https://www.faz.net/-gtl-9xp25

Probleme in der Coronakrise : „Sportler resignieren nicht“

Komplizierte Vorbereitung auf Olympia: Weitspringerin Malaika Mihambo, hier 2019 in Doha Bild: dpa

Eva Pfaff, ehemalige Profi-Tennisspielerin und jetzt Sportpsychologin, spricht im Interview über die Fixierung von Athleten auf Olympia, die tickende Uhr im Kopf und den Schmerz, die Trainingsstätte zu verlieren.

          5 Min.

          Was ist ein Hochleistungssportler ohne seine Sportstätte?

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Er ist wie krank. Total eingeschränkt. Er ist verletzt, dass er da nicht hin kann und seine Disziplin nicht ausüben kann, dass er losgelöst ist. Das ist krass. In verschiedenen Sportarten bedeutet es, sie müssen alleine trainieren, kriegen ihren eigenen Trainingsplan, und das hat mit der eigentlichen Sportart nichts mehr zu tun.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Was machen sie also?

          Ich habe in verschiedensten Begegnungen sportpsychologischer Betreuung und in Interviews festgestellt, dass Sportler nicht resignieren. Das heißt, sie sind erfinderisch. Wenn man verletzt ist oder krank, kann man immer noch etwas tun, sich noch bewegen. Wenn zum Beispiel ein Triathlet, der sehr viel Platz für sein Training braucht, zuhause bleiben muss, dann ist er extrem eingeschränkt. Aber dann lässt er sich etwas einfallen. Er kann an spezifischen Dingen wie Krafttraining mit Hanteln oder dem Eigengewicht arbeiten. Wie die Hausfrau, die vor einem Video ein Aerobic-Programm Bauch-Beine-Po macht. Ein Training im Labor.

          Welche Rolle spielt die tickende Olympia-Uhr im Hinterkopf?

          Die läuft mit und dadurch entsteht Druck, auch Druck im Kopf. Ich weiß, ich muss eigentlich trainieren die ganze Zeit. Je mehr ich daran gehindert werde, an meinem Sportplatz spezifisch zu trainieren, desto mehr entsteht eine Diskrepanz.

          Was muss passieren, dass der Schalter umgelegt wird und ein Hochleistungssportler selbst verlangt, dass Olympia verschoben wird?

          Die Vernunft gebietet eigentlich, dass man eine Entscheidung fällt. Wenn das Virus nicht rechtzeitig beherrschbar wird, muss meiner Meinung nach verschoben werden. Wenn der normale Mensch Angst kriegt und sich vom normalen Leben zurückzieht – geht das dem Sportler genauso. Man kann die Sportler doch nicht immer weiter trainieren lassen für einen fiktiven Termin. Das wäre ja fast so, als würde ein Redakteur der F.A.Z. ins Home Office geschickt, macht dort seine Arbeit und plötzlich hieße es: „Wir veröffentlichen nichts mehr.“

          Sollte Thomas Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees nicht wenigstens einmal ganz klar sagen, dass er die Sorge mit dem Rest der Welt teilt, dass die Spiele in Tokio nicht wie geplant stattfinden können? Und die Sportler nicht mit den Smartphones allein lassen?

          Es wäre richtig, wenn auch diese Institution im Sinne aller sagen würde: Wir haben eine weltweite Pandemie, die Olympischen Spiele rücken näher, wir sehen uns das an und treffen die nächste Entscheidung, was zu tun ist, zu einem festen Termin. Eine Wenn-Dann-Aussage. Und: Es macht uns sehr traurig, dass unser geliebter Sport pausieren muss, aber die Gesundheit geht vor. Solche Aussagen wären super und würden alle beruhigen und besänftigen, die dann sagen können: Ja, die haben es auch mitgekriegt und stellen sich, genau wie alle anderen Menschen, auf die Pandemie ein.

          Wie stark ist grundsätzlich der Fokus eines Leistungssportlers auf Olympische Spiele?

          Für Athleten in den olympischen Sportarten, die sich wirklich nur auf die alle vier Jahre stattfindenden Spiele konzentrieren, sind sie das eine, das einzige Ziel im Kopf. Und auch im Körper. Das ganze Leben richtet sich nach diesem Ziel aus. In den großen, kommerziellen Sportarten ist das anders. Für Tennis kann ich sagen, dass die Spiele zweitrangig sind.

