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Ruder-Duo Rommelmann/Osborne : Den Hunger mit Silber gestillt

Jonathan Rommelmann und Jason Osborne Bild: Reuters

Teuer verkauft gegen die überlegenen Iren: Die Leichtgewichts-Ruderer Jason Osborne und Jonathan Rommelmann holen Silber im Doppelzweier. Für den Schlagmann geht es nun auf dem Rennrad weiter.

          3 Min.

          Diese beiden Iren im Ruderboot arbeiten wie eine Dampfwalze. Und das, obwohl sie in der Leichtgewichtsklasse rudern und zusammen nur 140 Kilo auf die Waage bringen dürfen. Doch sie rollen unaufhaltsam voran. Ihr Start ist verhalten, als müssten sie erst warmlaufen, aber natürlich lässt sich keines der Konkurrenzboote mehr von den beiden in Sicherheit wiegen, sie kennen das schon und versuchen, so viel Raum wie möglich auf Vorrat zu gewinnen für die Phase, in der die Dampfwalze ihre Betriebstemperatur erreicht hat. Ihrem Schlussspurt konnte schon länger niemand mehr folgen. „Die Iren“, sagte der deutsche Leichtgewichtsruderer Jonathan Rommelmann schon bevor es in Japan so richtig losgegangen war, „sind das Maß aller Dinge.“

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Am Donnerstag, im Finale der Leichtgewichts-Doppelzweier von Tokio, hat er zusammen mit seinem Bootspartner Jason Osborne trotzdem versucht, das Duo Finlan McCarthy und Paul O’Donovan anzugreifen. Die beiden schossen aus der Startposition und setzten sich an die Spitze des Feldes, und dort blieben sie für mehr als 1000 Meter, doch wenig später erhöhten die Iren das Tempo, holten auf und setzten sich schließlich an die Spitze.

          Rennen auf Augenhöhe

          Dass Rommelmann und Osborne sich danach nicht aufgaben, spricht für ihr Selbstbewusstsein. Nein, die führenden Iren, die in dieser Saison den Europameistertitel und den Weltcup in Luzern gewannen, mussten sich bis ins Ziel mit einer ungewohnten Gegenwehr auseinandersetzen. Erst mit einem Zwischenspurt bei 1750 von 2000 Metern konnten sie sich entscheidend von ihren Herausforderern absetzen. „Wir hatten das Ziel, die Iren zu schlagen“, sagte Schlagmann Osborne. „So sind wir in das Rennen gegangen. Bis 300 Meter vor dem Ziel waren wir auch noch gut dabei. Wir haben alles gegeben und den Iren das Leben schwergemacht, aber es war halt nicht mehr drin.“

          Im Ziel betrug der Rückstand des deutschen Bootes lediglich 86 Hundertstelsekunden. „Wir haben Silber gewonnen“, sagte Rommelmann hinterher, „nicht Gold verloren.“ Und das auf respektable Weise. „Ich denke, wir haben den Iren heute einiges für ihr Geld geboten.“ Das Bronze-Boot aus Italien mit Stefano Oppo und Pietro Ruta kam denn auch erst mit fast acht Sekunden Rückstand auf die Sieger ins Ziel. „Der Abstand zu den anderen Booten war doch deutlich“, sagte die stolze Trainerin Sabine Tschäge. „Das gibt es in dieser Bootsklasse eigentlich gar nicht. Es war ein Rennen auf Augenhöhe.“

          Osborne will aufs Rad

          Der 26 Jahre alte Krefelder Jonathan Rommelmann und der ein Jahr ältere Jason Osborne aus Mainz haben es seit 2019 geschafft, von jedem Wettkampf, zu dem sie gefahren sind, mit einer Medaille heimzukehren. Und nun sind sie die ersten männlichen Leichtgewichtsruderer, die überhaupt für den Deutschen Ruderverband eine olympische Medaille gewonnen haben. Und die ist bitter nötig, denn die Bedingungen auf der Regattastrecke Sea Forest Waterway haben den deutschen Booten schon böse mitgespielt.

          Der Doppelvierer der Frauen wurde genauso Opfer von Wind und Welle wie der Einer-Ruderer Oliver Zeidler. Der Skuller aus Ingolstadt ist der Zimmernachbar des Leichtgewichts-Doppelzweiers in der kleinen Wohngemeinschaft im Athletendorf. „Uns tut das so leid, was Oli widerfahren ist“, sagte Rommelmann. „Wir fühlen da mit.“ Er und Osborne kamen deutlich besser mit dem unruhigen Wasser zurecht, schließlich trainieren sie auf unruhigem Gewässer auf den deutschen Flüssen Rhein und Ruhr.

          Und nun? Beinahe wäre die Bootsklasse nach den Spielen in Tokio abgeschafft worden und sie hätten die letzte olympische Silbermedaille im Leichtgewichts-Doppelzweier überhaupt geholt. Doch der Weltverband änderte seine Absicht – in Paris 2024 werden sie noch einmal dabei sein. Jason Osborne allerdings hat bereits neue Pläne gemacht. Er will er versuchen, bei einem professionellen Radrennstall einen Vertrag zu erhalten. Die Vorleistungen sind da. Osborne war im Jahr 2018 Achter den deutschen Meisterschaften im Zeitfahren und 2019 sogar Sechster.

          Außerdem wurde er im vergangenen Dezember Weltmeister im E-Cycling, einem virtuellen Wettkampf, der es einem Sportler ermöglicht, sich von zu Hause aus auf realistisch abgebildeten Strecken mit anderen zu messen – ein Sport der Zukunft, wie man seit der Pandemie weiß. Da Radsport sowieso ein gutes Ausgleichstraining für Ruderer ist, stand der Teilnahme auch gegen gestandene Profis nichts im Wege. „Für mich gibt es jetzt erst mal eine andere Challenge“, sagte Osborne. „Ich will es da einfach mal versuchen und gucke, was geht.“

          Die Zweier-Kollegen werden also womöglich voneinander Abschied nehmen, obwohl sie nach eigenen Angaben sehr gut miteinander auskommen. Und das will bei Leichtgewichtsruderern etwas heißen, schließlich begegnen sie sich auch in der Abnehmphase, in der hart trainiert und gleichzeitig gefastet werden muss. Da steigt nicht gerade die Laune. In Tokio aber fielen erst einmal die Kalorienschranken: „Das eine oder andere Bier wird sich schon auftreiben lassen“, sagte Medizinstudent Rommelmann.

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