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Schlimmer Irrtum im Radsport : Das nächste Olympia-Drama von Annemiek van Vleuten

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Annemiek van Vleuten jubelt, dabei hat sie gar nicht gewonnen. Später bemerkt sie ihren Irrtum. Bild: Reuters

Bei Olympia 2016 in Rio lag sie in Führung, stürzte aber und erlitt schwere Verletzungen. Nun wähnt sich Annemiek van Vleuten am Ziel und jubelt bei der Zieldurchfahrt. Doch dann folgt der Schock.

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          Anna Kiesenhofer fehlte nach ihrer historischen Fahrt zu Gold fast die Kraft zum Jubel. Nur mit großer Mühe nahm die krasse Außenseiterin die Arme vom Lenker, schüttelte ungläubig den Kopf und ließ sich schließlich völlig ausgepumpt als Olympiasiegerin auf die Zielgerade des Fuji International Speedway fallen.

          „Es fühlt sich unglaublich an. Selbst als ich die Ziellinie überquert hatte, habe ich mir gedacht: Ist es wirklich aus? Muss ich noch weiterfahren?“, schilderte Kiesenhofer ihre Gefühlslage und ergänzte: „Ich war froh, dass ich nicht zu nervös war, bin einfach drauflos gefahren.“

          Der Triumph der 30-Jährigen kam so überraschend, dass nicht mal die zweitplatzierte Annemiek van Vleuten sie auf der Rechnung hatte. Die Niederländerin fuhr jubelnd über die Ziellinie, glaubte, gewonnen zu haben. „Das wusste ich nicht. Ich habe mich geirrt“, sagte die 38-Jährige enttäuscht, nachdem sie über Silber aufgeklärt wurde. Im Ziel kam sie freudestrahlend zu Betreuer Ruud Zijlmans, der sie aufklärte und dem sie später, wie im Fernsehen zu sehen war, sagte: „Oh, Ruud, ich habe mich völlig geirrt. Ich habe es überhaupt nicht gemerkt.“

          Österreich wartete seit 1896

          Es ist ihr nächstes bitteres Olympia-Drama: 2016 in Rio de Janeiro lag sie auf Goldkurs und stürzte kurz vor dem Ziel schwer. „Ich dachte, sie ist tot“, sagte Olympiasiegerin Anna van der Breggen, die vorbeifuhr und Gold gewann. Van Vleuten zog sich Knochenabsplitterungen an der Lendenwirbelsäule und eine schwere Gehirnerschütterung zu. Auch am Sonntag hatte sie Pech, als sie im Rennen über die am Boden liegende Emma Norsgaard Jörgensen, die aufgeben musste, stürzte, aber weiterfahren konnte. Wenige Kilometer vor dem Ziel brach van Vleuten aus ihrer Gruppe aus, fuhrt über die Ziellinie, jubelte und erfuhr dann die bittere Wahrheit.

          Aber sie war nicht die einzige, die Kiesenhofers Flucht nicht bemerkt hatte. Schon nach kurzer Zeit auf der 137 Kilometer langen Strecke hatte sie sich mit zwei anderen Fahrerinnen abgesetzt und einen Vorsprung von mehr als zehn Minuten herausgefahren. Die Begleiterinnen ließ sie später zurück. Die wurden vom Hauptfeld eingeholt, dass es aber eine weitere einsame Ausreißerin gab, war den Verfolgerinnen entgangen.

          Van Vleutens Landsfrau Anna van der Breggen sagte. „Ich wusste nicht, dass noch eine Fahrerin vorne ist. Wir haben die anderen Frauen eingeholt und dachten, dass wir um den Sieg mitfahren, aber am Ende war es nicht so. Das ist schade.“ Bei Olympia darf, anders als etwa bei der Tour de France, kein Funk benutzt werden. Nur Zurufe und Schilder am Streckenrand ins erlaubt. Sprechen wolle van Vleuten später nicht über ihr Missgeschickt und ihre Gefühle nach der sicher geglaubten Goldmedaille. Zumindest auf dem Podium lächelte sie mit Silber um den Hals wieder.

          Kiesenhofer ist nun Österreichs erste Radsport-Olympiasiegerin seit 1896. Damals siegte Adolf Schmal in Athen im 12-Stunden-Rennen auf der Bahn. In ihrer Heimat sprudelten nach der Fahrt in die Geschichtsbücher die Emotionen. „Anna Kiesenhofer, was für eine Leistung! Ich gratuliere sehr herzlich zu Gold im Radstraßenrennen der Damen. Die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Großartig!“, twitterte Bundespräsident Alexander Van der Bellen.

          Vor ihrem Gold-Coup hatte Kiesenhofer nur fünf Siege gefeiert, vier davon bei nationalen Meisterschaften. Seit 2018 ist sie ohne Team. Dass sie eine gute Zeitfahrerin ist, war bekannt. Doch diesen Ritt in der Hitze am Mount Fuji hatte ihr niemand zugetraut. Dabei war Kiesenhofer eigentlich nur angetreten, um zu verlieren. Zu groß schien die Übermacht der Niederländerinnen, die bei Olympia 2012 und 2016 und auch den vergangenen vier WM-Rennen dominiert hatten. Also griff sich die Mathematikerin ein Herz und suchte ihr Heil in der Flucht. Erst als Kiesenhofer und zwei Mit-Ausreißerinnen über zehn Minuten Vorsprung hatten, reagierten die Favoritinnen – zu spät.

          „Das war natürlich eine Überraschungssiegerin. Man muss immer damit rechnen, dass jemand durchkommt. Das ist heute passiert“, sagte Lisa Brennauer. Die deutsche Meisterin zeigte Unverständnis, dass nur ihr Team und die Niederlande sich um die Verfolgung gekümmert hatten. Kiesenhofer fuhr unbeirrt weiter, hängte ihre Fluchtgefährtinnen ab und kam als Solistin auf die Highspeed-Rennstrecke an Japans berühmtesten Berg. Bisher waren ihre akademischen Leistungen – ein Mathematik-Master der Universität Cambridge und ein Doktortitel der Universität von Barcelona – das Aushängeschild in ihrem Lebenslauf. Das dürfte sich nun als Olympiasiegerin geändert haben.

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