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Schamlose Olympia-PR : Riefenstahl reloaded

Die Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin mit Adolf Hitler in der Führerloge Bild: Picture-Alliance

Mit Szenen aus Leni Riefenstahls Propagandafilm der Nazi-Spiele 1936 in Berlin wirbt das IOC für Olympia. Im Sommer der Leere liegt der Blick frei auf die kalte Mechanik olympischer Macht.

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          Hektisch wird die Leere bespielt. Die Medienabteilungen der Sportverbände in aller Welt versuchen, das große Nichts, das Warten auf die Olympischen Spiele in Tokio, die vielleicht in einem Jahr beginnen oder nie, mit Werbebotschaften zu füllen. Das gerät manchmal unfreiwillig komisch, wie im Fall des Deutschen Olympischen Sportbundes, der unter dem Stichwort „Morelympia“ vermarktet, wo nicht nur weniger, sondern tatsächlich gar nichts ist: „Mehr Vorfreude, mehr Vorbereitung, mehr Olympia.“ Aha.

          Die PR-Abteilung des Internationalen Olympischen Komitees aber verbreitete am Donnerstag, 365 Tage vor dem geplanten Beginn, auf ihrem @olympics-Kanal bei Twitter, dem sechs Millionen User folgen, einen Zusammenschnitt einiger Szenen aus Leni Riefenstahls Propagandafilm der Spiele der Nationalsozialisten 1936 in Berlin. „Berlin erlebte den ersten Fackellauf, bevor das olympische Feuer entzündet wurde. Wir können den nächsten nicht erwarten. #strongertogether“.

          Gemeinsam stärker, Riefenstahl-Bilder, die Nazi-Erfindung Fackellauf: pure Geschichtsvergessenheit? Nein. Die gewünschte Deutung lieferte das IOC mit der in eine Entschuldigungsbitte gekleideten Erklärung, warum das 30-Sekunden-Filmchen am Freitagnachmittag wieder gelöscht wurde. Es war achtsam kuratiert, kein Hitlergruß, kein Hakenkreuz zu entdecken, dafür Standbilder von Jesse Owens und dem deutschen Weitspringer Luz Long hineingeschnitten. Um deren Freundschaft sei es gegangen, um „Einheit und Solidarität“. Selbst die Nazi-Spiele montiert das IOC so, dass es seine Fiktion eines Sportfests aus Teflon propagieren kann, an dem Politik abperlt.

          Bis zum 4. Februar 2022 sind es auch nur 558 Tage. Dann sollen in Peking die nächsten Winterspiele beginnen. Olympia mal wieder zu Gast in der mächtigsten Diktatur der Welt, deren Alleinherrscher (Xi Jinping) und seine Partei (KP) eine Volksgruppe (Uiguren) auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit (Muslime) in Lagern internieren lassen. Bestnoten für die Vorbereitung verteilt das IOC, von seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach abwärts, alle paar Monate.

          Und so ist das Recycling der Nazi-Propagandabilder in den Medien des 21. Jahrhunderts so scham- und ruchlos wie konsequent. Im Sommer der Leere liegt der Blick frei auf die kalte Mechanik olympischer Macht. Sie hat sich nicht verändert.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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