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Olympisches Museum : Weichspüler der Geschichte

Im Zeichen der Ringe: Reflektionen der japanischen Olympia-Geschichte. Bild: AFP

Sehr japanisch wird sich in der Kunst des Weglassens geübt: das Olympische Museum in Tokio ist kein Ort für unliebsame japanische Erinnerungen. Doch genauer hinschauen lohnt sich.

          3 Min.

          Das Olympische Museum in Tokio ist für die Dauer der Olympischen Spiele geschlossen. Das Museum steht direkt neben dem neuen Olympiastadion. Da würde zusätzlicher Publikumsverkehr nur stören. Und die Corona-Risiken erhöhen. Die Schließung des Museums hat den Nebeneffekt, dass die wenigen ausländischen Besucher der Spiele, Journalisten oder Funktionäre, die Ausstellung nicht besuchen können. Ihnen entgeht ein Einblick in die Art und Weise, mit der Japans Olympioniken früherer Sporthelden gedenken.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Die Ausstellung preist überwiegend die olympische Bewegung und erinnert an die gesellschaftlichen und technischen Errungenschaften früherer Olympischer Spiele, bevorzugt am Beispiel der Spiele 1964 in Tokio: Friede und Zusammenhalt, Gleichberechtigung und Massensport, Schnellzug Shinkansen und Sportinfrastruktur. Das ist erwartbar und bietet wie die Exponate zu 1964 schöne Erinnerungen.

          Ein erstes Stirnrunzeln wecken die knappen Darlegungen zu den Olympischen Spielen von 1940. Japan verzichtete 1938 auf die Spiele, weil der 1937 wieder entfachte Krieg gegen China die Ressourcen belastete und zudem die Schmach von Absagen drohte. In der Ausstellung heißt es lapidar: „Die Spiele wurden wegen des Ausbruchs des Chinesisch-Japanischen Kriegs abgesagt.“ Kein Wort findet sich darüber, dass die Aggression von Japan ausging und das Land schon Jahre zuvor die Mandschurei besetzt und zum Marionettenstaat gemacht hatte. Sehr japanisch übt das NOK sich in der Kunst des Weglassens.

          Die Ausstellung präsentiert indes das Plakat für die Olympischen Spiele 1940, auf dem ein überlebensgroßer Wächter eines buddhistischen Tempels einem Sportler die Hand auf die Schulter legt. Aus japanischer Sicht sollten jene Spiele der Ehre des Kaiserhauses und dem Gedenken an den mythischen Kaiser Jimmu dienen, der 2600 Jahre zuvor die Kaiserdynastie begründet haben soll. Das aber erfährt der Besucher nicht.

          Genauer hinschauen und das Kleingedruckte lesen lohnt sich im letzten Teil der Ausstellung, in dem das NOK olympische Helden feiert. Das beginnt im Jahr 1912 in Stockholm mit dem Vater des japanischen Marathons, Shiso Kanakuri, dem ersten Olympioniken des Landes, der mit Hitzschlag aufgeben musste. Die Ausstellung erinnert an die Japanerinnen Kinue Hitomi und Hideko Maehata, die 1928 und 1936 Silber und Gold holten. Der Niederländer Anton Geesink wird geehrt, der 1964 in Tokio seinem japanischem Konkurrenten zwar das Judo-Gold entrang, aber japanischen Judo-Geist bewiesen habe. Eine Schautafel erinnert an die „jungen Samurai“, das Fußballteam, das 1968 in Mexiko die Bronzemedaille errang und mit einem Fairplay-Preis ausgezeichnet wurde. Die Japaner loben den früheren deutschen Trainer Dettmar Cramer, der den Spielern den Wert der Menschlichkeit auf dem Spielfeld beigebracht habe.

          Leicht verwaschener Blick auf die olympische Geschichte Japans: Museum in Tokio.
          Leicht verwaschener Blick auf die olympische Geschichte Japans: Museum in Tokio. : Bild: Reuters

          Für westliche Augen irritierender ist das Gedenken an andere Sportheroen, das die Geschichte selektiv darstellt. Erinnert wird an Shunzo Kido, der 1932 in Los Angeles das Querfeldein-Hindernisrennen vor dem letzten Sprung abbrach, um sein geliebtes Pferd Kyu Gun zu schonen. Ganz klein ist auf der Tafel zu lesen, dass Kido später mitgeholfen habe, im Yasukuni-Schrein in Tokio eine Statue zum Gedenken an die im Krieg getöteten Pferde aufzustellen. Der Yasukuni-Schrein ist der Ort in Tokio, in dem auch verurteilter japanischer Kriegsverbrecher gedacht wird.

          Die Japaner Shuhei Nishida und Sueo Ooe werden in dem Museum geehrt, weil sie bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 darauf verzichteten, im Stabhochsprung den zweiten und dritten Rang auszukämpfen, und ihre Medaillen später wortwörtlich teilten. Als Beispiel für exemplarischen Sportgeist zelebriert das japanische NOK für 1936 auch Carl Ludwig „Luz“ Long. Der Deutsche habe dem Amerikaner Jesse Owens vor dem Weitsprung einen entscheidenden Tipp gegeben, mit dem Owens ins Finale und zum Gold gekommen sei. Die Spiele in Berlin seien wegen des Einflusses der rassistischen Nazipolitik auch als Hitlers Spiele bekannt, heißt es in der Ausstellung. Long aber habe die rassistische Trennung überwunden. Den Hitlergruß des deutschen Sportlers als Zweiter auf dem Podest beschreibt die Ausstellung im Kleingedruckten als „Zeichen der Zeit“. Solche Beispiele und Beschreibungen präsentieren die Spiele in Berlin wie mit einem Weichspüler, der die Geschichte schönt. Sie mögen Vorbild für das IOC gewesen sein, das in jüngeren Werbefilmen analog über die Spiele in Berlin berichtete.

          Im Museum des japanischen NOK fällt das Weichzeichnen umso mehr auf, weil die Japaner in den Dreißigerjahren von den Deutschen gelernt hatten, wie man Olympische Spiele zur körperlichen Ertüchtigung der Jugend für spätere Kriege nutzen konnte – und weil die japanischen Olympioniken eine dunkle Episode ihrer eigenen Geschichte verschweigen. 1936 in Berlin gewann Kitei Son für Japan den Marathonlauf. Doch Son war nicht Japaner, sondern ein koreanischer Athlet namens Sohn Kee-chung. Korea war damals von Japan besetzt und kolonisiert, sodass Sohn nur unter japanisiertem Namen und unter japanischer Flagge starten konnte. Während der Siegerehrung verdeckte er die rote japanische Sonne auf dem Sporthemd mit einem Lorbeerbaum und blickte nicht auf, sondern nach unten. Später sagte Sohn, es sei der größte Fehler seines Lebens gewesen, sich auf die Olympia-Teilnahme unter japanischer Fahne eingelassen zu haben. In Japans Olympischem Museum ist davon nichts zu lesen. Wer sehr genau hinschaut, entdeckt den Namen von Sohn auf einer langen Siegerliste japanischer Sportler und als letzten Fackelträger der Olympischen Spiele in Seoul 1988.

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