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Reiten in Rio : Das Feuer brennt noch

  • -Aktualisiert am

Schon 1988 in Seoul war Ludger Beerbaum Teil der Mannschaft. Auch 28 Jahre später ist er immer noch dabei. Bild: dpa

Vor 24 Jahren wurde Ludger Beerbaum Einzel-Olympiasieger. Immer wieder hat er versucht, den Rausch zu wiederholen. Nun ist er ältestes Mitglied der deutschen Mannschaft. Mit 52 Jahren will er noch einmal aufs Podium.

          Lang ist’s her, dass Ludger Beerbaum Olympiasieger wurde in der Einzelwertung. 24 Jahre. Und immer noch ist er dabei, wenn auch mit grauen Haaren. Mit seinen 52 Jahren ist er das älteste Mitglied der deutschen Olympiamannschaft in Rio. Aber das Feuer brennt. Vier Goldmedaillen hat Beerbaum inzwischen zuhause, aber der Versuch, den Triumph von Barcelona zu wiederholen, ist ihm nie mehr gelungen. Diesen Rausch noch einmal zu spüren, wenn man das Unglaubliche geschafft hat, ganz oben steht und alle Wünsche erst einmal erfüllt sind. Für vier Jahre zumindest, dann müsste ohnehin Nachschub her für einen ehrgeizigen Menschen wie ihn.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Dass Beerbaum durch ein Erlebnis im Sport jemals wieder so abheben kann wie durch diesen Sieg vor 24 Jahren in Barcelona, ist unwahrscheinlich. So etwas gönnt das Sportler-Schicksal den wenigsten ein zweites Mal. Er lag schon am Boden damals, stand wieder auf – und ritt anschließen zum Triumph. Die Bilder ließen den Zuschauern den Atem stocken. Beerbaum ritt ein zur zweiten Runde des Nationenpreises, bis zum dritten Hindernis ging alles gut.

          Dann riss plötzlich ein Teil der Zäumung seiner Stute Classic Touch, sie galoppierte am nächsten Hindernis vorbei, während Beerbaum verzweifelt versuchte, die Lederriemen, die um den Kopf der Stute schleuderten, von oben zu fassen. Das misslang. Das Pferd nahm Fahrt auf, Beerbaum hatte keine Kontrolle mehr und konnte sich nur noch durch einen beherzten Sprung in den Sand retten. Geschickt gemacht – er blieb unverletzt. Und auch Classic Touch blieb stehen. Und dann? Nach damaligem Reglement konnte er sich trotzdem noch für die Einzel-Entscheidung qualifizieren und gewann das Gold. Er war 28 Jahre alt.

          Ludger Beerbaum bei Olympia – das lief nie ohne großes Drama ab. „Ich hatte bei Olympischen Spielen einige emotionale Höhe- und Tiefpunkte“, sagt er lächelnd. Schon 1988 in Seoul war er Teil der Gold-Mannschaft – er musste kurzfristig auf The Freak umsteigen, das Ersatzpferd seines Mannschaftskollegen Dirk Hafemeister, weil sein eigenes verletzt war. 1996 in Atlanta wurde seine Stute Ratina Z nach dem Gewinn des Mannschafts-Goldes lahm – dieses einzigartige Pferd wäre gut genug gewesen für ein zweites Einzel-Gold. Vier Jahre später in Sydney versagte ihm plötzlich sein Hengst Goldfever die Gefolgschaft, offenbar hatte er Probleme mit dem nassen Geläuf.

          „Ich hatte bei Olympischen Spielen einige emotionale Höhe- und Tiefpunkte.“

          Es lief so schlecht, dass Beerbaum der deutschen Gold-Mannschaft nur das Streichresultat liefern konnte und mit bedrücktem Gesicht die Siegerehrung ertrug. 2004 in Athen? Betamethason. Bei Goldfever wurden Spuren eines Cortisonpräparats festgestellt. Beerbaums Stallmanagerin hatte, so gab er an, eine Salbe angewandt, um dieses Mal seine empfindlichen Hufe zu schützen. Bei der Eröffnungsfeier hatte Beerbaum noch die Ehre gehabt, die deutsche Fahne zu tragen – jetzt wurde er disqualifiziert, und die deutsche Equipe verlor nachträglich ihren Sieg.

          2008 in Hongkong? Die Mannschaft fiel aus der Wertung, diesmal nicht seinetwegen, sondern weil bei Christian Ahlmanns Pferd Cöster die Anwendung von Capsaicin nachgewiesen wurde. Dieses Mittel wird gelegentlich auch dazu verwendet, Pferdebeine empfindlicher zu machen. Aber auch der Schimmelhengst Cornet Obolensky von Marco Kutscher, damals Angestellter des Stalls Beerbaum, erhielt verbotenerweise ein Stärkungsmittel. 2012 in London? Pause. Beerbaum hatte kein geeignetes Pferd.

          Die Motivation für Rio zu finden fiel ihm schwer

          Und 2016 in Rio? Seit dem ersten Olympia-Start ist viel passiert. Beerbaum ist älter geworden, hat zweimal geheiratet, drei Kinder in die Welt gesetzt, in Riesenbeck ein eigenes Trainingszentrum eröffnet und über die Welt nachgedacht. Die Motivation für Rio zu finden fiel ihm schwer nach den sportpolitischen Entscheidungen der vergangenen Wochen. „Ich habe mir im Vorfeld selbst die Frage gestellt, welchen Sinn das hat mit dem ganzen Aufwand, dem Gigantismus und der Entscheidung des IOC, was die Russen betrifft.“

          Beerbaum kann sich eher mit dem Beschluss der Internationalen Paralympischen Komitees identifizieren, das die russischen Sportler nach der Aufdeckung eines staatlichen Doping-Apparates von seinen kommenden Spielen ausgeschlossen hat. „Ich war enttäuscht, dass die IOC-Exekutive sich einstimmig mit einer Enthaltung gegen einen Ausschluss ausgesprochen hat.“ Der Mann ist informiert.

          Trotz aller sportpolitischen Enttäuschung wuchs aber seine Motivation, je näher die Springreiter-Wettbewerbe von Rio rückten. Und je besser die Landsleute in den anderen Disziplinen abschnitten. „Bei den Kollegen läuft es ja richtig gut“, sagt er mit Blick auf Vielseitigkeit und Dressur. „Auch das ist der Stimmung nicht abträglich.“ Und jetzt zählt Action. Auf die Frage, ob es ihn störe, dass bisher kein Vertreter der Bundesregierung am Ort die Sportler angefeuert hat, sagt er jetzt nur noch: „Wenn Sie mich das nicht gefragt hätten, wäre es mir gar nicht aufgefallen.“

          An diesem Sonntag beginnt das olympische Springturnier von Rio mit der ersten Qualifikation. Beerbaum braucht jetzt seine analytischen Fähigkeiten, um Favoriten und Chancen zu kalkulieren. Die Mannschaft der Vereinigten Staaten nennt er als größten Konkurrenten der deutschen Equipe, aber es gebe viele Sieg-Kandidaten. Mit dem Wallach Casello will er sein Glück versuchen, an seiner Seite kämpfen Marcus Ehning mit Cornado, Daniel Deußer mit First Class und Christian Ahlmann mit Taloubet. Und in der Einzelwertung? Der Amerikaner McLain Ward ist größter Favorit. Aber wie immer sei die Tagesform ausschlaggebend. „Was vorher war, zählt nicht.“ Es könnten, sagt er, also am Ende Leute auf dem Podium stehen, mit denen niemand gerechnet habe. „Und wenn ich dabei wäre, dann wäre es auch nicht so schlimm.“

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