          „Das IOC sollte sagen, wir sehen uns das an und treffen die nächste Entscheidung, was zu tun ist, zu einem festen Termin“: Eva Pfaff
          „Das IOC sollte sagen, wir sehen uns das an und treffen die nächste Entscheidung, was zu tun ist, zu einem festen Termin“: Eva Pfaff : Bild: Amadeus Waldner

          Wie muss man sich das vorstellen: Das ganze Leben ist im Olympiajahr auf die Spiele ausgerichtet?

          Nicht nur in diesem einen Jahr. Das betrifft mehrere Jahre. Man fängt ja, wenn am 24. Juli 2020 die Spiele beginnen sollen, nicht am 1. Januar 2020 mit dem Leistungsaufbau an. Man braucht eine ganze Leistungsentwicklung über Jahre hinweg, die genau geplant wird. Die Trainer im Hochleistungssport machen langfristige Pläne. Manche Trainer erstellen ganze Excel-Tabellen, in die sie Trainingslager, Wettkämpfe und Heimtrainings einbauen. Sie lassen die Athleten per App ihre täglichen Trainingseinheiten eingeben. Ich würde fast sagen, dass die Vorbereitung von den vorigen Olympischen Spielen bis zu den nächsten reicht. Das Jahr nach den Spielen geht man vielleicht noch lockerer an nach der wahnsinnigen Anstrengung. Dann zieht es schon wieder an. Ein Sportler, der mit zwanzig an Olympischen Spielen teilnehmen will, fängt also mit sechzehn an. Man kann sich vorstellen, was ihm diese Spiele bedeuten. Für erfahrenere Athleten ist es ein bisschen anders, die können ihre Leistung nicht mehr so sehr steigern. Aber für die Jüngeren ist das schon ein gravierender Prozess.

          Kann man sagen, sie sind fixiert auf das Ziel?

          Ja. Das hat auch damit zu tun, dass sie sich vorstellen, wie es bei den Spielen sein wird. Ein Jahr vorher werden die Wettkampfstätten getestet, Schwimmbecken ausprobiert oder Mountainbike-Strecken abgefahren. Man geht mit dieser Erfahrung nach Hause und trägt sie ein ganzes Jahr mit sich herum. Die Leute, die ganz akribisch arbeiten, schauen sich auch das Olympische Dorf an, die Wege, und prägen sich das ein. Die haben das ganze Szenario im Kopf und visualisieren diesen Weg.

          „Die Uhr läuft mit, und dadurch entsteht Druck, auch Druck im Kopf“: Eva Pfaff
          „Die Uhr läuft mit, und dadurch entsteht Druck, auch Druck im Kopf“: Eva Pfaff : Bild: Getty

          Es gibt genügend Erfahrungen mit Sportlern, die ihr Ziel, die Olympiaqualifikation, nicht erreichen. Aber wie muss man sich vorstellen, was in ihnen vor sich geht, wenn der Fixpunkt selbst nicht mehr fix ist?

          Große Unsicherheit, was das Ziel anbetrifft – sie haben das Datum ihres Wettkampfs, oder im Schwimmen oder in der Leichtathletik ihrer Wettkampfwoche vor Augen und richten ihren Trainingsplan danach aus. Sie trainieren zum Beispiel zu ungewöhnlichen Zeiten, weil das auch die Startzeiten in Tokio sein werden. Das hatten wir vor vier Jahren in Rio auch, da trainierten die Schwimmer nachts. Im Mai fängt das Feintuning an und die unmittelbare Wettkampfvorbereitung. Zu der Zeit sollten sie schon wissen, ob das Event wirklich stattfindet. Andernfalls geraten sie mental auf Glatteis.

          Gilt das auch für Funktionäre?

          Ich denke schon. Seit sieben Jahren arbeiten alle darauf hin, dass die Spiele stattfinden wie geplant. Das ist bei Herrn Bach genauso wie bei den Sportlern. Er ist ja selbst einmal Olympiasieger gewesen. Ich glaube, auch er ist auf das Ziel so fixiert, dass er es nicht in Frage stellen kann.

          Das wäre endlich einmal eine einleuchtende Erklärung für sein starres Festhalten am ursprünglichen Termin.

          Zu seiner Verteidigung: Er ist darauf fixiert.

          Das heißt, er kommt jetzt auch ins Schleudern?

