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Paralympics und Corona : Erhöhtes Risiko für die Athleten

Paralympics in Tokio: Traumbild oder irgendwann Wirklichkeit? Bild: Reuters

Auch die Paralympics spielen auf Zeit – und mit der Gesundheit mancher Athleten? Immerhin gehören einige Sportler aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung zu einer Risikogruppe.

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          Das Internationale Paralympische Komitee ruft seine Sportler auf, sich trotz der Coronakrise weiter auf die Paralympics vorzubereiten, die im Anschluss an die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden sollen. „Wir tun alles, was wir können, um sicherzustellen, dass die Spiele wie geplant am 25. August eröffnet werden können“, schrieb IPC-Präsident Andrew Parsons am Donnerstag in einer Botschaft, die sich unter anderem an die Athleten richtete. „Wir sind uns der aktuellen Situation natürlich bewusst, aber im Moment ist die Zeit noch auf unserer Seite, so dass keine drastischen Maßnahmen ergriffen werden müssen.“

          Die Linie des IPC deckt sich somit mit der des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), das allerdings von Seiten der Sportler zunehmend unter Druck gerät. Im Fall des paralympischen Sports kommt womöglich ein erschwerender Faktor hinzu: Einige Athleten dürften auch mit Blick auf Infektionen mit dem Coronavirus ein höheres gesundheitliches Risiko tragen. Dieser Situation sei sich das IPC auch bewusst, hieß es dazu am Donnerstag. Es gebe keinen Beweis, dass Menschen mit Beeinträchtigung generell ein höheres Risiko hätten, sich mit Covid-19 zu infizieren. „Gleichwohl könnten einige Athleten aufgrund der Schwere ihrer Beeinträchtigung oder damit in Verbindung stehender Immundefizite oder chronischer Zustände anfälliger sein.“ Die Frage, was daraus folgt, beantwortet das IPC so: „Wir werden weiterhin Rat von der Weltgesundheitsorganisation einholen, aber letzten Endes besitzen die Athleten die beste Einschätzung ihres Körpers und ihrer medizinischen Bedürfnisse.“

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          Auch wenn Parsons betont, dass „die Gesundheit und das Wohlbefinden der Para-Athleten unsere erste Priorität sind“, ist vorstellbar, dass daraus ein großes Dilemma für die betroffenen Sportler entsteht. Für viele Para-Athleten besitzt die Möglichkeit, sich auf der Bühne Paralympics zu präsentieren, noch einmal eine größere Bedeutung als für ihre olympischen Kollegen. Umso mehr könnten sie sich unter Druck fühlen, nun weiter auf die Qualifikation hinzuarbeiten und dann im Fall der Fälle auch in Tokio zu starten – Gesundheitsrisiko inklusive.

          Beim Deutschen Behindertensportverband (DBS) scheint man sich schon konkreter mit dem Szenario einer Verschiebung zu beschäftigen – auch aus diesem Grund. „Ich will eine Verlegung oder eine Absage nicht herbeireden, wir sind noch nicht an einem Zeitpunkt, an dem es heißt: hopp oder top“, sagt Verbandschef Friedhelm Julius Beucher. „Aber es stellen sich natürlich Fragen: Wie soll das eine gehen, wenn das andere – die Fußball-EM und andere Weltsportereignisse – nicht geht? Ist eine faire, gerechte Vorbereitung überhaupt noch möglich? Hinzu kommt, dass einzelne Sportler aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung zu einer Risikogruppe gehören.“

          Eine Infektion könnte tödlich sein

          Wie groß diese Gruppe ist, lasse sich schwer beziffern, so Beucher. „Aber es ist ein Thema, mit dem wir hochsensibel umgehen.“ Für Franziska Liebhardt, die bei den Paralympics 2016 in Rio Gold und Silber gewann und danach ihre Karriere beendete, ist die jetzige Lage existentiell bedrohlich. Infolge einer Autoimmunerkrankung muss sie sich zum wiederholten Mal einer Lungentransplantation unterziehen, derzeit befindet sie sich in „Schutzquarantäne“ in ihrer Wohnung. „Die Corona-Pandemie verschärft meine persönliche Situation insofern, als ich natürlich als Hochrisikopatientin gelte. Eine Infektion mit dem neuen Virus würde mich mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben kosten“, sagt sie.

          Das sei aber nicht auf die Para-Sportler insgesamt projizierbar. „Grundsätzlich gilt, dass nur wenige der paralympischen Sportler an ,inneren Krankheiten‘ wie ich leiden, der Großteil ist nicht chronisch krank, sondern körperbehindert oder kombiniert körper- und intellektuell behindert, so dass primär für diese Sportler kein höheres Risiko gilt als für nichtbehinderte Sportler.“ Rollstuhlfahrer indes, eine große Gruppe, seien hingegen durchaus einem größeren Risiko ausgesetzt. „Durch die eingeschränkte Beweglichkeit wird die Lunge ohnehin etwas schlechter belüftet und neigt dadurch schneller zu Infekten, die dann auch schwerer verlaufen können.“

          Unabhängig davon hält Franziska Liebhardt eine Entscheidung durch IOC und IPC für „absolut überfällig“. Mit Blick auf die Verbreitung des Virus und, in zweiter Linie, auch die Vorbereitungssituation sagt sie: „Auch wenn das für Athleten ohne Frage ausgesprochen bitter ist, müssen die Spiele zeitnah abgesagt oder zumindest um ein Jahr verschoben werden.“ Auch aus den Reihen der aktiven Athleten gibt es Rufe nach einer Absage. Aus Sicht der Athletenkommission im DBS wäre das „zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht“, sagt deren Sprecher Marc Schuh. Bei einer Fortsetzung der Krise müsse die Lage aber „neu bewertet werden“.

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