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Die Spiele von Tokio : Olympia unter Strom

Schildert erste Eindrücke aus Tokio: Annika Bruhn, hier im April Bild: Picture-Alliance

Was bringen die Corona-Spiele? Während sich die Athleten freuen, starten zu dürfen, reißt das olympische Spannungsfeld ein Panoptikum der Widersprüche auf.

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          Wie also werden sie sein, die Olympischen Spiele in Tokio? Fragen wir jemanden, der dort ist, jedenfalls fast. Annika Bruhn, Freistil-Schwimmerin, trainiert mit dem deutschen Team noch in Kumamoto, mehr als 1000 Kilometer entfernt von der japanischen Hauptstadt, aber was sie über ihre ersten Tage zu berichten weiß, reißt das Panoptikum auf, in dem diese Spiele in den kommenden Wochen stattfinden werden.

          Schon bei der Ankunft am Flughafen, erzählt Bruhn, habe sie „überhaupt nicht den Eindruck gehabt, dass wir hier nicht gewollt sind. Da standen Menschen mit Flaggen und haben uns willkommen geheißen, das war ein total herzlicher Empfang.“ Einerseits. Andererseits: Im „top Trainingsalltag“ in Kumamoto, mit „super Essen und einer riesigen Schwimmhalle“, habe sie „keinerlei Kontakt mit Japanern, wir kommen nur durch die Hintereingänge und dürfen nicht raus“. Ausnahme: „Frische Luft auf der Terrasse.“

          Definiert durch Gegensätze

          Bruhn zählt trotzdem zu den zahlreichen Sportlern, die sich glücklich darüber äußern, dass es die Corona-Spiele überhaupt gibt. Anderen wird die Chance dieser Erfahrung genommen. Das Bild, das der deutsche Fußball im Allgemeinen und die Bundesligaklubs im Besonderen bieten, wenn sie auf gerade einmal 15 Feldspieler kommen, denen die Reise nach Tokio erlaubt wird, ist peinlich. Der DFB, größter Einzelsportverband der Welt, findet kaum Spieler, um sich, zum Beispiel, mit den Brasilianern zu messen. Das krönt die missratene Collage an Eindrücken, die die Sportart Nummer eins hierzulande in diesem Pandemiesommer zusammensetzt.

          Doch die Gegensätze, die diese Spiele definieren werden, speisen sich längst nicht nur aus Pandemieparametern. Zum Beispiel freie Meinungsäußerung: Während Fußballspielern das Knien aus Protest erlaubt sein wird, ist es Schwimmern explizit verboten. Ein weiteres vielsagendes Beispiel versandte die Presseabteilung des Internationalen Olympischen Ko­mitees am Donnerstag. Nicht allein, sondern mit Verweis auf den Sponsor Airbnb, bei dem sich Olympiasportler mieten lassen. Eine Stunde Digitalsitzung, die Athleten erzählen von ihren Er­fahrungen.

          Den einstigen NBA-Profi Scottie Pippen gibt es für 30 Euro, eine Stunde aus dem Erfahrungsschatz der in Tokio für das Flüchtlingsteam an den Start gehenden Schwimmerin Yusra Mardini am 29. Juli, mitten in den Spielen, kostet 50 Euro, die Teilnehmerzahl ist auf zehn Personen begrenzt. Für die Sportler sei das eine Gelegenheit für „zusätzliches Einkommen“, schreibt die Olympiazentrale. Mardini möchte ihren Ertrag spenden, heißt es ergänzend. Die Kehrseite der Medaille: Sportlerinnen und Sport­ler, die so etwas in den nächsten Wochen aus eigenem Antrieb, mit eigenem Sponsor anbieten, würden streng sanktioniert. Wieso Sportler das hinnehmen müssen? Fragen sie sich längst selbst.

          Das Spannungsfeld Olympia, das vom IOC unter seinem Präsidenten Thomas Bach definiert wird, steht erheblich unter Strom. Auf Tokio wird Peking folgen, in gut sechs Monaten schon. Dort diktiert nicht nur Corona die Bedingungen.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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