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Lost in Translation (5) : Olympia als Hörerlebnis

  • -Aktualisiert am

Klatschen erlaubt, Singen nicht: Bei den Olympischen Spielen in Tokio entsteht so eine ganz eigene Atmosphäre. Bild: Anno Hecker

Bisher war bei Olympia kaum etwas zu hören von der Atmosphäre auf Knopfdruck, die das Internationale Olympische Komitee angekündigt hatte. Was für ein Segen. Sport ist auch ein Hörerlebnis.

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          Mittwoch Morgen. In einer halben Stunde beginnt das Spiel der Deutschen in der riesigen, menschenleeren Saitama Super Arena. Man kann sein eigenes Wort nicht verstehen. Eigentlich hatten wir uns für Basketball eingeschrieben. Ist das vielleicht der Konzertsaal? Aus den Lautsprechern dröhnt der Beat. Ach ja, das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte doch Unterstützung aus dem Off zugesagt. Wäre fad, so ganz ohne Zuschauer.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          IOC-Präsident Thomas Bach will „die Athleten nicht allein lassen“. Es war von einer zugeschalteten, angepassten Geräuschkulisse die Rede. Applaus, Gekreische, Raunen, der Jubelschrei im Chor, die Entrüstung der Massen aus der Konserve zum gegebenen Zeitpunkt. Wo nichts ist, spielen wir was vor. Nichts leichter als das. Das Dröhnen nimmt zu.

          „What can you say?“, schreit der Sänger von oben herab. Gar nichts. Nur das: Bisher war kaum was zu hören von der Atmosphäre auf Knopfdruck. Nicht beim Hockey, auch kein Hintergrundgeräusch beim Basketball zwischen Iran und den USA, nicht beim Kanuslalom, beim 3×3, Fechten, Rugby, Softball. Beim Schießen hallte nur das Peitschen der Schüsse. Was für ein Segen. Sport ist auch ein Hörerlebnis.

          Schnauze, jetzt geht’s um Gold!

          Augen geschlossen, die Ohren gespitzt: Das Dribbeln des Balls, das Schnauben der Pferde, das Surren der Räder, der Aufschlag, der Abschlag, das Eintauchen der Körper, das Ächzen und Stöhnen der Athleten. Selbstverständlich sind Zuschauer durch nichts zu ersetzen, es sei denn durch Zuschauer. Aber das Alleingelassensein hat doch etwas zu bieten. Im Hockeystadion die Nähe unter Kanadiern im Eifer des Gefechts – oder ihre Differenzen.

          Der spitze Schrei der Erlösung von Kanu-Olympiasiegerin Ricarda Funk im Ziel verbreitet sich wie eine Welle der Freude über die Kanalanlage. Das Schluchzen einer untergegangenen Britin ergreift die Herzen. Und die wunderbare Beachvolleyball-Spielerin bemüht vor dem drohenden Scheitern das Selbstgespräch, sinngemäß so: „Reiß dich zusammen, du kannst das besser!“ Die Nähe zueinander, des Sportlers zu sich selbst ist zu hören.

          Sie wurde schon vor Corona übertönt von rieselndem Rauschen. Damit die Zuschauer sich unterhalten fühlen. Mitunter ist der Pegel in Sporthallen so groß geworden, dass der geneigte Fan zur persönlichen Dimmung greift: Ohrenstöpsel. Das bringt was. Die Rückversetzung in die Zeit des Stummfilms ohne Untertitel. Nichts mehr hören, nur noch sehen. Das wünscht sich mancher Athlet in diesen Tagen.

          Den kleinen Mann im Ohr mundtot machen, diesen ewig nervenden Zweifler, der noch Sekunden vor dem Start unbedingt was loswerden will: Schnauze, jetzt geht’s um Gold! Ricarda Funk ist das gelungen. Sie hat alle um sich herum abgeschaltet im Kopf und in der Stille ihren Weg zum Olymp gefunden. Wäre schön, wenn es so einen Schalter für alle gäbe nach Corona, sobald das Rauschen wieder einsetzt. Wie auf dem stillen Ort im Pressezentrum. Ein Knopfdruck, schon schweigt das zwitschernde Vögelchen und mit ihm der säuselnde Bach.

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