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Olympische Spiele : Zwei Pole im deutschen Turnteam

  • -Aktualisiert am

Philipp Boy am Reck: Vorbei gegriffen Bild: dpa

Die deutschen Turner verpassen die angepeilte Olympia-Medaille deutlich. Fabian Hambüchen zeigt sich voller Selbstbewusstsein. Philipp Boy patzt dagegen doppelt. Macht Platz sieben.

          3 Min.

          Fabian Hambüchen hat alles richtig gemacht. Dieser Satz, der den Turner aus Wetzlar durch die olympische Vorbereitungszeit begleitet hat, gilt nach dem Team-Finale am Montagabend weiter - obwohl die deutsche Mannschaft ihr Ziel nicht erreicht hat. Nur Siebter wurde die Riege in einem Wettkampf, wo sogar eine Medaille erreichbar gewesen wäre. „Jeder hat sein Bestes gegeben“, befand der 24 Jahre alte Hesse fröhlich, „von den Punkten her hätten wir es schaffen können, aber es waren eben drei dicke Fehler zuviel.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Wohlgemerkt: Es war nicht Hambüchen, dem diese Fehler passiert sind, sondern seine Mannschaftskollegen patzten. Schon der Auftakt am ungeliebten Pauschenpferd ging daneben: Andreas Toba leistete sich einen schweren Schnitzer, der unglückliche Philipp Boy musste das Gerät sogar verlassen. Zwar konnten die Deutschen sich im weiteren, krisenfreien Verlauf verbessern, aber als dann der angeschlagene Boy auch noch beim Kolman-Salto vom Reck stürzte, war die Medaille verloren.

          Olympiasieger wurden wie schon vor vier Jahren in Peking die Perfektionisten aus China (275,997 Punkte) vor den eleganten Japanern (271,952), die sich erst im Nachhinein vermittels eines Protests auf diese Position vorschoben - die Wertung der Pferd-Übung des dreifachen Mehrkampf-Weltmeisters Kohei Uchimura war offenbar zunächst zu niedrig ausgefallen. Dadurch rutschte die britische Mannschaft mit ihren 271,711 Punkten auf den dritten Rang, was in der Halle mit Buh-Rufen quittiert wurde. Schließlich hatten die britischen Zuschauer - darunter die Prinzen William und Harry - schon temperamentvoll den Gewinn der Silbermedaille gefeiert.

          Doch auch so gibt es noch genügend Grund zum Staunen. Zum ersten Mal seit den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm hat ein britisches Team eine Turn-Medaille gewonnen. Die neben den zarten Asiaten fast grobschlächtig wirkenden Muskelmänner aus dem Gastgeberland steigerten sich mächtig, als es darauf ankam, und schnappten sich mit 0,2 Punkten Vorsprung vor der Ukraine die Bronzemedaille. „Es war klar, dass es davon abhängen würde, wer den besten Wettkampf erwischt“, sagte der Hachinger Marcel Nguyen.

          Kraftstrotzend, voller Selbstbewusstsein: Fabian Hambüchen Bilderstrecke
          Kraftstrotzend, voller Selbstbewusstsein: Fabian Hambüchen :

          Nguyen und Hambüchen wollen ihre Medaillen-Ziele in den nächsten Tagen weiter verfolgen. Hambüchen ist für die Finals im Mehrkampf und an seinem Spezialgerät, dem Reck, qualifiziert. „Ich bin mit meiner eigenen Leistung zufrieden“, sagte er. „Ich habe alle meine Geräte gut durchgekriegt, was mir Mut macht, dass es auch weiter klappt.“ Für seine Reck-Übung erhielt er die Spitzennote 16,66. Nur einer war am Montag besser als Hambüchen, der Chinese Zou Kai.

          Doch der ehemalige Reck-Weltmeister aus Deutschland hat offenbar noch nicht alle seine Möglichkeiten ausgereizt. Im Reck-Finale will er „noch eine Schippe drauflegen.“ Auch Nguyen, Europameister am Barren, hat noch weitere Chancen: In den Endkämpfen im Bodenturnen und am Barren ist er dabei. Von seinem Zimmergenossen im Athletendorf, dem Cottbuser Philipp Boy, kann er allerdings in den nächsten Tagen wenig Ermutigung erwarten. „Ich brauche ein paar Tage, bis ich wieder fröhlich sein kann“, sagte Boy.

          Serie von Verletzungen und Psycho-Blockaden

          Der Weltmeisterschafts-Zweite von 2011 im Mehrkampf schließt gerade mit einem verkorksten Jahr ab. Schwer humpelnd verließ er sein persönliches Waterloo in der North Greenwich Arena in London. Nicht nur die Verletzung in seinem rechten Fuß bereitet ihm Scherzen. „Irgendetwas ist bei mir in Herz und Kopf kaputtgegangen“, sagte der 25 Jahre alte Modell-Athlet traurig. Bei seiner allerersten Aktion im Vorkampf am Samstag, dem Sprung, hatte er seinen ohnehin schon lädierten Fuß noch schwerer verletzt. Eine Einblutung im hinteren Sprunggelenk bereitete ihm qualvolle Schmerzen, die ihm auch durch eine Spritze und eine Ultraschallbehandlung nicht genommen werden konnten. „Aber ich bin ja vom Pferd und vom Reck abgestiegen, da braucht man den Fuß gar nicht“, sagte Boy kopfschüttelnd. Noch am Abend vor dem Wettkampf habe sein Start auf der Kippe gestanden, er riss sich aber zusammen. „Mein eigener Traum war schon zerstört, aber wir wollten gemeinsam etwas erreichen.“ Boy hatte sich im Vorkampf für kein Einzel-Finale qualifizieren können. Nach seiner Serie von Verletzungen und Psycho-Blockaden will Boy sich nun endlich sich selbst zuwenden. „Ich weiß nicht, ob mein Körper mir etwas sagen wollte. Mal sehen, wie es weitergeht.“

          Frohgemut und ohne jeden Selbstzweifel geht bei diesen Spielen Fabian Hambüchen seinen Weg. Siegesgewiss schaute er vor jedem Auftritt in die Runde, nach seiner gelungenen Reck-Übung riss er beide Arme nach oben und ließ einen Schrei los. Ohne jede Rücksicht auf Wehwehchen turnt er sein Programm, mit explosiver Kraft und verblüffender Sicherheit. Es war, als gäbe es im deutschen Team zwei Pole: Auf der einen Seite der erwartungsvolle Hambüchen, der sich vorgenommen hat, am Reck die Goldmedaille zu holen, die ihm in Peking entging. Auf der anderen der von Schmerzen gezeichnete Boy, der anfängt, sich die Sinnfrage zu stellen. Trotz allem verbindet sie der Sport - Boy will nicht trübsinnig abreisen, sondern seinen Mannschaftskollegen beim Wettkampf zuschauen. „Auch wenn es ziemlich doll schmerzt.“

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