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Lost in Translation (1) : Hier lang!

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Wer keinen Platz mehr findet, sitzt auf dem Boden im Bus. Bild: Anno Hecker

Anno Hecker ist als F.A.Z.-Reporter bei den Olympischen Spielen in Tokio und führt dort ein Tagebuch. In seinem ersten Eintrag geht es um ein „Gefängnis“, volle Busse und freundliche Ordner.

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          95 Schritte sind es vom Hotel bis zur Bushaltestelle für den Spezialtransport eigens und allein für Olympiamenschen zu den Olympiastätten. 95 Schritte unter freiem Himmel. Das ist erlaubt. Auch dem kleinen Fußmarsch vom Busbahnhof ein Stündchen später zum Hauptpressezentrum steht keine Corona-Verordnung für frisch Eingereiste im Wege.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Durchatmen hinter der Maske unter sengender Sonne. Luft holen für den Rest des Tages. Weitere Spaziergänge sind nur noch zwischen Parkplätzen und Sportstätten erlaubt. So steht’s im Regelbuch. So zeigen es die freundlichen Ordner an. Sie sind überall. Sie sind sofort zur Stelle, sie antizipieren den drohenden Regelverstoß und weisen dem Verirrten eilfertig, beflissen mit einer wohlwollenden Körpersprache den rechten Weg.

          Keine Ausgangssperre

          Eine leichte Drehung des Oberkörpers verbinden sie mit der Streckung der Arme bei nach oben geöffneten Händen. Leiten statt mahnen, geben statt verweigern. Wie Meister der fürsorglichen Verdrängung. Vollendet mit einer Verbeugung oder zwei. Wie kommt’s? Reliquien aus einer Zeit, als der Kaiser noch was zu sagen hatte? „Sie sind höflich“, sagt der lange mit Japan vertraute Korrespondent, nur bedingt obrigkeitshörig.

          Heute traut sich die Regierung trotz massiv steigender Inzidenzen nicht, eine Ausgangssperre zur Eindämmung der Pandemie anzuordnen. Sie ersucht ihre Bürger, daheim zu bleiben, und etwa die Barbesitzer, früh keinen Alkohol mehr auszuschenken. Zu tief sitzt die Erinnerung der Japaner an die massiven Einschränkungen der Freiheit durch ultranationale Militärs in den dreißiger Jahren.

          Gemeinschaftsraum oder Gefängnis?

          Aber Platz für Kompromisse bietet sie dem nach Spielraum suchenden Olympiagast nicht. Der freundliche Ordner hat seinen Standpunkt, unerschütterlich lächelnd. Wer die Gesten nicht versteht, sollte lesen können: „Stop here“ steht auf seinem Schild. Vielleicht glaubt der Vizepräsident des Handball-Bundes, Bob Hanning, deshalb im Olympischen Dorf unter Corona-Regeln halb verständnisvoll statt des Gemeinschaftsraums der Lebensfreude ein „Gefängnis“ entdeckt zu haben.

          Aber es gibt Hoffnung für einen Perspektivwechsel. Am Mittwoch mussten Einreisende nach dem Nachtflug eingepfercht in der voll besetzten Aluminiumröhre einzeln im Taxi zum Hotel fahren. Zu ihrem und der Japaner Wohl. Am Freitag wurden sie im Bus zur Arbeit kutschiert. Wer keinen Sitzplatz mehr fand, hatte sich auf den Boden zu setzen.

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