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Lost in Translation (8) : Das muss man schon selber sehen

  • -Aktualisiert am

Olympia-Schwimmerin Pernille Blume im Fernsehen: Alles so schön bunt hier. Bild: AFP

Das Fernsehen zeigt die Wut, die Freude, das Scheitern und Siegen: Die Sommerspiele von Tokio sind Fernsehspiele. Das haben sie beim ersten Besuch der Jugend der Welt in Japan 1964 schon gesagt.

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          Die Sommerspiele von Tokio sind Fernsehspiele. Das haben sie beim ersten Besuch der Jugend der Welt in Japan 1964 gesagt. Erstmals Olympia per Satellit ins Wohnzimmer übertragen. Und dann auch noch in Farbe. Alles wie in echt. Blauer Himmel, gelbe Sonne, rotes Trikot. Die japanische Farbfernseher-Industrie machte angeblich Kasse. Alle waren begeistert.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Richard Kirn nicht. So dick die Röhrendinger auch waren, die daheim die Tiefe des Eichenregals ausfüllten. Der Frankfurter Journalist sprach vor 57 Jahren in einem gewissen Sinne schon vom Flachbildschirm. Zweimal hatte er sich aufgemacht in den Fernen Osten, um persönlich nachzusehen. In seinem Büchlein „Das Lächelnde Olympia“ schrieb er über die Eröffnungsfeier: „Niemand, der diese Stunde auf dem Bildschirm erleben wird, kann einen vollen Begriff von der Wirkung auf die Siebzigtausend ermessen. Es war eine geordnete Orgie in Farben, wie erfunden von einem Max Reinhard.“

          Woher Kirn wusste, was man im Fernsehen von Olympia so alles sah, bleibt ein Rätsel. Damals gab es noch keine Bildschirme auf den Presseplätzen, also das duale Sehen, künstliches und natürliches quasi nebeneinander. Heute ist das Alltag. Und was soll man sagen?

          Irre, was so alles zu sehen ist dank der Kameras, wenn man nicht hingehen darf: Florian Wellbrock auf dem Weg zu Bronze am Sonntag im Wasser von vorne, von oben, von unten. Doll. Und diese Nähe. Jedes wegspritzende Sandkorn beim Einschlag von Malaika Mihambo in die Weitsprunggrube zählbar in der Superzeitlupe.

          Das Fernsehen zeigt sogar, was man nicht sehen will; einen „Kameltreiber“ schreienden Funktionär. Manche haben diese Szene auszublenden versucht. Vergeblich. Wahrscheinlich ist auch Robin Benzing erfasst worden. Erst warf er daneben gegen Australien, dann aber traf der Kapitän der Basketball-Nationalmannschaft: nach seiner Auswechslung mit dem Fuß den Stuhl links der Auswechselbank. Ein freundlicher Ordner brachte das gute, unversehrte Stück zurück.

          Tischtennis bei Olympia: Das muss man schon selber sehen.
          Tischtennis bei Olympia: Das muss man schon selber sehen. : Bild: AP

          Das Fernsehen zeigt die Wut, die Freude, das Scheitern und Siegen. Da bleibt kaum ein Auge tränenleer. Die Großaufnahme rührt. Und doch wird vor der Illusion, das Authentische zu sehen, gewarnt. Man kennt das von den Skirennen. Sieht flach aus, der Hang, bis man auf ihm steht und in den Abgrund schaut. Sieht ganz zügig aus, der 100-Meter-Lauf in der Glotze. Bis die Männer mit dem Italiener Jacobs an der Spitze vorbeifliegen da unten auf der Bahn.

          So unfassbar schnell, so wenig greifbar wie der Zauber des Weltklasse-Tischtennis. Zwei Männer in einer riesigen Halle vor einem kleinen Tisch. Sie kauern vor der Platte, mit kleinsten, blitzschnellen Bewegungen jagen sie das Bällchen hin und her. Aber dann, ganz plötzlich, werden Ovtcharov und Lin riesengroß, erweitern den Spielraum, holen aus bis scheinbar unter die Hallendecke vor ihren gewaltigen Schlägen. Es gibt viele Kameras, aber kein einziges Bild von dieser Verwandlung in Sekundenbruchteilen. Das muss man schon selber sehen.

          Olympia

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