https://www.faz.net/-gtl-advgo

Beleidigung gegen Torunarigha? : Der Rassismus-Eklat vor dem Olympia-Turnier

In der Bundesliga spielt Torunarigha für Hertha BSC. Bild: AP

Der Berliner Jordan Torunarigha soll beim Test vor dem Olympia-Turnier rassistisch beleidigt worden sein. Die Mannschaft ging vom Platz. Ein starkes Signal oder war doch alles nur ein Missverständnis?

          2 Min.

          Es ist nur wenige Wochen her, da lenkte die Fernseh-Doku „Schwarze Adler“ einen ungeschönten Blick auf den Rassismus im deutschen Profifußball. Vor allem ging es darum, was Nationalspieler mit dunkler Hautfarbe erleben mussten und müssen. Neben prominenten Kickern wie Jimmy Hartwig und Gerald Asamoah kam dabei auch ein junger Spieler zu Wort, dessen Erfahrungen noch besonders frisch und dadurch aufwühlend waren.

          Pirmin Clossé
          Sportredakteur.

          Jordan Torunarigha, U21-Nationalspieler und in der Bundesliga für Hertha BSC am Ball, erzählte von seinen Erlebnissen im Februar 2020 während einer DFB-Pokalpartie bei Schalke 04. Von den Rängen aus war er damals mit Affenlauten bedacht worden. „Ich dachte, ich höre nicht richtig“, sagte er. „Ich konnte nicht mehr normal denken. Wütend, traurig, alles auf einmal, das war alles zu viel.“ Das Spiel endete für ihn mit einer Gelb-Roten Karte. Schalke wurde vom DFB eine Strafe von 50 000 Euro auferlegt.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Am Samstag hat für Torunarigha wieder ein Fußballspiel vorzeitig geendet. Und wieder ging es dabei um Rassismus. Mit der deutschen Auswahl bereitet sich der 23-Jährige derzeit auf die Olympischen Spiele vor. In einem Testspiel trat man im japanischen Ort Wakayama gegen Honduras an. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit sollten dreimal 30 Minuten gespielt werden, beide Trainer wollten viel durchwechseln und ausprobieren vor dem Turnierstart an diesem Donnerstag. Doch das Testmatch endete mit einem Eklat. Kurz vor dem Ende verließ die deutsche Mannschaft beim Stand von 1:1 geschlossen den Platz. Der Grund: Torunarigha gab an, er sei vom Gegner wiederholt rassistisch beleidigt geworden.

          „Er war echt sehr aufgelöst“, berichtete hinterher sein Trainer Stefan Kuntz. Daraufhin habe sich die Mannschaft entschlossen, ein Zeichen zu setzen. „Ich glaube, das ist ein Statement, das wir immer bringen müssen, wenn sowas passiert“, kommentierte Max Kruse die Aktion via Instagram. „Egal ob in der ersten oder der 90. Minute, das müssen wir einfach immer machen, weil Rassismus einfach keinen Platz im Fußball hat.“ Maximilian Arnold, der Kapitän der Olympia-Auswahl, sprach von einem „richtigen Statement. Wir haben richtig entschieden und gehandelt“, sagte er.

          Jordan Torunarigha wurde rassistisch beleidigt. (Archivfoto von 2018)
          Jordan Torunarigha wurde rassistisch beleidigt. (Archivfoto von 2018) : Bild: Picture-Alliance

          Auch Trainer Stefan Kuntz lobte seine Mannschaft. Ein „sehr, sehr gutes Verhalten“ sei das gewesen, sagte er und nannte die Beleidigungen gegen Torunarigha „traurig und armselig“. Die Mannschaft habe anschließend diskutiert, ob der Angelegenheit noch weiter nachgegangen werden solle. Letztlich entschied man sich dagegen, zumal sich der gesamte Kader von Honduras noch auf dem Platz entschuldigt habe. „Es war auch Jordans Wille, der gesagt hat, dass wir es damit gut sein wollen lassen“, erklärte Arnold. Doch ganz abgeschlossen war die Angelegenheit damit noch nicht. Zu schwer wiegen die Vorwürfe, zu ernst ist das Thema.

          Alles nur ein Missverständnis?

          Der honduranische Verband reagierte mit einer Mitteilung, in der er die Anschuldigungen zurückwies. Man verwies darin unter anderem auf die „multi-ethnische“ und „inklusive“ Prägung des Landes Honduras. Auch im Kader der Lateinamerikaner stehen schließlich zahlreiche Spieler mit dunkler Hautfarbe. Die Mannschaft würde sich „solidarisch mit Bewegungen, die Gleichheit und Rassengleichheit fördern“ erklären, hieß es weiter. Die Vorfälle vom Samstag beruhten deshalb vielmehr auf einem „unglücklichen Missverständnis“.

          Stefan Kuntz fühlte sich durch diese Erklärung eher an seine Schulzeit erinnert. „Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, wenn Sie mit einer Sechs nach Hause kamen“, sagte er bei einer digitalen Pressekonferenz am Samstag spitzzüngig. „Da habe ich zu meiner Mutter auch immer gesagt: Es war ein Missverständnis zwischen der Lehrerin und mir.“ Insofern lasse er die Ausführungen des honduranischen Verbands „am besten mal unkommentiert“.

          Der DFB, das ist so offensichtlich wie nachvollziehbar, bleibt bei der Darstellung seines Spielers. Wobei unklar ist, was genau die honduranischen Spieler zu Torunarigha gesagt haben sollen. Spieler und Trainer machten diesbezüglich bislang keine Angaben. Auch Versuche, von Verbänden und Offiziellen eine Auskunft zu erhalten, laufen ins Leere. Ob es sich tatsächlich um rassistische Beleidigungen handelte, ist dadurch nicht zu bewerten. Ein Thema bleibt der Rassismus im Fußball aber auch so.

          Weitere Themen

          Anti-Olympia-Proteste halten an Video-Seite öffnen

          Gegen Corona-Ausbreitung : Anti-Olympia-Proteste halten an

          In Tokio sind am Sonntag erneut etwa Hundert Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Ausbreitung zu demonstrieren. Die Zahl der positiven Tests steigt weiterhin stetig an.

          Topmeldungen

          Besuch in Flutgebieten : Laschet erlebt die Wut

          Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen besucht Orte, die hart von der Flut getroffen wurden. Da entlädt sich der Ärger von Betroffenen.
          Das „Aktionsbündnis der Urkantone“ macht mobil: In der Zentralschweiz ist der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen (hier eine Kundgebung in Luzern am Samstag) besonders stark.

          Schweiz : Rechte SVP streitet über Corona-Impfung

          Anhänger der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei lehnen die Corona-Impfung mehrheitlich ab. Sie lassen sich durch einen Impfappell von SVP-Doyen Christoph Blocher nicht beeindrucken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.