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Olympia-Kommentar : Nichts als Show

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Auch Usain Bolt läuft nach seinen messerscharfen Sprints immer wieder an den Ausgangspunkt zurück Bild: AFP

Der schnellste Läufer, der kräftigste Heber, die besten Flugkünstler - all diese sehen wir bei Olympia in London. Doch die unentrinnbare Wahrheit gilt auch für sie: Auf jeden Sprung folgt für uns Menschen die Landung.

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          Wenn man hier in London in einem italienischen Restaurant beim Essen sitzt, kann es passieren, dass plötzlich die Tür aufgeht und Ron Wood von den Rolling Stones hereinkommt. Das heißt, die Gestalt mit der jungen Dame an der Seite sieht eher aus wie die Mumie von Ron Wood, die ihre Haare von einst aufgesetzt hat. Man sieht: Dieser Mann hat sich in seinem Leben alles gegeben, was er konnte. Ein extremer Mann - ein extremes Leben. Und deshalb passt Ron Wood auch so gut nach London, selbst jetzt, da hier die frische, optimistische Jugend ihre Olympischen Spiele abhält.

          Sie lachen oft so unverbraucht, dass man es auf den ersten Blick nicht sieht: Aber in jedem der mehr als 10.000 Athleten, die hier am Start sind, brennt das Feuer. Und ganz besonders in denen, die hier um die Medaillen kämpfen. Wie schwer es war, hierherzukommen, wie hart der Verdrängungswettbewerb ist und wie besessen man sein muss, um aus zehn Prozent Talent hundert Prozent Leistung zu machen, das verschwindet oft im Glanz des Erfolgs, hinter der Musik, den Hymnen und Fahnen.

          Wir haben im Olympiastadion den schnellsten Mann der Welt gesehen - Usain Bolt aus Jamaika, der scheinbar grenzenlose Fähigkeiten hat, sich selbst zu beschleunigen. Wir haben in der Messehalle ExCel auch den stärksten Mann der Welt gesehen, den Iraner Behdad Salimikordasiabi, der im Reißen erst bei einer Last in den Wettbewerb einstieg, die den meisten am Ende ihrer Performance immer noch zu schwer war.

          Diese Riesen mit ihren eindrucksvollen Bäuchen und den Doppelkinnen wagen es, der Schwerkraft den Kampf anzusagen, und schleudern weit mehr als ihr Körpergewicht in die Luft. Wie riskant es ist, sich mit vier Zentner Eisen anzulegen, nimmt der Außenstehende nur selten wahr. Höchstens, wenn etwas schiefgeht wie am Dienstagabend bei Matthias Steiner. Plötzlich wird ein Sportgerät zur Waffe. Ziel der Gewichtheber aber ist es, das Schwere leicht aussehen zu lassen. So wie es das Ziel der Sprinter ist, den maximalen Vorwärtstrieb in einen Tanz zu verwandeln.

          Die Turner wie Fabian Hambüchen wollen uns vormachen, dass sie von der Erdanziehung ausgenommen sind
          Die Turner wie Fabian Hambüchen wollen uns vormachen, dass sie von der Erdanziehung ausgenommen sind : Bild: dapd

          Die Turner wie Fabian Hambüchen, Marcel Nguyen oder Oksana Chusovitina sind die Verwandten der schweren Kerle auf der Heberbühne - auch sie wollen uns vormachen, dass sie von der Erdanziehung ausgenommen sind. Sie fliegen durch die Lüfte wie Heringe und wie Kanonenkugeln, sie schlagen Salti und Schrauben, so als wollten sie uns zurufen: Schaut her, wir können fliegen! Aber natürlich ist das nichts als Show.

          Selbst Usain Bolt läuft nach seinen messerscharfen Sprints immer wieder an den Ausgangspunkt zurück. Die Gewichtheber-Hantel, die gerade noch in der Luft schwebte, fällt mit einem Krachen wieder auf die Bohle zurück. Und die Wolken würden lachen, wenn sie könnten, über die Flugversuche der hochtrainierten Flöhe am Reck. Denn es ist eine unentrinnbare Wahrheit: Auf jeden Sprung folgt für uns Menschen die Landung.

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          Medaillen des Mittwochs : Die Bisse der Tiger
          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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