          Ja. Das merkt man seinen Antworten meiner Meinung nach an.

          Wozu führt die Diskrepanz zwischen den Sportlern, die sich allein ein Bild machen müssen, und den vom praktischen Leben offensichtlich nicht mehr erreichten Funktionären?

          Bei diesen Funktionären und den Sportinstitutionen geht es um sehr viel Geld – mir scheint, dass bei ihnen die Nerven bloßliegen. Ich kann mir vorstellen, dass es für den Sport Einschnitte geben wird. Weil es so nicht mehr weitergehen kann: Dass sie entgegen allen gesellschaftlichen Erfordernissen so abgehoben sind.

          Glauben Sie, ein Athlet im Training täte besser daran, sich von den Nachrichten abzuschotten?

          Ja. Ein bisschen schon. Das reibt einen auf. Ich würde sagen, schau nur einmal am Tag in die sozialen Medien und lass dir von jemandem erzählen, was das Wichtigste ist. Im Sinne der Beruhigung, aber nicht der Realitätsferne. Nicht ins Kloster stecken.

          Welche Folgen kann das aktuelle Geschehen insgesamt für die Motivation eines Sportlers haben? Dass er genug davon hat?

          Kann absolut sein. Es gibt Leute, die Struktur brauchen. Und wenn das so ein bisschen schwammig wird, oder man sagt, wir schauen mal, dann werden sie nervös. Das schadet der Motivation. Aber das ist von Sportart zu Sportart verschieden. Im Tennis planen wir nach Ranglistenplatz und von Tag zu Tag. Bei einem Leichtathleten oder Schwimmer ist das anders. Da heißt es, Samstag 14.03 Uhr ist Start. Und man weiß, wie lange der Wettkampf dauert. Diese Leute sind viel strukturierter. Die anderen sind flexibler.

          Es gibt einige Sportler, für die soll Tokio das Schluss-Highlight ihrer Karriere werden. Wäre der Ausfall der Spiele für sie womöglich noch härter?

          Das kommt darauf an, was sie noch vor haben in ihrem Leben. Ich weiß nur, wie hart es einen Sportler treffen kann, wenn er sein Ziel nicht erreicht. Ich habe einmal mit einer Sportlerin gearbeitet, deren Träume dahingeschwunden sind. Sie hatte die Qualifikation für Olympische Spiele verpasst und war am Boden zerstört. Es hat anderthalb Jahre gebraucht, um sie wieder auf die Füße zu stellen.

          Wie hilft man in einem solchen Fall?

          Viele Gespräche, viel Vertrauen aufbauen. Man muss sagen, das war jetzt halt so, wirklich Mist, aber genauer anschauen: Was ist wirklich passiert? Wenn die Geschichte aufgearbeitet ist bis zu dem Punkt, an dem es nicht geklappt hat, dann auf das nächste Ziel ausrichten. Aber dieses Scheitern ist wie krank werden. Ein Tiefschlag, nach dem sie benommen sind. Psychisch angeknockt.

          Und wie geht es ihr heute?

          Sie läuft fröhlich durch die Welt und ist jetzt abgehärtet. Wenn neue Krisen kommen sollten, dann kriegt sie besser die Kurve als damals.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

          Die digitale F.A.Z.

          Zur kompletten Ausgabe

          Jetzt mit F+ lesen

          Friedrich Merz am Dienstag in Eltville am Rhein

          Friedrich Merz’ Wutausbruch : Authentisch oder nur gespielt authentisch?

          Hat Friedrich Merz mit seinem Wutausbruch gegen das CDU-„Establishment“ die Dinge einfach nur beim Namen genannt, wie es sich in Demokratien gehört? Über einen eventuell doch sehr taktischen Gebrauch von Empörung in der Politik.
          Familienministerin Giffey im Oktober beim Familiengipfel im Kanzleramt

          Plagiatsfall Giffey : Versagen auf der ganzen Linie

          „Kein mittelschweres Plagiat, kein Bagatellfall“: Bevor Giffey zur Berliner SPD-Vorsitzenden gewählt werden soll, zeigt ein Gutachten eine Reihe von Rechtsverstößen. Hat die Rechtsaufsicht des Landes versagt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Dieser Artikel wurde Ihnen von einem Abonnenten geschenkt und kann daher kostenfrei von Ihnen gelesen werden.
          Zugang zu allen F+Artikeln