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Bis 10.000 Zuschauer in Tokio : Olympia-Veranstaltern fehlen 400 Millionen Euro

Tokio entscheidet: Die Olympischen Spiele sollen ihr Publikum haben Bild: dpa

Maximal 10.000 Zuschauer wollen die Organisatoren der Spiele in Tokio in die Stadien lassen. Je nach Coronalage könnten es viel weniger werden. Den Veranstaltern entgeht so ziemlich viel Geld.

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          Es war die letzte große Entscheidung, die vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Tokio in gut vier Wochen noch zu treffen war. Wie viele Zuschauer dürfen den Sportlern in den Stadien zujubeln? Monatelang hatten die japanischen Organisatoren die Entscheidung hinausgezögert und gehofft, dass eine abklingende Pandemielage möglichst volle Zuschauerränge erlauben werde. Doch der am Montag verkündete Beschluss ist so unsicher wie die weitere Entwicklung der Coronainfektionen.

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          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Höchstens 10.000 inländische Zuschauer werden je Stadion zugelassen. Als zweite, niedrigere Obergrenze gilt die Hälfte der verfügbaren Sitzkapazität in den Arenen. Ausländische Sportfans waren schon im März ausgeladen worden. Doch wenn die Coronalage sich in Tokio verschlechtert und eventuell gar ein neuer Virusnotstand ausgerufen wird, könnten auch die heimischen Zuschauer auf das Sporterlebnis im Stadion ganz verzichten müssen.

          Das bestätigten am Montag einhellig Seiko Hashimoto, die Präsidentin des lokalen Organisationskomitees, Yuriko Koike, die Gouverneurin der Stadt Tokio und nicht zuletzt Ministerpräsident Yoshihide Suga. Über die Zahl der zugelassenen Zuschauer bei den Paralympischen Spielen wird erst Mitte Juli entschieden.

          Das einhellige Bekenntnis zur Sicherheit vor Virusinfektionen soll Japaner beruhigen, die dem sportlichen Großereignis immer noch hochgradig skeptisch gegenüberstehen. In einer aktuellen Umfrage der Tageszeitung Asahi Shinbun wünschten immer noch 32 Prozent der Befragten eine Absage der Spiele und 30 Prozent eine Verschiebung. Nur etwa ein Drittel will die Spiele in diesem Sommer. Sollten die Spiele stattfinden, wollen 53 Prozent der Befragten keine Besucher.

          Sponsoren und Funktionäre sind keine Zuschauer

          Die Zahl der Neuinfektionen in der 14-Millionen-Metropole Tokio ist in den vergangenen Wochen zwar deutlich auf 236 am Montag gesunken, doch seit einigen Tagen geht sie nicht weiter zurück. Wissenschaftler berechnen in hypothetischen Szenarien, das mit dem Zustrom der Olympiagäste ein weiter Virusnotstand notwendig werde, nachdem die Auflagen gerade erst gelockert worden. Seit Montag etwa dürfen Bars und Restaurants in Tokio bis 19:00 Uhr wieder Alkohol ausschenken, zum ersten Mal seit Wochen.

          Für Unsicherheit sorgt, dass Sponsoren, ihre Gäste und Vertreter der internationalen Sportverbände in den Stadien nicht als Zuschauer, sondern als Organisatoren gezählt werden. Inklusive dieser Gäste werden etwa zur Eröffnungsfeier am 23. Juli wahrscheinlich weniger als 20.000 Personen im neuen Nationalstadion mitten in Tokio anwesend sein.

          Näheres sei noch nicht entschieden, sagte der geschäftsführende Direktor des Organisationskomitees, Toshiro Muto. Das Stadion hat eine Sitzplatzkapazität von 68.000 Zuschauern. Auch Schulklassen werden nicht als Besucher gezählt. Muto begründete die Sonderstellung damit, dass die Olympischen Spiele der jungen Generation Hoffnung und Inspiration für die Zukunft vermitteln sollten. 590.000 Tickets wurden in diesem Sonderprogramm verkauft.

          Ein Finanzloch von 400 Millionen Euro

          Die Kappung der Zuschauerzahlen wird für die Organisatoren in den kommenden Tagen zum Balanceakt. 4,48 Millionen Tickets waren schon einmal für die Olympischen Spiele verkauft. 840.000 davon wurden nach der Verschiebung im vergangenen Jahr zurückgegeben. Die verbleibenden 3,64 Millionen Tickets sollen nun durch eine Lotterie auf 2,72 Millionen verringert werden.

          Der finanzielle Verlust ist absehbar. 90 Milliarden Yen, etwa 790 Millionen Euro, sind im Wirtschaftsplan der Spiele aus dem Kartenverkauf eingestellt. Die tatsächlichen Einnahmen würden nun weniger als die Hälfte sein, sagte Muto. Die Obergrenze der Zuschauer bringt so ein Loch in der Kasse von mindestens etwa 400 Millionen Euro. Die Regierung, die Stadt Tokio und das Organisationskomitee würden diskutieren, wer die Kosten trägt, sagte Muto.

          Das Internationale Olympische Komitee unter Präsident Thomas Bach ist in dieser Finanzfragen fein heraus. Das IOC finanziert seine Arbeit mit Sponsorengeld und den Einnahmen aus dem Verkauf der Fernsehrechte. Das Interesse in Lausanne liegt darin, dass die Spiele stattfinden. Finanziell ist aus Sicht des IOC die Zahl der Besucher zweitrangig. Wie auch immer die japanischen Partner über die Zahl der Zuschauer bei den Olympischen Spielen in Tokio entschieden, werde das IOC den Beschluss voll mittragen, sagte ein gut gelaunter Bach am Montag.

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