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Quarantäne bei Olympia : Athleten als Handelsreisende

Auf dem Weg zurück nach Deutschland: Simon Geschke hat die Quarantäne-Zeit überstanden. Bild: dpa

Der Ärger um die Quarantänebedingungen für infizierte Sportler bei den Olympischen Spielen in Tokio legt kulturelle Unterschiede zwischen West und Ost offen. Radsportler Geschke ist endlich auf dem Heimweg.

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          Geschäftshotels, „business hotels", sind in Japan die preiswerte Absteige für den Handelsreisenden oder den Ingenieur im Außendienst. So will es das Klischee, doch tatsächlich sieht man in den „business hotels“ auch viele kostenbewusste Urlauber. Mehrere Hotelketten in Japan konkurrieren um das Marktsegment. Die „business hotels“ sind weit verbreitet und werden gut genutzt.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Ausstattung der Hotels ist schlicht und zweckmäßig. Die Räume sind klein, oft sehr klein, aber sauber. Die Fenster lassen sich wenn überhaupt nur einen Spalt öffnen, oft auch gar nicht. Für Frischluftzufuhr sorgt die Klimaanlage. Das wird als normal angesehen.

          Nicht selten blickt man in den dicht bebauten Städten aus den Fenstern der „business hotels“ nur auf Hauswände und sieht kein Stück Himmel. Manchmal kann man auch gar nicht herausschauen, weil Blickschutzfolien die Sicht versperren. Der Grund dafür kann sein, dass das Nachbarhaus mit seinen Fenstern zu nahe steht. Meistens gibt es in den Hotelzimmern ein Badezimmer mit Badewanne und Waschbecken aus Plastik, das als Stück geliefert und eingebaut wird. Diese Badekabinen en bloc wurden in Japan erstmals im Vorfeld der Olympischen Spiele 1964 entwickelt, um den damaligen Bauboom rechtzeitig vor den Spielen bewältigen zu können.

          Diese olympische Reminiszenz bietet den Athleten oder anderen Teilnehmern der jetzigen Olympischen Spiele in Tokio wenig Trost, wenn sie nach einem positiven Coronatest in die Quarantäne müssen. Aus den Quarantänezimmern klingt lautes Klagen. Der deutsche Radprofi Simon Geschke sprach „von halber Psychiatrie und halbem Gefängnis“, wobei er den Verweis auf die Psychiatrie nach Kritik später zurücknahm. Die niederländische Skateboarderin Candy Jacobs nannte die Bedingungen in einem Video aus der Quarantäne „unmenschlich“. Der Verein „Athleten Deutschland“ klagt aus der Ferne über „gefängnisartige Zustände“.

          Geschke auf dem Weg zurück nach Deutschland

          Die Klagen und Beschwerden richten sich auf die geschlossenen Fenster und die fehlende Frischluftzufuhr von außen, die einseitige Ernährung und die fehlenden Bewegungsmöglichkeiten. Geschke klagte auch, dass man schon morgens um 7:00 Uhr Fieber und Sauerstoffgehalt des Blutes messen müsse.

          Damit geht es den Athleten nicht anders als den regulär nach Japan einreisenden Japanern und Ausländern aus dutzenden Ländern, die in „business hotels“ bis zu zehn Tagen in die Quarantäne müssen. Zum Teil geht es den Athleten sogar besser. Geschke berichtete in Interviews, dass er dreimal am Tag in der Lobby sein Essen abholen dürfe und dort Trainer und andere Sportler und Betreuer träfe. Regulär Einreisende sehen in ihrer Hotelquarantäne nur an den wenigen Tagen einen Menschen, an denen eine Speichelprobe für den PCR-Test eingesammelt wird. Das Essen wird ihnen von außen an die Tür gehängt. Dabei stehen die regulär Einreisenden nur unter Verdacht, Virenträger zu sein, während die Sportler in Quarantäne Covid-positiv getestet sind. Kritik an den Quarantäneregeln, die auch einreisende Japaner treffen, gibt es in Japan nur wenig.

          Geschke fliegt an diesem Sonntag nach Deutschland zurück, nachdem ein zweiter PCR-Test zur Aufhebung der Quarantäne negativ ausgefallen war. „Ende der nutzlosesten Reise meiner Karriere, super aufgeregt aus der Quarantäne zu kommen und nach Hause zu fliegen“, schrieb der 35 Jahr alte Radsportler auf dem Kurznachrichtendienst Twitter.

          Die japanischen Behörden hätten die zunächst mit 14 Tagen verkündete Quarantäne für den Radsportler formal um vier Tage gekürzt, erklärte Bernd Wolfarth, der Leitende Olympiaarzt des Deutschen Olympischen Sportbunds, gegenüber der F.A.Z. „Eine offizielle Begründung gab es nicht, aber unsere Argumentation in Bezug auf den Impfstatus und die geringe Viruslast Geschkes könnte geholfen haben“, sagte Wolfarth.

          Das Recht auf 15 Minuten Frischluft

          Der Olympiaarzt berichtete, dass die Japaner „sehr bemüht“ die Option eingeräumt hätten, Geschke mit Sportgeräten und mit Zusatzernährung zu versorgen, als die Deutschen direkt nachgefragt hätten. „Das war exzellent“, sagte Wolfarth. Auch sei versucht worden, das Angebot des Hotels nach den Vorgaben von Geschke zu optimieren. Geschke hatte Trainingsgerät erhalten, um sich fit halten zu können. Das Organisationskomitee der Olympischen Spiele erklärte am Samstag, man habe bei den Behörden Verbesserungen für Athleten in Quarantäne erreicht. Sechs niederländische Sportlerinnen hatten schon zuvor mit einem Sitzstreik das Recht auf 15 Minuten Frischluft am Tag erstritten.

          Der Krach über die Quarantänebedingungen spiegelt wider, wie rund um die Olympischen Spiele kulturelle Unterschiede aufeinanderprallen. Wenn viele Japaner Frischluft aus der Air Condition akzeptieren, während viele europäische Besucher offene Fenster wünschen. Wenn viele Japaner dem Blick aus dem Hotelfenster wenig Bedeutung zumessen, viele westliche Besucher aber schon. Die „business hotels“ sind eine besondere Form der Hotellerie, ein simples Gegenstück zu den Luxushotels oder Landgasthöfen, die in Broschüren über das Urlaubsland Japan zu sehen sind. Es gilt in Japan aber nicht als unmenschlich, in diesen Hotels zu übernachten. Den Olympiateilnehmern war im „Playbook“ über die Coronaschutzregeln angekündigt worden, dass sie im Fall einer Infektion in einem „business hotel“ unter Quarantäne gestellt würden. Was genau aber ein „business hotel“ in Japan ist, das können nur Japan-Reisende mit Erfahrung wissen.

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