatte Beckham immer die beste Außenwirkung, Giggs aber die besten Umgangsformen am Ball. Der eine ist der größte Marketing-Star des Fußballs geworden, der andere dessen erfolgreichster Klubspieler.

          Die Langlebigkeit der Leistung ist phänomenal. 909 Spiele für United, nie eine Rote Karte. Giggs ist nicht mehr ganz so wendig wie in seinen Tagen als Flügeljäger. Damals behaupteten Gegenspieler, er sei so leichtfüßig, dass man ihn nicht kommen höre. Das gleicht er heute mit makelloser Technik und disziplinierter Lebensweise aus. Giggs trinkt keinen Alkohol, isst kaum Fleisch, treibt regelmäßig Yoga. Er bleibt gern im Hintergrund, und so saß er auch die negativen Schlagzeilen des letzten Jahres aus, als eine langjährige Affäre mit der Frau seines Bruders publik wurde. Er schwieg, und irgendwann verlor der Boulevard wieder das Interesse an ihm. Privat ist er ein Anti-Beckham: ein Leben im Flutlicht, nicht im Rampenlicht.

          Der Kapitän geht voran: Giggs (Mitte) beim Training mit den Kollegen von der Insel

          Schon am Montag zog er mit den Kollegen ins Olympische Dorf ein und zeigte sich von der Jugendherbergsstimmung angetan. Die einzelnen britischen Verbände waren gegen das vereinigte Team, weil sie um ihre traditionelle Selbständigkeit im Internationalen Fußballverband fürchteten. Für Giggs war diese Verweigerung nie ein Thema: „Ich bin Waliser und stolz darauf. Aber für mich war es eine Chance, die ich nicht verpassen durfte: Am größten Sportereignis der Welt teilzunehmen.“ Zwar erscheinen die sportlichen Möglichkeiten des Teams eher begrenzt - es war im letzten Test ohne Chance beim 0:2 gegen den Olympiafavoriten Brasilien mit Stars wie Neymar, Hulk oder Pato.

          Doch will Giggs eine positive Außenwirkung und eine Wiederholung des Projekts erreichen. „Ich hoffe, dass es keine Eintagsfliege ist. Und dass es bei künftigen Olympischen Spielen noch mehr Teams von Großbritannien geben wird.“ Und das vielleicht wieder mit ihm - dann aber wohl in veränderter Rolle. Schon jetzt lässt Pearce seinen Kapitän, ein ungewöhnlicher Schritt, an den Trainerbesprechungen teilnehmen: „Das zeigt den Respekt, den wir vor ihm haben.“ Der Waliser zeigt sich angetan: „Ich werfe einen immer genaueren Blick auf das Coachen.“ So ist Olympia für den Debütanten Giggs beides: ein nachgeholter Jugendtraum - und ein Praktikum für die zweite Lebenshälfte.

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