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Olympia auf Social Media : Das virtuelle Dorf

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Social Media bei Olympia: Viele Athleten „zwitschern“ fleißig Bild: Steinhauer

Die Athleten nutzen Twitter und Facebook während der Olympischen Spiele wie noch nie zuvor - zur Selbstdarstellung, Vermarktung und Seelsorge. Damit sich jeder im Netz auch richtig verhält, hat das IOC einen Leitfaden rausgegeben. Manchem gelingt es trotzdem nicht.

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          Es ist der Tag danach, und Philipp Boy geht es nicht gut. „Diese Niederlage tut einfach unglaublich weh!!!“, schreibt der Kunstturner auf Facebook. Der Fuß kaputt, der Traum von einer olympischen Einzelmedaille ausgeträumt und Frust mit drei Ausrufezeichen auf der Seele - eigentlich ist Facebook für jemanden wie den 25 Jahre alten Boy, der seine Befindlichkeiten so bereitwillig in die Öffentlichkeit trägt, die perfekte Adresse, um Gefühlshygiene zu betreiben. „Verdammte Sch. . .“, setzt er seinen Eintrag im sozialen Netzwerk fort und lässt ihn in einer icongarnierten Klage gipfeln: „Beschissener hätte es nicht laufen können :-( warum nur in diesem Jahr? Warum nur?!!!!“

          Diese plagende Frage wissen Boys mehr als 30.000 Facebook-Freunde zwar nicht zu beantworten. Immerhin können sie ihn trösten. 306 „Kopf hoch“-Kommentare folgen auf den Eintrag. Manch weibliches Geschöpf versucht das Ego des bübchenhaften Beau aus Cottbus mit geschmachteten Komplimenten wiederaufzurichten: „Doesn’t matter, you’re still sexy.“ Schöne neue virtolympische Welt, in der sich die Athleten ihre Seelsorge einfach selbst organisieren. In der ersten Woche soll die Phrase „Good Luck“ nach Angaben des Kurznachrichtendienstes Twitter mehr als 1,2 Millionen Mal gezwitschert worden sein.

          Der Sportgeist weht im virtuellen Raum

          Der Sportsgeist weht anlässlich der Londoner Spiele viel heftiger als noch vor vier Jahren im virtuellen Raum, der sich seit den Spielen in Peking enorm ausgebreitet hat: Damals zählte Facebook 100 Millionen Mitglieder - heute sind es 900 Millionen. Twitter ist noch stärker gewachsen: von sechs auf 600 Millionen Nutzern seit 2008. So laufen die sozialen Netzwerke in diesen olympischen Tagen ähnlich auf Hochtouren wie die Spiele selbst, Sportler bloggen von ihrem Taschen-Einkauf in London (Carolyn Nytra auf dem Olympia-Blog der ARD), twittern von Traurigkeit (Sabine Lisicki), sie posten Fotos von ihrer letzten Mahlzeit vor der Abreise (Timo Boll: chinesisch), und die Fans kommentieren es eifrig (“Hauptsache, kein Glutamat drin!“).

          Boys Kollege Marcel Nguyen konnte seine Popularität während seines Auftritts auf der Londoner Bühne nachweislich steigern, die Zahl seiner Facebook-Freunde soll in den vergangenen Tagen so stark gestiegen sein wie bei keinem anderen deutschen Olympia-Teilnehmer, sein Manager hofft, dass sich die Zahl der interessierten Sponsoren ähnlich entwickelt. Social Networking ist für die Sportler eine Mischung aus Selbstdarstellung und knallharter Selbstvermarktung; das gilt ganz besonders für solche Athleten wie die Turner Boy und Ngyuen, die aus Marketingperspektive eher in Orchideendisziplinen unterwegs sind.

          Boy besucht das olympische Tennisturnier - und jeder kann daran teilhaben

          In den Netzforen entscheiden die Sportler selbst, was sie preisgeben. Sich in aller Ruhe in einer Facebook-Botschaft über den Zustand von Körper und Geist auszulassen muss doch wesentlich entspannter sein als zu den Bedingungen dieser Fernsehleute, die die Sportler scheinbar in der Sekunde nach ihrem Wettkampf aus dem Schwimmbecken, von der Matte oder der Ziellinie vor die Kameras zerren, damit sie dort, noch nach Luft, um Worte und eine halbwegs vorzeigbare Frisur ringend, irgendetwas besonders Intimes, Verblüffendes, Hauptsache Authentisches sagen.

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