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Olympia-Bronze für Stäbler : Wie Gold

Glücklich über Bronze: Ringer Frank Stäbler Bild: dpa

Zwischen großem Unglück und großem Glück liegt nur eine Nacht. Frank Stäbler findet die Hoffnung – und gewinnt zum Abschluss seiner Karriere eine Olympiamedaille.

          4 Min.

          An dem Tag, an dem er kein Glück mehr spürt, rennt der Ringer Frank Stäbler mit drei Pullis, einer Jacke und einer Wollmütze durch die Halle A der Makuhari Messe in Tokio. Er hat vor ein paar Minuten im Viertelfinale der Olympischen Spiele gegen den Iraner Mohammad Reza Geraei verloren. Er hat geführt, aber dann Punkt für Punkt abgegeben. Am Ende der sechs Minuten steht es 5:5.

          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Im Ringen heißt das: Der Kämpfer, der aufgeholt hat, wird belohnt. Und als Stäbler, der in diesem Moment nur daran denken kann, dass er sich in seinem Leben nie wird Olympiasieger nennen können, danach wie immer auf die Waage steigt, sieht er auch noch diese Zahl: 68,2 Kilogramm – 1,2 zu viel.

          Gelacht und geweint

          An dem Tag, an dem er Glück spürt, steht Stäbler oberkörperfrei in der Halle A der Makuhari Messe. Er hat vor ein paar Minuten im Kampf um Bronze gegen den Goergier Ramas Soidse gewonnen. Er hat wieder geführt, aber dann wieder Punkt für Punkt abgegeben. Am Ende steht es 5:4. Er hat sich danach in seinem roten Anzug auf die Matte fallen lassen. Er hat gelacht und geweint. Und als Stäbler, der in diesem Moment nur daran denken kann, dass er sich in seinem Leben für immer wird Olympia-Medaillengewinner nennen können, danach vor dem Mikrofon in der Interviewzone steht, sagt er: „Ich darf nicht so stark darüber nachdenken, sonst muss ich gleich wieder heulen.“

          Es ist zwischen dem ersten und dem zweiten Tag, dem des großen Unglücks und dem des großen Glücks, nur eine Nacht vergangen. Er hat in Wirklichkeit aber sogar nur ein paar Minuten gehabt, in denen er in der Makuhari Messe, wo er mitten im letzten internationalen Wettkampf seines Lebens steckte, etwas Neues finden musste: Hoffnung.

          Uneingeschränkte Freude: Frank Stäbler mit seiner Bronzemedaille.
          Uneingeschränkte Freude: Frank Stäbler mit seiner Bronzemedaille. : Bild: AP

          Er hat sich also nach dem Wiegen sofort die drei Pullis, die Schwitzjacke und die Mütze angezogen und ist 20 Minuten im Kreis gelaufen, weil der Stoffwechsel nach einem Kampf noch arbeitet. Er hat sich danach für 45 Minuten auf Ergometer gesetzt. Er hat sich noch draußen vor der Messehalle, in der Hitze von Tokio, ausreiben lassen. Dann war er nochmal auf der Waage: 67,2 Kilogramm. Nur noch 0,2 zu viel. Er hat sich anschließend ins Hotel fahren lassen und für zwölf Stunden ins Bett gelegt, auch wenn er davon nur drei, höchstens vier geschlafen hat. Am nächsten Morgen hat er sich wieder auf die Waage gestellt: 67,0 Kilogramm. Kein Gramm zu viel. Das perfekte Kampfgewicht. Er war nun wieder bereit: für die Hoffnungsrunde.

          „Das hat mich am Leben gehalten“

          Am Mittwochabend spricht Frank Stäbler, 32 Jahre alt, in der Interviewzone ausführlich und emotional über diesen Kampf mit sich selbst. „Das ist ein komplett geisteskrankes System. Ich bin so froh, den Scheiß nie wieder in meinem Leben machen zu müssen. Das hat mich am Leben gehalten. Ich habe mir gesagt: Das letzte Mal! Das letzte Mal! Das letzte Mal!“ Er hat in diesem System, in dem er fast sein ganzes Leben verbracht hat, aber ehrlicherweise gefunden, was er so vermutlich nirgendwo anders gefunden hätte: „Ein Gefühl, das mich hoffentlich den Rest meines Lebens erfüllen wird.“

          Die ersehnte Medaille zum Abschluss der Karriere: Nach seinem letzten internationalen Kampf legt Frank Stäbler nach alter Ringertradition seine Schuhe in der Mitte der Matte ab.
          Die ersehnte Medaille zum Abschluss der Karriere: Nach seinem letzten internationalen Kampf legt Frank Stäbler nach alter Ringertradition seine Schuhe in der Mitte der Matte ab. : Bild: EPA

          Und wenn man diesen einen Satz an diesem einen Ort aus seinem Mund gehört hat, dann waren die finalen 24 Stunden wohl doch noch so etwas wie eine Vollendung für die große Karriere des großen deutschen Ringers Frank Stäbler. Er ist in ihnen nämlich nicht nur die Last an seinem Körper losgeworden, sondern auch die Last in seinem Kopf.

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