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Olympiasieger Harting : Ein Wurf fürs Leben

Gold für Deutschland: Robert Harting Bild: REUTERS

Robert Harting gewinnt als erster deutscher Leichtathlet seit zwölf Jahren eine olympische Goldmedaille. Jetzt fühlt sich der Welt- und Europameister endlich als kompletter Athlet.

          3 Min.

          Er hat wieder das Nationaltrikot zerreißen dürfen. Diskuswerfer Robert Harting hat als erster deutscher Leichtathlet seit zwölf Jahren eine olympische Goldmedaille gewonnen. Den kühlen, wolkenverhangenen Dienstagabend im Olympiastadion von London machte der Weltmeister mit seinem Siegwurf von 68,27 Meter zu einem historischen für die deutsche Leichtathletik. In seiner Freude zerriss er, wie beim Gewinn der Weltmeisterschaft 2009 in Berlin, sein Trikot. Dann sprang er, mit entblößtem Oberkörper und gehüllt in die Deutschland-Fahne, vor der Haupttribüne glücklich über die Hürden. Mit seinem Sieg hat er, und das erleichterte den Koloss von 130 Kilo, seine Ängste und Unsicherheiten überwunden.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Heike Drechsler, die Weitspringerin, und Nils Schumann, der 800-Meter-Läufer, waren in Sydney 2000 als bislang letzte deutsche Leichtathleten Olympiasieger geworden. Die olympische Diskus-Goldmedaille von Lars Riedel aus Chemnitz ist sogar noch eine Olympiade älter; er gewann sie 1996 in Atlanta.

          Mit einem Spurt vor die Gegengerade entlud sich die Spannung, in der Harting bis zur fünften Runde um seinen weitesten Wurf hatte kämpfen und bis zum letzten Wurf des Iraners Ehsan Hadadi hatte warten müssen, der schließlich mit 68,18 Meter Zweiter wurde. Auf Platz drei kam mit 68,03 Meter der Este Gerd Kanter, Olympiasieger von Peking 2008 und Weltmeister von Osaka 2007.

          Kraftpaket und Showtalent: Harting genießt den befreienden Moment auf seine Weise

          Dem Berliner Harting gelang in London mit seinem 29. Sieg nacheinander der große Wurf. „Ein kompletter Athlet“, hatte er gesagt, „bist du erst als Olympiasieger.“ Und sich damit so unter Druck gesetzt, dass er vor und im Wettbewerb sichtlich aufgeregt war. Nicht nur als entscheidend für seine sportliche Karriere hatte er Sieg oder Niederlage in London betrachtet, sondern für sein Leben. „Ich brauche ihn, um nicht zu zerbrechen“, sagte der 27jährige in einem Interview über den Olympiasieg. „Und wenn ich später im Rollstuhl sitze: Ich will dieses verdammte Gold.“ Bei der Vorstellung der Werfer hatte er wie ein Boxer seine Hände in die Kamera gehalten.

          Um 19.55 Uhr Ortszeit hatte Harting, als Zehnter des Feldes von zwölf Athleten, seinen ersten Wurf. Er kam auf 67,17 Meter: Platz zwei hinter Ehsan Hadadi aus dem Iran, der seinen Einstand mit 68,08 Meter gab. Der zweite Wurf, hinein in den Jubel um den Sieg von David Rudisha im Vorlauf über 800 Meter, ging ins Netz. Er blieb Zweiter. Beim dritten Versuch flog der Diskus zehn Zentimeter weiter als im ersten, auf 67,27 Meter: immer noch zu kurz für den Sieg. Beim vierten Wurf, als nur noch die besten acht im Wettbewerb waren, übertrug sich die Unruhe von Harting auf den Diskus: Die Scheibe trudelte in die kalte Londoner Abendluft hinaus und schlug schon bei 66,45 Meter auf den Rasen auf; Hartings kürzester Wurf.

          Bei der Ehrenrunde überrascht er als Hürdenläufer

          Kanter warf 68,03 Meter weit und verdrängte Harting vom zweiten Rang. Endlich, beim vorletzten Versuch, flog die Scheibe. Sie segelte 68,27 Meter weit. Das war zwar reichlich kürzer als die Bestleistung Hartings aus diesem Sommer, doch es reichte für die Führung. Beim letzten Versuch erreichte er nur 67,08 Meter – und musste abwarten, bis Hadadi einen letzten ungültigen Versuch hatte. Dann begann sein langer Sprint vor die Gegentribüne.

          Flucht ins Training

          Harting war nicht nur die größte Gold-Hoffnung der deutschen Leichtathleten; von den Erwartungen und den Vorleistungen her wog er den Deutschland-Achter auf. Mit seiner Offenheit ebenso wie mit seiner Unbedachtheit hat sich der 2,01 Meter große Riese aus Berlin auch weit über den Kreis der Sportexperten hinaus in Deutschland bekannt gemacht. Bei der Weltmeisterschaft in Berlin sorgte er für einen Skandal, als er sich öffentlich wünschte, dass sein Diskus protestierenden Dopinggegnern an den Kopf springe. Das war seine Art, sich gegen Dopingvorwürfe zu wehren, die seinem Trainer Werner Goldmann galten, der im Staatssport der DDR aktiv war. Nach seinem Sieg zerriss sich Harting das Nationaltrikot auf der breiten Brust.

          Am Ziel: Olympiasieger

          Im Herbst hatte sich Harting wegen einer chronischen Entzündung im linken Knie an der Patellasehne operieren lassen. Wegen der Schmerzen nahm er über den Winter praktisch ununterbrochen Schmerzmittel. Im Winter noch vom Burn-Out-Syndrom bedroht, flüchtete sich Harting ins Training, vor allem im Trainingzentrum Kienbaum. Zu Hause, in der neuen Wohnung, eine halbe Stunde entfernt, hielt er es nicht aus. Wenn er nicht trainierte, wenn er nicht mit den Schmerzen kämpfte, würde er etwas versäumen und das würde er sich, wenn er doch nicht Olympiasieger werden sollte, auf keinen Fall vorwerfen wollen.

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