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Qualifikation für Spiele : Sportler im olympischen Warteraum

  • -Aktualisiert am

Japan und Olympia: Wer diese Kombination wirklich als Sportler erleben darf, ist noch ungewiss. Bild: dpa

Wer darf an Olympia teilnehmen? Die Form von 2020 kann keine Rolle mehr spielen. Das dürfte für manche eine schreckliche Erfahrung sein. Doch die Athleten wissen genau, was zählt. Alles andere hätte mit Spitzensport nichts zu tun.

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          57 Prozent von 11.300 Athleten dürfen die Hände in den Schoß legen. Sie sind für die Olympischen Spiele des nächsten Jahres qualifiziert. Zumindest hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) in der vergangenen Woche in der breiten Öffentlichkeit diesen Eindruck erweckt mit einem missverständlichen Tweet aus Lausanne: Athleten, die es nach Tokio 2020 geschafft haben, werden diesen Status für die um fast ein Jahr verschobene Ausgabe 2021 nicht mehr verlieren: Gratulation!

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          Wir wissen nicht, was in den Köpfen des IOC vorging, als es diese Botschaft (zunächst) ohne weitere Erklärung in die Welt sendete und dabei so gelassen generös wirkte, als wisse es selbst nicht zu genau, wie irreführend das Wort „qualifiziert“ in diesem Zusammenhang sein kann. Die Erfüllung von international gültigen Leistungsvorgaben mag dem IOC genügen. Die nationalen Fachverbände und das jeweilige Nationale Olympische Komitee eines Landes, in Deutschland der Deutsche Olympische Sportbund, haben aber weitere Kriterien, die es zu erfüllen gilt.

          Diese Institutionen bestimmen, wer dem IOC zur Annahme vorgeschlagen wird. Und was für eine Überraschung, sie werden im April 2020 kaum wissen, wer im nächsten Frühsommer die drei üblichen Nominierungsrunden in Deutschland namentlich überstehen wird. Zu den Kriterien zählt nicht nur die Form. Der Kandidat muss auch die Doping-Richtlinien eingehalten haben. Wie wäre es, noch ein bisschen zu warten? Gesichert sind vor allem die in Qualifikationswettkämpfen errungenen sogenannten Quotenplätze, die Zahl jener Sportler, die ein Verband besetzen darf, falls das NOK keine Einwände hat gegen die Auswahl.

          Umgekehrt ist auch längst entschieden, dass etwa die beiden deutschen Volleyball-Teams keine zweite Chance erhalten werden. Da mögen sie anno 2020 noch so brillant aufschlagen, die Weltelite in Grund und Boden spielen. Zu spät. Was aber, wenn der Star einer Disziplin, der schon gefühlte – in jedem Fall „qualifizierte“ – Olympiasieger in diesem Sommer seinen Zenit erreichte und, ermattet von unendlichen Mühen, 2021 auf die Verschiebungsvariante in Tokio zuwankte? „Olympia honoris causa?“, rief ein Fachverbandspräsident am Montag ins Telefon im Ruhrgebiets-Stil, „komm, hör mal, Olympia ist doch kein Touristenausflug.“

          Die Sommerspiele betrachten die meisten Sportarten als eine Leistungsmesse. Danach wird abgerechnet. In Deutschland beginnt im Herbst 2021 die Einschätzung der Förderungswürdigkeit auf der Grundlage der sogenannten Potentialanalyse. Frei übersetzt: Vom Gold hängt ab, wie reichlich Steuergelder fließen. Nach der Pandemie und den damit verbundenen finanziellen Einschränkungen für die Verbände wird die Leistungsfähigkeit bei den Spielen also von noch größerer Bedeutung sein. Die Form von 2020 kann keine Rolle mehr spielen. Das mag für Athleten, die sich durch den IOC-Tweet schon auf dem Weg zur Eröffnungsfeier sahen, eine schreckliche Erfahrung sein. Aber sie wissen besser als alle anderen, was im entscheidenden Moment zählt: ihre Leistung. Alles andere hätte nichts mit Spitzensport zu tun.

          IOC: Neuer Olympia-Qualifikationszeitraum endet am 29. Juni 2021

          Die Qualifikation für die um ein Jahr verschobenen Olympischen Spiele in Tokio läuft bis zum 29. Juni 2021. Diese neue Frist teilte das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Dienstag mit. Ursache für die Verlängerung ist die weltweite Corona-Pandemie. Die meisten Athleten können derzeit nur eingeschränkt trainieren, Qualifikations-Wettkämpfe sind überhaupt nicht möglich.

          Die internationalen olympischen Sommersport-Verbände können eigene Fristen für die Qualifikation bestimmen, sofern sie vor dem vom IOC verkündeten Datum liegen. Der Zeitraum für die endgültige Einreichung der nominierten Sportler endet am 5. Juli 2021. Die Überarbeitung der Qualifikationssysteme werde so schnell wie möglich abgeschlossen, teilte das IOC mit, um den Athleten und den Nationalen Olympischen Komitees Sicherheit zu geben.

          Athleten und NOKs, die bereits eine olympische Qualifikationsquote erhalten haben, behalten diese trotz der Verschiebung der Spiele. Insgesamt seien bisher bereits 57 Prozent der gesamten Athleten-Quotenplätze vergeben worden – 5000 Startplätze seien noch nicht besetzt. Die auf 2021 verlegten Olympischen Spiele in Japans Metropole beginnen am 23. Juli und damit fast genau ein Jahr später als geplant. Darauf hatten sich das IOC, die Stadt Tokio und der japanische Staat geeinigt. Ursprünglich sollten die Spiele am 24. Juli dieses Jahres eröffnet werden und am 9. August enden. (dpa)

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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