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Das IOC und die Nazi-Spiele : Schamlose Werbung

War Stammgast auf der olympischen Bühne: Ágnes Keleti (hier 1952 in Helsinki auf dem Podest rechts) Bild: Picture-Alliance

Das IOC feiert sich in Tokio in einem Werbefilm mit Riefenstahl-Bildern und einer Holocaust-Überlebenden, deren Familienschicksal mit keiner Silbe erwähnt wird. Es ist ein entgrenzender Tabubruch.

          2 Min.

          Die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) lief seit eineinviertel Stunden, Generaldirektor Christophe de Kepper hatte seine Rede gerade mit der beschwörenden Formel von Einigkeit in Vielfalt und gemeinsamer Stärke beendet, als es Zeit für ein Werbefilmchen wurde. Die Mitglieder bekamen zu sehen, was seit der vergangenen Woche in den sozialen Netzwerken zu finden ist. Das IOC wirbt mit dem Gesicht der im Januar 100 Jahre alt gewordenen Ungarin Ágnes Keleti, der ältesten lebenden Olympiasiegerin.

          „100 Jahre, ein Leben. Eine Olympionikin. Was hat Ágnes in ihrem Jahrhundert gesehen?“, beginnt der 69 Sekunden lange Clip. „Ein Licht, das die ganze Welt erleuchtet hat“, geht es weiter. Dann Bilder von Jesse Owens bei Adolf Hitlers Spielen 1936. Text: „Sie sah den Enkel von Sklaven Freiheit neu definieren.“ Das ist das Geschichtsbild des Internationalen Olympischen Komitees: Owens hat die Freiheit unter den Nationalsozialisten neu definiert.

          Abstoßende Schlaglichter

          Es ist das dritte Mal seit Juli 2020, dass das IOC unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach in schamloser Art und Weise mit den Nazi-Spielen Werbung macht. Ein erster Clip aus dem Juli 2020 wurde noch gelöscht. Ein Vermarktungsfilmchen mit Riefenstahls Propagandabildern unter dem Motto Freundschaft vom 29. Januar 2021 dann schon nicht mehr. Und nun wird das eigene Geschichtsbild zur Selbstvergewisserung der eigenen Klientel und Millionen Followern in aller Welt vorgeführt.

          Geradezu entgrenzend schamlos wird der Tabubruch vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte von Ágnes Keleti: Nachdem die Turnerin schon ihre Nominierung für die letztlich wegen des Zweiten Weltkriegs abgesagten Spiele in Tokio 1940 aufgrund ihres jüdischen Glaubens verlor, ermordeten die Gastgeber der Spiele von 1936 ihren Vater und mehrere Onkel von Ágnes Keleti 1944 in Auschwitz. Sie überlebte den Holocaust, weil sie eine andere Identität annahm. Sie lebte jahrzehntelang außerhalb Ungarns, weil sie den Antisemitismus in ihrer Heimat nicht ertrug. Das alles erwähnt das IOC mit keinem Wort.

          Stattdessen wirbt die Organisation mit Ágnes Keleti und Bildern seiner eigenen Anbiederung an die mörderischsten Gastgeber, denen es bislang die Olympischen Spiele anvertraut hat. Mit der Veranstaltung bei den Gastgebern, die alsbald die Welt mit ihrem Krieg überzogen. Deren Mörder und Henker das Leben von Millionen auf dem Gewissen haben, unter ihnen einige von Keletis engsten Verwandten.

          Wer auch immer beim IOC diesen Film, in den auch Bilder aus Riefenstahls Propagandafilm „Fest der Schönheit“ zwischengeschnitten sind, abgenommen hat, tat es in dem Wissen, dass die Spiele in einem halben Jahr in die nächste Diktatur ziehen, nach China. Auf dem Weg dorthin sendet das IOC abstoßende Schlaglichter auf das eigene Weltbild. In Tokio applaudierten seine Mitglieder dem Film.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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