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Robert Harting : Ein einsamer Kämpfer

Die Regeln des Marktes sind hart und die des Sportgeschäfts bisweilen grotesk. Manche Veranstalter der Diamond League, erzählt Harting, zahlten kein Antrittsgeld, weil sie wüssten, dass Athleten, die zusätzlich zur Siegprämie von 10.000 Dollar die mit 40.000 Dollar dotierte Gesamtwertung in ihrer Disziplin gewinnen wollten, gezwungen seien, zu ihnen zu kommen. Das könne ein Olympiasieger, schon um das Preisgefüge aufrechtzuerhalten, nicht akzeptieren. Bleibe er aber weg, schnappe ein anderer ihm die lukrativen Prämien weg.

Bundeswehr? Nur in der Gegenwart hilfreich

Sprechen wir lieber von Steuergeld. Was hält Robert Harting von der ins Gerede gekommenen staatlichen Sportförderung? „Ich bin ja ein Produkt dieser Sportförderung. Klar funktioniert sie. Aber die Frage ist: auf wessen Kosten?“ Der Athlet investiert seine Zeit, die Gegenwart, und er vernachlässigt seine Ausbildung, das heißt, er riskiert seine Zukunft.

Als Robert Harting aus dem Elternhaus in Cottbus nach Berlin zog, wurde er zum ersten Mal gefördert. Die Sporthilfe unterstützte ihn mit siebzig Euro, damit er im Internat der Werner-Seelenbinder-Schule im Sportforum Hohenschönhausen leben konnte. „Das war notwendig, aber nicht entscheidend“, sagt Harting und verallgemeinert seine Vita: „Gerade bei sozialen Spezialfällen oder bei Leuten mit Perspektive muss man entscheidend eingreifen.“

Auch seine Stelle beim Militär ist nur in der Gegenwart hilfreich, sie bietet keine Perspektive für die Zeit danach. „Wenn ich keinen Erfolg habe, bin ich weg bei der Bundeswehr“, sagt der Stabsunteroffizier Harting. Bei den bevorstehenden Sportlerehrungen wird er wieder die graue Uniform des Heeres anziehen. „Man muss sich mit der Bundeswehr identifizieren können“, sagt er. „Wer sich mit der Bundeswehr nicht identifizieren kann, hat da nichts verloren.“

Duale Karriere? „Duale Belastung“

Sein Studium - Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste - erlebt Harting nicht als Bonus. Das Wort von der dualen Karriere sieht er als Euphemismus. „Ich finde, duale Belastung trifft es besser“, sagt er. „Das Problem ist das Risiko. Die Gesellschaft fängt niemanden auf, mich auch nicht. Ich muss mich vorbereiten, damit mir nicht das passiert, vor dem schon die Mama den Fünfjährigen warnt: Wenn du in der Schule nicht aufpasst, dann endest du als Penner.“

Für den Sport allerdings, für das Ziel, der Beste der Welt zu werden, sei diese Doppelbelastung nicht förderlich. Wenn er die Berufsausbildung nicht brauchte, würde er nicht studieren. „Dann könnte ich doch viel mehr Leistung produzieren“, sagt Harting. „Nicht wir sind schlechter im internationalen Vergleich. Die anderen sind besser.“

Robert Harting: „Der perfekte kantige Olympionike?“ Bilderstrecke
Robert Harting: „Der perfekte kantige Olympionike?“ :

Eine Debatte über den Wert von Olympiasiegen und die Wertschätzung von Olympiasiegern hält Harting für dringend geboten. Gern trägt er dazu bei. „Wenn Angela Merkel ins Trainingslager der Fußball-Nationalmannschaft fährt, ist das ein politisches Statement“, sagt er. „Sie ist Meinungsführerin. Die Fußball-Nationalmannschaft zu besuchen ist gut für sie, und es ist gut für den Fußball. War sie bei uns? War sie nicht. Wenn sie zu uns käme, würde das ganz andere Kräfte freisetzen.“

All dies berücksichtigt: Hat Harting die Goldmedaille für Deutschland gewonnen oder für sich? Lange denkt er nach. Dann wünscht er sich: „Ich würde gern 300 Prozent verteilen, damit jeder alles kriegt: Berlin, Deutschland und ich.“ Aber am dringendsten, das steht außer Frage, brauchte er selbst diesen Erfolg.

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