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Olympia-Kommentar : Ein Kind Europas

Olympia gehört der ganzen Welt, bleibt aber ein Kind Europas - das zeigten auch wieder die Spiele in London Bild: AFP

Waren es die besten Olympischen Spiele von allen? Vielleicht nicht die besten. Aber die bestmöglichen. Die Briten haben den schmalen Grat zwischen Sicherheit und Lockerheit gefunden - und einen ersten guten Schritt zu mehr Nachhaltigkeit und Sparsamkeit gemacht.

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          Waren es die Besten, die es je gab? Mit dem „best ever“, dem Attribut, das nicht als richtige Goldmedaille für die Bestleistung der Gegenwart verliehen wird, sondern als eine Art virtuelles Gold für die Ewigkeit, wird neuerdings ein wenig freigebig umgegangen.

          Ist Usain Bolt der größte Athlet „aller Zeiten“, wie das dann genannt wird? Obwohl ja noch neue Zeiten dazukommen dürften, und hoffentlich noch bessere. Ist Michael Phelps der größte aller Olympioniken? Spanien die beste aller Fußballmannschaften? Und die Spiele - die besten von allen? Vielleicht nicht die besten. Aber die bestmöglichen.

          So wie es das Kennzeichen großer Sportler ist, der beste zu sein, der sie sein können, war es auch das Kennzeichen dieser Spiele. Besser als die Briten kann man das Weltereignis Olympia unter den Sicherheitsbedingungen des 21. Jahrhunderts nicht organisieren und mit Leben erfüllen.

          Barcelona 1992 und Sydney 2000, beide vom damaligen IOC-Präsidenten Samaranch als „best ever“ geadelt, waren vielleicht eine Spur funkelnder, unbeschwerter. Aber das lag auch daran, dass beide in der zuversichtlichen Zeit zwischen dem Ende des Kalten Krieges und dem Anfang des modernen Terrors stattfanden.

          Wie der letzte funktionierende Katalysator für Großprojekte

          Seit dem 11. September 2001 ist kein Großereignis mehr sicher - entweder vor Anschlägen oder vor den immergleichen Berichten über angeblich völlig überzogene Sicherheitsmaßnahmen. So zeichneten einige Medien auch vor den Spielen in London das Bild einer waffenstarrenden Festung. Das ging an der olympischen Realität weit vorbei. Die Briten haben den schmalen Grat zwischen Sicherheit und Lockerheit gefunden.

          Die andere Bürde, die jeder Olympiaausrichter auf lange Sicht zu tragen haben wird, ist die der wirtschaftlichen und finanziellen Lasten in einem Jahrhundert, in dem die ökonomischen Kräfte sich immer mehr nach Asien verschieben. Im ermattenden Europa wirkt Olympia derzeit wie einer der letzten funktionierenden Katalysatoren für Großprojekte, für neue Infrastrukturen, für Dinge, die auf Generationen, nicht nur auf Wahltermine ausgerichtet sind.

          Olympia gehört der ganzen Welt, bleibt aber ein Kind Europas

          Welches Land, welche Stadt kann noch diese titanische Aufgabe stemmen? Madrid, die Hauptstadt des Krisenlandes Spanien, will sich für 2020 bewerben, doch wirkt das nicht sehr realistisch. Vom Persischen Golf bis zum Pazifik lockt auf lange Sicht das neue, große Geld. Doch die Olympische Bewegung braucht den alten Kontinent immer noch wie keinen anderen. Sie muss deshalb dafür sorgen, die Spiele nicht noch aufwendiger, noch teurer zu machen. London hat einen ersten Schritt zu mehr Nachhaltigkeit und Sparsamkeit bei den Sportstätten gemacht.

          Olympia gehört der ganzen Welt, bleibt aber ein Kind Europas. Dieser Kontinent steht für die größte Vielfalt an Kulturen, Lebensweisen und demokratischen Gesellschaftsformen. Seine Metropolen sind Vielvölkermetropolen geworden, sie haben die Gelassenheit, den Horizont, die Weltläufigkeit für das Weltereignis Olympia, das sich in seiner Wirkung nach außen und innen immer dem Charakter seiner Ausrichterstadt anpasst. In einer Stadt wie Atlanta wurde Olympia zu provinziell, in Athen lustlos und fragmentarisch, in Peking zu kühl und perfektionistisch. In London sind die Spiele wieder lebendig geworden.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

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