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Robert Harting : Wie der Held aus einem Comic

Robert Harting: Konzentrieren auf den Kern Bild: REUTERS

Zwischen historischem Bezug und moderner Motivationshilfe: Der Diskus-Weltmeister Robert Harting hat seinen Weg gefunden - auch ins Finale der Olympischen Spiele.

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          An diesem Dienstag (20.45 uhr / Live im Olympia-Ticker bei FAZ.NET) zentrieren sich die Leichtathletik-Wettbewerbe in London auf ihren Kern. „Diskus, das ist die Urform des olympischen Gedankens“, sagt Robert Harting. „Der Diskus diente allein dem Sport. Eine Zweitfunktion kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“ Der beste Diskuswerfer der Welt - zweimal Weltmeister und seit vier Wochen auch Europameister - spricht natürlich von der Vergangenheit.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Bei den antiken historischen Spielen war Diskuswerfen Teil eines Mehrkampfes, und die Athleten mussten Kraftprotze sein, um mit der Bronzescheibe etwas anfangen zu können. „Das Teil war fünf Kilo schwer“, sagt Harting; was belegt, dass sie, im Gegensatz zum Speer, nichts anderes war als ein Sportgerät: „Als Waffe ist so etwas völlig untauglich. Wenn du einen Fünf-Kilo-Diskus wirfst, fliegt er in den Dreck, und dein Gegner ist weg.“

          Der Diskus von heute wiegt zwei Kilo, und Harting ist neben Virgilius Alekna, dem vierzig Jahre alten Olympiasieger von Sydney 2000 und Athen 2004, der Einzige, der ihn in dieser Saison schon siebzig Meter weit geschleudert hat. Bei der Qualifikation am Montag gab er sich mit einem einzigen Wurf zufrieden, der auf 66,22 Meter ging. Ein souveräner Auftritt also.

          Symbol Olympias

          Das Symbol Olympias entfährt der Hand der Athleten bei diesen Würfen mit einem solchen Schwung, dass diese aus einem Käfig heraus werfen müssen; Kampfrichter und Publikum müssen geschützt werden vor Flugobjekten von Werfern, die nicht die Kurve kriegen. Auch das ist offenbar ein Jahrtausende altes Problem. In der griechischen Mythologie treffen Hermes und Apollon beim Diskuswerfen zwei Zuschauer; die Blumen Krokus und Hyazinthe sind nach ihnen benannt. Perseus soll seinen Großvater mit einem Diskus erschlagen haben.

          Athletisch im Käfig: Harting holt kraftvoll Schwung für den Abwurf
          Athletisch im Käfig: Harting holt kraftvoll Schwung für den Abwurf : Bild: AFP

          Das Wort von der Funsportart gab es 1896 zwar noch nicht, wohl aber die Suche nach spektakulären Sportarten für die wiederbegründeten Olympischen Spiele. Der Magdeburger Pädagoge Christian Georg Kohlrausch konnte helfen. Er hatte aus Abbildungen und Skulpturen wie dem Discobolus, der im British Museum in der Olympiastadt ausgestellt ist, jene seit etwa 700 vor Christus bei Olympischen Spielen praktizierte Disziplin rekonstruiert. 1882 veröffentlichte er eine „Anleitung zur Einführung des Diskuswerfens“.

          Weit, weiter, Harting: Der Deutsche strebt im Finale eine Topweite an
          Weit, weiter, Harting: Der Deutsche strebt im Finale eine Topweite an : Bild: REUTERS

          Die museale Vorgeschichte und die offene Zukunft führten zu einer gewissen Experimentierfreude. Diskuswerfer der frühen Jahre standen, als seien sie Statuen, auf einem kleinen Podest. Die sportliche Praxis führte dazu, dass die Athleten zwar aus dem Stand warfen, dabei aber von der Kiste hüpften. Diese Variante wurde, ebenso wie die Kombination aus rechts- und linkshändigem Wurf, bald abgeschafft.

          Wenn es regnet steigen seine Chancen

          “Ein kompletter Athlet bist du erst als Olympiasieger“, sagte Robert Harting. Seine Chancen steigen, wenn es an diesem Dienstag regnet in London. Wie Michael Schumacher in der Formel 1 muss auch ein Diskuswerfer die rechte Balance aus Kraft und Fingerspitzengefühl finden, die Mischung aus Power und Grip, wenn er hochdreht auf nassem Asphalt. „Es wird schwerer, wenn es regnet“, sagt der 2,01 Meter große Harting. „Das könnte ein Vorteil für mich sein.“ Die Wetterprognosen in diesem englischen Sommer sind günstig.

          Das richtige Timing: Auch darauf kommt es an, wenn der Athlet den Diskus loslässt
          Das richtige Timing: Auch darauf kommt es an, wenn der Athlet den Diskus loslässt : Bild: dpa

          Wie ein Rennwagen braucht auch Harting erhöhte Temperatur für den Wettkampf. Er steigert sich in den Tagen zuvor in einen Wettkampfmodus, für den er Adrenalin freisetzt. „Ich will weit werfen. Mit Gelassenheit schaffst du das nicht.“ Das führt dann zu eindrucksvollem Ausdruck von Freude. Bei der Weltmeisterschaft 2007 in Osaka, wo er Silber gewann, zerriss sich Harting das Nationaltrikot auf der breiten Brust, 2009 in Berlin schulterte er nach dem Gewinn der Goldmedaille die Bärchenfigur, die durch den Innenraum sprang.

          Harting denkt weniger an Bildungsbürger wie Coubertin, die den Discobolus als Symbolik von Freiheit und Demokratie verstehen, wenn er über die Resonanz des Diskuswerfens spricht - sondern eher an den unverbildeten Nachwuchs: „Für Jungs von acht bis zwölf bin ich ein Comic-Actionheld.“

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